Kommentar: Von der Unwirklichkeit der Städte – Die Rekonstruktion der neuen Altstadt, Frankfurt am Main

  • 09.10.2018

Da haben sie den Modernisten ja eins reingewürgt. Ja, wie Architekturkritiker Till Briegleb etwa in seiner art-Kolumne schadenfroh feststellt: die „schöpferische Rekonstruktion“ der Neuen Frankfurter Altstadt, eines Ensembles aus fünfunddreißig Fachwerkhäusern aus dem Mittelalter und der Renaissance, die im Krieg zerstört wurden – sie ist tatsächlich der absolute Gegenentwurf zum „Weniger ist mehr!“. Die engen Gassen, die sanft stilisierten, nach allen Regeln der Handwerkskunst ausgeführten buntfarbigen Fassaden, die hübschen kleinen Höfe, die originellen Details, die beeindruckende Vielfalt des Dekors des Ensembles, von denen fünfzehn Häuser originalgetreu nachgebaut und 20 frei historisierend interpretiert wurden, überzeugen nicht nur Touristen und Bevölkerung, sondern auch überraschend große Teile der Kritik: Ein fantastisches Beispiel für eine gelungene Mischung aus Alt und Neu, die Brüche zulässt und „von der Hoffnung der Gegenwart“ zeugt, „alles möge sich irgendwie mit allem bestens vereinbaren lassen“, wie etwa auch Hanno Rauterberg in der Zeit schreibt.

Gottlob. Denn welche Alternativen hätte die zeitgenössischen Architektur geboten, die man in anderen Städten vielleicht dem für das Ensemble abgerissenen Block des brutalistischen Technischen Rathauses mit seinem Ostblock-Charme entgegengesetzt hätte? Die abgehobenen Stararchitekten mit ihren gebogenen Stahlträgern, ihren spiegelglatten Glasfassaden, mit ihrer Farbpalette aus grau und beige. Oder die Funktionsarchitekten mit ihren Neubau-Stadtteilen: Wie vom Algorithmus geplant, haargenau gleich in jeder Stadt, ob Neue Mitte Altona, Europaviertel oder HafenCity Hamburg. Musterkataloge von zweckgerichteten Bauen, gestreamlined und völlig der kommerziellen Erschließung zugerichtet, mit banalen, lebensfeindlichen Stadtkulissen von ewiger Sauberkeit, deren Bewohner*innen-Figürchen schon in den Renderings völlig deplaziert wirken, mit winzigen Deko-Grünflächen, die nicht zu betreten sind und hostilen Architekturelementen gegen das Herumlungern.

Zurück zum Ursprung also, nach all den Jahrhunderten. Die modernistische Stadtidee der Charta von Athen mit ihren per Lineal gezogenen Straßen, deren Ideen in vielen Neubauprojekten immer noch nachzuwirken scheinen, sie ist endgültig gescheitert. „Von der Unwirtlichkeit der Städte“ schreibt Alexander Mitscherlich in den 70er Jahren etwa über funktionelle Neubauten und deren isolierende Wirkung auf ihre Bewohner*innen. Weg also von den Großwohnblöcken, wieder hin zum dichten Gassengewirr, den von LeCorbusier so gehassten, unlogischenHinterhöfen, den Sackgassen, den von ihm so genannten„Donkeypaths“ ohne jeden Sinn? Hin zur Verdichtung, die etwa auch der „New Urbanism“ fordert, wenn er das Zersiedeln der 90er Jahre, der Suburbanisierung und der Verödung der Innenstädte die fußgängerfreundliche Innenstadt gegenüberstellt, die das menschliche Gemeinschaftsleben wieder in den Mittelpunkt stellt? Macht Sinn.

Aber bei allem urbanistischem Wohlfühl-Faktor, ist das Dom-Römer Projekt jetzt nicht einfach nur Fake? Ist es nicht einfach nur ein architektonisches Disneyland mitten in der Stadt? (Ist sie nicht sogar ein faschistoides Wunderland der Geschichtsfälschung, wie ihr Architekturtheoretiker Stefan Trüby nahelegt, wenn er auf ihre Urheber aus dem rechten Lager hinweist?) Egal, wie etwa Hanno Rauterberg zum Thema Frankfurt weiter schreibt, Architektur sei ja immer Illusion; so gaukeln uns ja auch Glastürme vor, sie seien transparent, wenn sie in Wahrheit undurchsichtig bleiben. Und wenn die Menschen eben historische Fachwerkhäuser mögen, sich auch nach hundert Jahren Bauhaus nicht an Stahl und Glas gewöhnen wollen, wenn die moderne Architektur ihren eigenen Anspruch – das „menschliche Maß“, das LeCorbusier 1933 noch behauptet hat – nicht einhalten hat können, dann müssen wir uns erprobten und für gut befundenen Konzepten zuwenden.

„Diese Altstadt ist eben mehr als nur ein Bild, sie verkörpert eine Lebensform und vielleicht sogar gebauten Gemeinsinn. Jedenfalls erzählt die Rekonstruktion auch von dieser Sehnsucht: Ein eng verwobenes Ensemble ist entstanden und damit ein Symbol dafür, dass eine Gesellschaft der Singularitäten wieder auf Einbindung hofft und Nähe wagt“,

schreibt Rauterberg vollmundig.

Es ist tatsächlich eng und voll in Frankfurt, an einem sonnigen Samstag in der Neuen Altstadt, Buchmessezeit, ein wenige Monate nach Fertigstellung des Ensembles. Touristen fotografieren, trinken glückselig ihren Wein, verlieren sich in dem kleinen Labyrinth. Es wirkt gemütlich, ja. Aber irgendwas stimmt ja trotzdem nicht im Ensemble. Irgendetwas hat sich nicht eingelöst in dem vielversprechenden Mikrokosmos der Einbindung. Denn „wie verwoben“ scheint hier gar nichts. In die gewerblich genutzten Erdgeschosszonen sind nicht etwa Tante-Emma- oder Gemüseläden eingezogen, sondern Souvenir-, Schmuck- und Spielzeuggeschäfte; das „Alte Kaufhaus“ beherbergt jetzt einen Concept-Store. Und die Plätze sind nicht die konsumfreien Räume zum nachbarschaftlichen Austausch geworden, sondern sind frei von jeglichen Sitzmöbeln, die nicht von Cafes gestellt werden. Und spät abends, wenn die Läden, die Cafes geschlossen haben, ist es still und unheimlich in der Neuen Altstadt. Ist das aber am Ende die Disneyland-Architektur, der Fake, der die unheimliche Stimmung erzeugt? Wohl nicht. Vielmehr überlegt man sich, abends in der menschenleeren Zone, ob vielleicht das „menschliche Maß“ der Siedlung nicht ausgerechnet bei dem wichtigsten Parameter vergessen wurde: den Mieten.   5000 Euro der Quadratmeter, so schreibt Rauterberg sogar in seinem Text, wenn er zynischer Weise schreibt, dass Enge jetzt neuerdings Luxus bedeutet. Aber Rauterberg, der im Übrigen so tut als wären diese Mieten gottgegeben, verknüpft deren absurde Höhe letztlich überhaupt nicht mit der Frage, ob hier wirklicher Stadtraum oder nur dessen Simulation gebaut wurde. Und auch der so kritische Trüby schreibt nur lapidar:

„Die Frage des bezahlbaren Wohnraums und einer „Stadt für alle“ löst das Viertel nicht, aber das will es auch garnicht, nicht einmal im Ansatz.“

Ja, es ist ein sehr kleines Projekt, ein Mikrokosmos von nur sechzig Wohneinheiten (denen 30 Geschäfte gegenüberstehen), nur schwer zu vergleichen mit großen urbanen Neubauprojekten. Aber wenn hier, in einer Stadt mit Wohnungsnot und notorisch hohem Mietniveau mit großem medialen Tamtam mehr Anlageobjekte und Verwertungskonzepte geschaffen, für Besucher und Touristen gebaut wurde, und diese Tatsache im Architektur-Hickhack völlig unter den Teppich gekehrt wird, dann müssen wir darüber nachdenken, ob wir nicht die falschen Fragen stellen. Denn egal ob wir es mit der chaotischen Metropole zu tun haben oder mit dem „New Urbanism“: Stadt wird von ihren Nutzern entscheidend mitdefiniert. Und trotz der historisch gewachsenen Strukturen, trotz der heimeligen Hinterhöfe ist die Neue Frankfurter Altstadt kaum das „fortschrittliche Modellprojekt“ (Rauterberg) für die Rückkehr zum menschenfreundlichen Zusammenleben, sondern nicht viel mehr eine weitere Spielart der städtischen Verwertungsmaschinerie und Vermarktungspolitik der „unternehmerischen Stadt“, von Standort- statt Stadtpolitik mit hundertprozentiger Fokussierung auf die Außenwirkung.

Die Neue Altstadt ist also Fake. Aber nicht etwa wegen ihrem historisierenden Fachwerk-Chic hat sie nur sehr wenig mit der „New-Urbanism“-Idylle der freundlichen Nachbarschaft zu tun, sondern genau aus diesem Mangel an Nachbarschaft rückt sie in die Nähe der Kleinstadtkulissen von Disneyland bis zum Outlet-Dorf Neumünster. Denn wäre das verkehrsfreie, von kleinen Häusern, engen Gassen und Plätzen charakterisierte Fashion-Outlet nicht plötzlich ja doch ein ganz akzeptabler Stadtteil, wenn da Menschen wohnen könnten, sozial durchmischt, mit Angeboten für Aneignung? Mit konsumfreien Sitzgelegenheiten und Nachbarschaftszentren? Würden hier nicht auch hier „Donkeypaths“ entstehen? Und auch umgekehrt: zeigen nicht entkernte Luxus-Viertel wie etwa Wiens "Goldenes Quartier", der verödeten Innenstadt-Zombiehölle aus realen Gründerzeithäusern, deren sämtliche Wohnungen als Investments natürlich nicht bewohnt werden, wie entfesselte Preispolitik aus tatsächlich gewachsenen Stadtteilen der völligen Verwertung untergeordnete Disneyland-Strukturen machen?

Rauterberg hat natürlich recht wenn er sagt, Architektur war und ist immer illusionär. Er und Briegleb haben auch recht, wenn sie das Architekturensemble als angenehme Umgebung, als gelungene Rekonstruktion beschreibt.

Und vielleicht haben auch die Vertreter der Neofaschismus-Theorie recht. Aber im billigeren Hinterland der Hamburger Hafencity, wo man die meisten Sozialwohnungen versteckt, wehen schon St. Pauli Flaggen, kleben Sticker, entstehen Nachbarschafts-Initiativen, sieht man abends im Sommer Menschen am Wasser. Ob Stahl-und-Glas oder Fachwerk scheint dann letztlich egal. Wenn das Primat der unternehmerischen Stadt nicht langsam überdacht wird, dann werden architektonische Stilfragen beim Punkt des menschlichen Zusammenlebens nur ins Leere gehen.