Kommentar: Mangel der Fülle im Haus der Kunst? – Joan Jonas und München

  • 10.08.2018

Man mag sich mit einem Achselzucken darüber hinwegbewegen, dass ES sich nicht ereignet, und das vor allem dann und erst recht, wenn Es nicht einer zwingenden Notwendigkeit entspringt - wie das eben bei Dingen, Sachverhalten und überhaupt möglichen Interessensgebieten der Fall ist, wo der Begriff nicht vorliegt und damit das Bewußtsein sich in Sphären aufhält, in denen eine Lücke nicht als Lücke und ein Verlust nicht als Verlust wahrgenommen werden kann. Man könnte das auf die durchaus positiv zu sehende Formel bringen: je geringer die Einspeisung von Informationen je harmloser die Problemstellungen. Die entstehende Erlebnisarmut verweist uns wie selbstverständlich in eine fest abgesteckte, kartografierte Lebenswelt, deren Horizont sich allemal durch den permanent zu bestehen scheinenden Mangel definiert ist und in der Sehnsucht lebt, eine nie zu erreichende Fülle zu erstreben.

Diese, die Fülle, der Überfluß, selbst wird zum immer aufgehobenen Geheimnis, das uns ständig begleitet und zwar sichtlich begleitet in einer Stadt, deren vornehmliches Merkmal die Komplexitätsverweigerung ist. Das zielt auf ein Bewußtsein, welches, um es mit Hegel zu beschreiben,

‚in der Angst lebt, die Herrlichkeit seines Inneren durch Handlung und Dasein zu beflecken, und um die Reinheit seines Herzens zu bewahren, flieht es die Berührung mit der Wirklichkeit und beharret in der eigensinnigen Kraftlosigkeit, seinem zur letzten Abstraktion zugespitzten Selbst zu entsagen (...)‘.

Mangel und Fülle, einmal genommen als binäres Prinzip, stehen eben nicht so stillschweigend nebeneinander und will man sie in produktive Dynamik übersetzen, so bedarf es intelligeneterer Ansätze als einem einerseits Ja und andererseits Nein - es liegt da ein ganz großese Mißverständnis vor, die Null als einen absoluten Mangel oder eben gänzliche Abwesenheit zu entziffern und zu lesen. Nun ist der Stadt München auf irgendeine Weise gegeben, der Kunst eine Anwesenheit zu gestattten, allein sie läutert diese Großzügigkeit direkt mit einer prinzipiell aufgehobenen Öffentlichkeit, mit dem zum Verschwinden gebrachten Diskurs über die Kunst, einem Abtauchen ins bloße Dulden, welches dann und wann umschlägt in das Erzeugen eines Zustandes, selbst dieses Dulden nicht mehr aufbringen zu wollen.

Das, so sieht es gerade aus, passiert gerade dann, wenn es um Kunst geht, die über die niedrigschwellige Aufteilung von ‚Mangel und Fülle‘ weit hinausgegangen ist, sich über ihr Existenzrecht nicht in selbstzerfleischender Weise Gedanken gemacht zu haben, um sich ein Minimum an Präsenz erkämpft zu haben - das will nicht heißen, dass Joan Jonas nie und keiner Ignoranz begegnet wäre, im Gegenteil fand sie in New York verhältnismäßig spät Anerkennung. Joan Jonas hat ihre künstlerische Produktion mit einer enormen Komplexität und Vielschichtigkeit betrieben, die nur schlecht auf irgendwelche Nullstellen zurückgeführt werden kann. Ihre Performances sind nicht aus dem Substanzlosen erzeugte Einzelereignisse, sonder Anreicherungen aus Wirklichkeiten, Tableaus durch Aufladungen im hin und her von Schichten und aus diesen und durch diese, von einer Ebene zur anderen und zurück, Bilderfluten, Filme, Maskierungen, die nicht auf einem leeren Körper liegen, Spiele eben, eher Steigerungen und Verdoppelungen, unendliche Variationen - und all das wirkt nur angespannt auf dem Boden dürftiger Dürre.

Darin könnte jetzt wirklich der einzige Grund liegen, die Ausstellung von Joan Jonas abzusagen, als sie eine Ödnis anzeigen würde, deren gefließentliche Verdeckung auf die Dauer sicher nicht mehr aufzuhalten ist. Sind es die finanziellen Mittel einer Stadt wie München? Wohl kaum, betrachtet man sie als Ganzes, eher ihre eigene, permanente Scham über ihr volles Dasein.