Kommentar: SOBEY ART AWARD – October Talks im Salzburger Kunstverein: mit Josèe Drouin-Brisebois - Senior Curator für zeitgenössische Kunst, National Gallery of Canada in Ottawa

  • 16.10.2018

Kunstpreise liegen an einer Stelle, die einen Übergang anzeigen. Indem sie eine Anerkennung aussprechen, ziehen sie das Einzelne, das Konkrete auf eine allgemeinere Ebene. Im besten Falle nehmen sie eine Korrektur vor, eine Umdefinition dessen, was man als das Kanonische der Kultur bezeichnen könnte. Auf eine bestimmte Weise - Kunstpreise sind selbst Teil der Kultur - werden Einschreibungen vorgenommen, seismographische Abstimmungen installiert, deren Zielstellungen in erster Linie auf ästhetische Balancen gerichtet sind, dann auf gesellschaftliche, soziale oder auch politische und historische. Wir bleiben auf dem Feld kultureller Paradigmen.

Der Salzburger Kunstverein hat jetzt im Rahmen seiner ‚October Talks‘ Josèe Drouin-Brisebois, Senior Curator für zeitgenössische Kunst an der National Gallery of Canada in Ottawa, eingeladen, um den hoch dotierten ‚Sobey Art Award‘ für Gegenwartskunst vorzustellen. Das mag zunächst als ein Randphänomen im weltweiten Getriebe der Kunst und der Kunstpreise erscheinen, und die Frage, weshalb dieser sehr spezifisch kanadische Preis der Aufmerksamkeit einer nicht sehr zahlreichen, europäische Zuhörerschaft präsentiert wird, läßt sich schwer aus ihm selbst beantworten. Dennoch ist es Drouin-Brisebois gelungen, eines der spannenderen Diskussionsthemen der Kunst zu transportieren und in den Raum zu stellen. Es geht um das Verhältnis kultureller Repräsentation zu Minoritäten in postkolonialen Gesellschaften.

Ganz sicher gelingt es dem Sobey Art Award, 2002 gestiftet und inzwischen ausgetragen von der Sobey Art Foundation und der National Gallery of Canada, die soziale und gesellschaftliche Rolle der Kunst und des Künstlers deutlich zu machen. Die ausgesetzten Preisgelder verteilen sich auf alle fünfundzwanzig in einer Longlist nominierten Künstler ($ 2.000), steigern sich hinsichtlich der fünf in eine Shortlist Ausgewählten ($ 25.000) und erreichen bei der Ausschüttung auf den Preisträger eine Summe von hunderttausend kanadischen Dollar. Arbeiten der fünf Anwärter auf den ersten Preis werden in der National Gallery of Canada bis zum 10. Februar 2019 gezeigt.

Eine Reihe der Auswahlkriterien für den Preis beziehen sich auf die geografische Struktur des Landes. Aus den in fünf Bereiche aufgeteilten Regionen Kanadas werden je fünf Künstler ausgewählt und, jeweils daraus, einer in die Shortlist gewählt. Die Altersbeschränkung liegt bei vierzig.

Josèe Drouin-Brisebois stellt die fünf Künstler der Shortlist 2018 vor:

Jordan Bennett kommt aus der Atlantic Region, geboren in Stephenville, Crossing Ktaqamkuk und von Mi‘kmaqischer Abstammung. Seine Arbeiten erstrecken sich über Malerei, Skulptur, Videos, Installationen und setzen sich darin mit dem Land, der Sprache und der Geschichte auseinander, in der er die Eigenlogik und Stereotypen kolonialer Blickweisen auf indigene Lebenswelten untersucht. Die jetzt in Ottawa gezeigte Arbeit, ‚Ice Fishing’ (2014), war schon auf der Biennale in Venedig zu sehen. Es ist eine stark atmosphärisch aufgeladene Installation, die, wie der Name sagt, sich auf das Eisfischen bezieht und von Bennett um eine Erfahrung angesiedelt wird, die in einer sehr spezifische Sprachsituation mit seinem Vater nachgestellt ist. Überhaupt wird hier ein Kontext aufgespannt, der Sprache, als einer allgemeinen Kommunikationsinstanz, in einen Entstehungszusammenhang stellt, wie eben den Gesprächen beim Sitzen um ein Loch im Eis, und damit die Sprache, als endloses Spiel seiner Variablen aufweist und diese als Element in die Kunst einspeist.

Mit Kapwani Kiwanga verbindet sich ein Interesse an Geschichte, Erinnerung und Erzählen. Auch sie verlegt sich nicht auf ein Medium und ihre Ausbildung in Anthropologie, vergleichende Religionswissenschaft und Dokumentarfilm gestattet es ihr, ihre Untersuchungen auf dem Feld des Imaginieren in Installationen, Performances, Skulpturen und Vieos umzusetzen. Wissen und Erinnerung verweist sie auf das Gebiet kultureller Ausformungen und spielt in ihren Arbeiten auf die Verwirrungen von für Wahr Gehaltenem und Fiktion an. Thematisch zieht sie solche Auseinandersetzungen aus Weltraumreisen, den Friktionen antikolonialer Entwicklungen, Geologie und Architektur. Die im Kontext des Sobey Art Award gezeigte Arbeit zieht ihre Linien über die psychologische Wirksamkeit vom Einsatz von Farbe in Gefängnissen und Krankenhäusern über architektonische Verschränkungen hin zu einem Verwirrspiel, das der Verwendung von einmal festgelegten Mechanismen einen fragwürdigen Rahmen verleiht.

Die Fotoarbeiten von Joi T. Arcand wirken erst auf den zweiten Blick unverständlich. Es sind Aufnahmen in und von zivilisatorisch geprägten Umgebungen, Häuser, Autos, Zäune, Werbeplakaten in Städte, Vorstädten, Siedlungen. Arcand produziert feinsinnige Collagen, indem sie alle zunächst im Foto enthaltenen Schriftzeichen ersetzt durch die Typographie der Nehiyawewin oder Plains Cree (Y dialect) Sprache. Damit erfahren die Fotografien eine seltsame Drehung. Sie werden einer Selbstverständlichkeit beraubt und in eine Unverständlichkeit überführt, die es nur wenigen erlaubt, darin lesen zu können.

Aber auch für diese sind die Bilder keine Bilder des Gewohnten, als Bilder sind diese Collagen eine Fiktion, in der Zeichen einer Schrift eingebaut sind, die es so in der Wirklichkeit nicht gibt. Arcand zeigt hier eine Bruchstelle auf, auch darin, dass sie die Schrift an anderen Stellen verwendet. Sie installiert große, leuchtende Schriftfolgen, die bisher so keinen Ort gefunden haben. Für den der Schrift Unkundigen sieht das aus, wie eine Abfolge von Fantasiezeichen, für den Kundigen schreibt sich etwas in die Welt, die er so als Bild nie gesehen hat. Etwas beginnt zu irisieren, eine Ablösung findet statt: das Bild der Welt ist ein definiertes, ein gemachtes Bild.

Die Anwendung spezifischer künstlerischer Mittel geht bei Jeneen Frei Njootli in ihren Performances, Sound-Installationen, Kooperationen und Workshops auf das Herausschälen von ephemeren Erscheinungen. Es ist schwierig zu sagen, in welcher Rolle sie auftritt und innerhalb welcher Gruppierung sich ihre Äußerungen abspielen und welchen Kontext sie sich wählt. Eine Arbeit in Ottawa ist das Fell, eines bei einer Jagd, gemeinsam mit ihrem Bruder, erlegten Tieres, aus dem einige Teile herausgeschnitten sind, die wiederum durch einen Stab gehalten, an die Wand gepreßt werden. Diese Arbeit wird bestehen bis zum Ende der Ausstellung, um dann in einen Mantel für ihren Bruder umgearbeitet zu werden. Njooti zielt nicht auf ein Werk, eher auf permanente Mutationen. Eine Reihe von Metallplatten sind an die Wand gestellt, auf denen sie Spuren hinterlassen hat, mit eingeölten Teilen ihres Körpers. Die Spuren verschwinden langsam, mehr und mehr. Njootli hat zehn Jahre als nicht eingeladener Gast in den Gebieten Musqueam, Squamish, Sto:lo und Tsleil-Waututh gelebt und gearbeitet. Die Präsenz ihrer Arbeiten ist enorm, auch und gerade weil sie auf ihr Verschwinden angelegt sind.

Jon Rafmans groß angelegten Videoinstallationen sind die Fragestellungen inhärent, die an der Stelle auftauchen, wo das Wirkliche selbst in das Mediale übergeht und umgekehrt. Post-Internet oder Net sind seine Spielflächen und sein Vokabular greift den Moment auf, der den Bestand des Realen ununterscheidbar macht vom Reich des Möglichen. Die Aussetzung des Kriteriums des Echten, respektive des Unechten, manifestiert sich deutlich und weist auf Erfahrungsräume, in denen sich diese Aussetzung perpetuiert, den der Geographie, des Körpers, wie der politischen Macht.

Vor Rafman macht Drouin-Brisebois eine kurze Pause und stellt den Zusammenhang in den Raum, dass sowohl Bennetts, Kiwangas, Arcands als auch Njootlis Arbeiten vor ihrem indigenen Hintergrund zu sehen und zu denken sind und stellt heraus, dass es durchaus bemerkenswert ist, wie sich hier ein post-kolonialer Diskurs eingeschrieben hat. Die sich anschließende Diskussion und das wirklich Interessante an ihrem Vortrag ist der Aspekt, wie sich eine Gesellschaft auf immer komplexere Weise in der Kunst und der Kultur abbildet und den Suprematieanspruch des ‚weißen Mannes‘ nach hinten verschiebt.

Dabei geht es nicht einfach darum, dass sich die Kunst als Ausdrucksmittel ausgedehnt hat und bereit steht für Minoritäten, die in die Kunst einfach ihre Erzählungen einbringen. Es ist vielmehr so, dass sich die Kunst verändert, dass sie an dem Punkt der Erweiterung ihres Feldes ihre Rolle als Idealkonstante, als eine Art Standardmaß, vielleicht durch die Konfrontation mit dem Internet, verliert und ins Fließen gerät. Die tradierten Narrative haben sich längst verflüchtigt, die Formen können kaum noch für eine irgendwie attraktive Rechtfertigung herhalten.

Das kulturelle Paradigma befindet sich so, und gerade durch einen Kunstpreis, wie dem Sobey Art Award, mit seinen strukturell erscheinenden Auswahlkriterien, in einer Entwicklung von Verfeinerungen, Präzisierungen und Neujustierungen, die zuvor noch nicht in seinemWahrnehmungs- und Erwartungshorizont lagen. Drouin-Brisebois sagt sehr klar, es ginge nicht um einen paritätischen Ausgleich, sondern darum, wo die Kunst interessant und spannend wird.