Kontingenz_02 – Photographers (DE)

Unsere bildgewaltige Zeit besteht aus einem scheinbar trivialen und ergiebigen Bildreservoir und so haben wir durch die tägliche Bilderflut gelernt, ebendiese Bilder binnen weniger Augenblicke in einen Kontext zu stellen.

Die ständige Wiederholung von bestimmten Bildstrategien, Bildaufbau und angedeuteten Handlungssträngen hat die Imagination eines breiten Publikums an visuelle Stereotype gewöhnt und sorgt damit für eine bestimmte Erwartungshaltung. Lange bevor digitale Bilder und Programme wie Instagram unser Verständnis von Bildern beeinflusst haben, gab es bereits Strategien den Betrachter einzubeziehen.

In München waren im Zeitraum von April bis Juli 2015 eine Reihe von Fotografieausstellungen zu sehen, die das Medium in unterschiedlichen Konstellationen und mit einer Fülle an Themen zeigten.

Neue Medien, Werbung und ein neues politisches Verständnis von vormals marginalisierten Gruppen veränderten unser Verständnis zur Welt und damit zur Kunst. Insbesondere die 70er Jahre brachten neue Strömungen hervor und erweiterten den Kunstbegriff um Reflexionen über den Körper. Dabei etablierten sie ein politisches Verständnis des Körpers. Die Politik des Körpers wurde in eine Politik der Ästhetik des Körpers transformiert und forderte neue Begrifflichkeiten. Dies öffnete feministischen Diskursen, unter dem Einbezug der Semiotik und Psychoanalyse, den Weg.

In diesem Zusammenhang sind die Positionen von u.a. Cindy Sherman in der Sammlung Goetz, Larry Clark in der Galerie Pfefferle und Anders Petersen im Münchner Stadtmuseum zu sehen.

Cindy Sherman

Sherman nutzte die Inszenierung von Bildern lange bevor der Begriff Selfie geboren war. Zwar sind ihre Bilder keine Selbstporträts im klassischen Sinne, aber sie schlüpft, ähnlich einer Schauspielerin, in diverse weibliche Rollenbilder und inszeniert verschiedene weibliche Typen. Dabei bezieht sich die amerikanische Künstlerin auf Stereotype des kollektiven Bildgedächtnisses in einer medial geprägten Gesellschaft. Besonders interessant an ihrer Arbeit ist die Dialogizität zu unterschiedlichen Bereichen. Bekannt wurde die Künstlerin durch die Schwarz-Weiß-Serie Untitled Film Stills (1977-1980), in denen sie stereotype Frauenfiguren aus fiktiven Filmszenen der 50er-Jahre verkörpert. Die Serie bewegt sich an der Schnittstellen von Film und Fotografie, verbindet die Omnipräsenz des Bildes und den damit verknüpften Assoziationen mit dem persönlichen Hintergrund eines jeden Betrachters und stellt die Frage nach den Folgen von Stereotypen auf unsere Vorstellungskraft. Stets darauf bedacht mit wenigen Mitteln ein zentrales Motiv darzustellen, bleibt es dem Betrachter überlassen mit seinem Wissenstand die einzelnen Motive in einen Handlungsstrang aufzulösen. Die retrospektive Ausstellung in der Sammlung Goetz, die in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin konzipiert wurde, gibt einen feinsinnigen Überblick auf das Gesamtwerk.

Nan Goldin

Alle Werke von Goldin sind geprägt von einer Akzeptanz und Sensibilität gegenüber der Porträtierten. Sie sind ein Versuch liebender Zeugenschaft. Diese Werke werden nun den Werken des Malers Mario Fani gegenübergestellt, dessen liebstes Sujet das Interieur seines eigenen kleinen Landhauses ist. Die Entscheidung beide Künstler gemeinsam zu zeigen ist letztendlich eine sehr museale Konstruktion. Goldin lies am Anfang ihrer Karriere ihre Werke als Dias im Intimität der Dunkelheit zeigen, da sie die fertig gerahmten und ausgeleuchteten Fotografien mit dem Verlust von Privatheit assoziierte – nun scheint sie mitten im Kunstmarkt angekommen zu sein. Die Ausstellung in der Galerie Rieder ist eine Fokussierung auf die Privatheit und den künstlerischen Blick über eben diesen stillen Moment, den beide für ihre Arbeiten benötigen. Jedoch während Fani, sehr zum Gefallen des Bildungsbürgertums, Interieurs als Sinnieren über den Sinn und Überfluss des Lebens nutzt, sind Goldins Werke weit weg von diesem Intellektuellen Filter und strotzen vor Leben, Verlust und all den verqueren Situationen des wirklichen Lebens, das auf der Straße passiert.

Larry Clark

Um die Offenlegung des Privaten geht es auch in der mittlerweile schon dritten Ausstellung von Larry Clark (*1943, Tulsa/Oklahoma) in der Galerie Karl Pfefferle, die eine Auswahl seiner Werke von 1961 bis heute zeigt. Vor allem als Filmemacher und Fotograf bekannt, haben ihn seine Fotoserien wie Tulsa (1971) und Filme wie Kids (1995) weltberühmt gemacht. Stets mitten drin und nicht nur am Rande beobachtend, wurde er seit den 70er Jahren zu einem Art Chronisten einer Jugend der Subkultur mit Drogen und Sex. Clarks jüngster Spielfilm The Smell of Us (2015) wurde in Paris gedreht und im Rahmen von KINO DER KUNST als deutsche Erstaufführung gezeigt. Seit einigen Jahren arbeitet Clark auch an Collagen und Gemälden, wobei diese Ausstellung erstmals seine figürlichen Gemälde den jüngsten abstrakten Arbeiten gegenüberstellt. Mit seinen 72 Jahren hat Clark nichts von seiner unangepassten Art verloren. Das malerische Werk zeigt weitere Facetten im Schaffen des Künstlers und gerade der Dialog zwischen Malerei und Fotografie im Werk ein und desselben Künstlers zeigt wie ein Mediumswechsel neue Dinge preisgeben kann. Die wuchtigen Gemälde zeigen einen pastosen, verschwenderischen Malduktus, der die Unmittelbarkeit des Prozesses zeigt. Leider ist der Dialog beider Medien durch die Hängung in der Galerie etwas durchbrochen, da der Schwerpunkt sehr auf die malerischen Werke gesetzt wird und die Fotografie nur punktuell erscheint. Eine stärkere Durchmischung in der Hängung wäre wünschenswert gewesen.

Anders Petersen

Im ähnlichen Themenfeld aber mit einem formaleren Bildaufbau, begegnet der schwedische Fotograf Anders Petersen (*1944, Stockholm) seinen Mitmenschen. Er begann seine Laufbahn bildjournalistisch für schwedische Zeitschriften und Zeitungen. Vielleicht ist es genau dieser journalistische Sinn, der ihn später weitergetrieben hat zu Ereignissen und Personen, die sonst fernab der Gesellschaft stehen. Sein besonderes Interesse gilt dem Milieu von gesellschaftlichen Außenseitern. In Animierlokalen, Gefängnissen, psychiatrischen Anstalten oder Pflegeheimen sucht Anders Petersen seine Themen und beschäftigt sich in eindringlichen Schwarzweiß-Bildessays mit den sozial Vereinsamten und ihren Lebensverhältnissen. Der Bildaufbau ist von einer Gedrängtheit geprägt, die energetisch wirkt und trotz ihrer rauen Seite auch poetische und fast malerische Momente aufweist. Die Ausstellung im Münchner Stadtmuseum gibt mit über 400 Originalaufnahmen aus sämtlichen Werkphasen eine gute Einsicht in den Werkkosmos des Künstlers.

Wem noch etwas Zeit bleibt, der kann seinen Besuch im Stadtmuseum auch gleich noch mit der Ausstellung von Göran Gnaudschun (*1971 in Potsdam) verbinden. Dieser fotografiert seit 2010 am Berliner Alexanderplatz die Szene von jungen Ausreißern, Gestrandeten, Wohnungslosen und Punks. Viele der gezeigten Werke wiederholen jedoch bekannte visuelle Muster über den Alexanderplatz und zeigen wenig Neues.

Im Medium der Fotografie ist Zeitlichkeit immanent. In den Anfängen, durch die Technik bedingt, dauerte der Prozess bis das Bild auf dem Bildträger entstand einen gewissen Zeitraum. So wurde Fotografie lange zu dokumentarischen Zwecken von stehenden, unbewegten Objekten genutzt. Bis serielle Auseinandersetzungen, Bewegung in das Medium brachten und so eine zeitliche Abfolge verkürzt dargestellt werden konnte. Serien schaffen Vergleichbarkeit und können so Dinge sichtbar machen, die über den reellen zeitlichen Verlauf so nicht zu sehen wären. In den Ausstellungen von Eadweard Muybridge und Nicholas Nixon in der Pinakothek der Moderne sowie in der Ausstellung Stella Polaris Ulloriarsuaq in der Galerie Filser&Gräf wird dem zeitlichen und dokumentarischen Faktor von Fotografie nachgespürt.

Eadweard Muybridge

Die Pinakothek der Moderne zeigt gerade mit dem britisch-amerikanischen Fotografen Eadweard Muybridge (1830-1904) einen Pionier der Bewegungsfotografie. Mit Hilfe einer innovativen Kameratechnik gelang es ihm erstmals in der Geschichte der Fotografie, den Bewegungsablauf eines galoppierenden Pferdes in einer Serie von Einzelfotografien festzuhalten. Bewegung in einem eigentlich starren Bildmedium einzufangen, hat die Menschen maßgeblich fasziniert und es bis heute zu einem der Ikonen in der Fotografie gemacht. 1887 veröffentlichte er das epochale Tafelwerk „Animal Locomotion“, das in 781 Bildfolgen Mensch und Tier in Bewegung zeigt. Nicht nur die Darstellung von Pferden in Bewegung in der Malerei änderte sich nach Muybridges Veröffentlichung grundlegend. Muybridges Serien dienten auch als Inspirationsquelle für zeitgenössische Künstler wie Andy Warhol, Francis Bacon und Cy Twombly. 24 Tafeln werden in der aktuellen Präsentation der Stiftung Ann und Jürgen Wilde in der Pinakothek der Moderne gezeigt.

Nicholas Nixon

Die Serie als Verknappung von Zeit nutzt der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon (*1947), der seit 1975 jedes Jahr seine Frau Bebe und ihre drei Schwestern porträtiert. Das Langzeitprojekt macht es durch 2 simple Faktoren durchweg vergleichbar: Die vier Frauen kommen zu einem Gruppenbild zusammen, bei dem lediglich die Abfolge ihrer Aufstellung sowie das Negativformat von 8 x 10 inch (20 x 25 cm) konstant bleiben. Über 40 Jahre ist so ein persönliches Zeugnis über Zeit, Vergänglichkeit und Familie geschaffen worden. Diese Serie besticht durch ihren intimen Einblick in die Familienbande der Browns. In der Beliebigkeit von Bildern in unserer heutigen Zeit, feiert diese Serie Konstanz. Die Frauen haben es über 40 Jahre lang geschafft für dieses Werk in der immer gleichen Aufstellung zusammenzukommen und sich fotografieren zu lassen. Ohne mehr über die Familienverhältnisse zu wissen, ist diese Konstanz mehr als eine liebevolle Geste.

Noma Baumgartl, Sven Nieder, Yatri N. Niehaus

Ein Thema wie den Klimawandel anzusprechen ist schwierig, denn es gibt nicht DAS eine Bild von diesem Prozess. Es gibt Folgen und Veränderungen, die Dokumentiert werden können, doch diese sind oft so schwer zu verdauen, dass Menschen lieber die Augen davor verschließen. Es ist auch hier die fotografische Serie, die Vergleichbarkeit schafft und so erst den Prozess sichtbar macht. Genau diese zerbrechliche Schönheit des Nordens wird auf den Bildern von Nomi Baumgartl und Sven Nieder festgehalten. In zwei Lichtexpeditionen des Projekts, im November 2012 und im Februar 2013 entstanden die Fotografien und ein Film von Yatri N. Niehaus. Das Projekt wollte nicht nur dokumentarisch festhalten, sondern geht noch einen Schritt weiter: Das Team hat gemeinsam mit den Einwohnern Grönlands das Eis ausgeleuchtet und so auch die Gemeinschaft vor Ort einbezogen. Viele der Gletscher und Eisschollen sind längst unter den Folgen der Erderwärmung verschwunden und gerade darin liegt die Stärke dieser Aufnahmen. Anders als viele Kampagnen zum Umweltschutz, nutzt dieses Projekt keine stereotypen Bilder des Klimawandels, sondern beeindruckt den Betrachter durch die Erhabenheit der Natur. So ist es kaum verwunderlich, dass auch ein Schamane (Angaangaq Angakkorsuaq) im Projekt involviert ist und in der Galerie Filser&Gräf mitten in München eine Zeremonie abhielt.

Thomas Ruff

Für sich alleine stand im April die Ausstellung in der Galerie Rüdiger Schöttle: Ruff ist einer der Künstler, der keine Einführung mehr benötigt. In München widmete ihm das Haus der Kunst 2012 eine umfassende Retrospektive. Die Galerie zeigte diese Jahr nun die Werkserie „Nudes“ und „Negatives“, vis-á-vis. Erstere entstand durch die Verwendung von pornografischem Material aus dem Internet und ihrer weiteren verfremdenden Verarbeitung. In einem Interview angesprochen, warum er Anfing pornografisches Material als Grundlage zu nutzen äußerte Ruff: „Meine Überlegung war: Zeitgenössische Aktfotografie musste härter sein, weil meine ganze bisherige Kunst war ja auch nicht für Kinder, sondern für ein intellektuelles, erwachsenes Publikum. Die nächste Überlegung war: Dass ich demokratischer sein wollte, versuchen, alle gängigen Sexualpraktiken und sexuellen Vorstellungen der Welt darzustellen“."

Diese Serie ist nun den „Negatives“ gegenübergestellt, die auf Fotografien aus dem 19. Jahrhundert zurückgreift, darunter Aufnahmen von Künstlerateliers, Porträts und Aktfotografien. Diese scannte er ein und verändert die Farbscala zu einer blautonigen Fotografie in Originalgröße des ursprünglichen Negativs. Eine solche Gegenüberstellung zeigt zwar die Experimentierfreude von Ruff, ist aber auf inhaltlicher Ebene problematisch. Während die „Nudes“ verschiedene Vorstellungen von Frauen, Sexualität und Digitalisierung verhandeln, basieren die „Negatives“ auf einem rein digitalen Verfahren der Verfremdung. Es rekurriert auf den Gedanken, wie sich Fotografie durch den Übergang vom analogen zum Digitalen verändert. So wird Mensch auf der einen und Technik auf der anderen Seite diskutiert, beide gemeinsam zu verhandeln hat dann doch etwas sehr Bedrängendes.

Benjamin Katz

Ein nicht minder umtriebiger Geist ist gerade in der Galerie Sabine Knust zu sehen. Benjamin Katz ist ein allrounder, der sowohl als Galerist, wie auch als Fotograf zu überzeugen weiß. Die Galerie Sabine Knust zeigt nun verschiedene Motive aus den letzten 45 Jahren. Neben dem Spektrum an Landschafts-, und Architekturaufnahmen, sind es doch gerade die Portraits, die am stärksten überzeugen. Als enger Begleiter der wichtigsten deutschen aber auch internationalen Künstler der vergangenen Jahrzehnte, gelingt es ihm sensible Momente in den Porträts einzufangen. Die Großkünstler werden abseits der Inszenierung gezeigt.

Bilder sind längst zu politischen und wirtschaftlichen Machtfaktoren geworden. Doch es gibt kaum noch ein Bild ohne ein Vor-Bild. Dem Betrachter ringt dieses Wissen eine unentwegte Konzentration auf jedes einzelne Bild ab. Gerade diese Auseinandersetzung zwischen Bildrealität und dem individuellen Vorwissen des Betrachters und seiner Fähigkeit Bilder zu kategorisieren, macht die Fotografie - als Genre, Technik und Werkzeug - zu dem Seismographen unserer Zeit.