Zwischen David Humes Kausalitätsbegriff & Homer Simpsons 'A rock that keeps tigers away' ist die Post Brothers Ausstellung – Im Kunstverein München veranlasste dieses „specious reasoning“ und vor allem die Tatsache, dass wir hier von einem Fehlschluss sprechen, zu einer Gruppenausstellung, die sich mit dem Verhältnis von Kausalität und Korrelation auseinandersetzt.

Kunstverein München: „A rock that keeps tigers away“

  1. Juli bis 17. September 2017

Homer: Not a bear in sight. The Bear Patrol must be working like a charm. Lisa: That’s specious reasoning, Dad. Homer: Thank you, dear. Lisa: By your logic I could claim that this rock keeps tigers away. Homer: Oh, how does it work? Lisa: It doesn’t work. Homer: Uh-huh. Lisa: It’s just a stupid rock. Homer: Uh-huh. Lisa: But I don’t see any tigers around, do you? Homer: Lisa, I want to buy your rock.

Homers Annahme, der Stein sei dafür verantwortlich, dass kein Bär in Sicht ist, ist ein klassischer Fehlschluss von der Art „cum hoc ergo propter hoc“ („mit diesem also durch dieses“). Im Kunstverein München veranlasste dieses „specious reasoning“ und vor allem die Tatsache, dass wir hier von einem Fehlschluss sprechen, zu einer Gruppenausstellung, die sich mit dem Verhältnis von Kausalität und Korrelation auseinandersetzt. „A rock that keeps tigers away“ will den Besucher in seinem traditionellen Verständnis des Ursache-Wirkung-Verhältnisses strapazieren und nach nuancierten Betrachtungen von Kausalität suchen.

Dass wir Homers Annahme als Fehlschluss werten, liegt daran, dass wir wissen, dass von der bloßen und einmaligen Korrelation zweier Gegenstände nicht auf eine gesetzmäßige kausale Verbindung zwischen ihnen geschlossen werden kann: „cum hoc non est propter hoc.“ Daraus, dass gleichzeitig kein Bär zu sehen und dieser beliebige Stein anwesend ist, ist nicht zu folgern, dass die eine Gegebenheit die andere verursacht. Man würde genau so wenig schließen wollen, dass der Stein eben darum an Ort und Stelle ist, weil sich im Umkreis von drei Meilen kein Bär befindet. Kurzum: Weil A und B gemeinsam auftreten, muss weder A ursächlich für B, noch B ursächlich für A sein. A und B können genau so gut ohne jeglichen Zusammenhang auftreten (wie wir es für diesen Fall annehmen) oder es könnte eine dritte Ursache geben, die beiden gemeinsam ist, aber uns nicht bekannt. Jedenfalls aber reicht die bloße Korrelation zweier Gegenstände nicht, um einen kausalen Zusammenhang zu unterstellen.

Unser Kausalitätsbegriff bestimmt nachhaltig unseren Wirklichkeitsbegriff. Wir glauben, dass wir dann die Wirklichkeit vollständig verstanden haben, wenn wir sämtliche Kausalzusammenhänge, die sie durchziehen, nachvollziehen und angeben können. Leibniz drückt das 1695 so aus: „Dass alles durch ein festgestelltes Verhängnis hervorgebracht werde, ist eben so gewiss, als dass drei mal drei neun ist. […] Wenn zum Exempel eine Kugel auf eine andere Kugel in freier Luft trifft, und man weiß ihre Größe und ihre Linie und Lauf vor dem Zusammentreffen, so kann man vorhersagen und ausrechnen, wie sie voneinander prallen, und was sie für einen Lauf nach dem Anstoß nehmen werden. […] Hieraus sieht man nun, dass alles mathematisch, das ist, unfehlbar zugehe in der ganzen weiten Welt, so gar, dass wenn einer eine genügende Einsicht in die inneren Teile der Dinge haben könnte, und dabei Gedächtnis und Verstand genug hätte, um alle Umstände vorzunehmen und in Rechnung zu bringen, würde er ein Prophet sein, und in dem Gegenwärtigen das Zukünftige sehen, gleichsam als in einen Spiegel.“

Wie kommen wir zu der Annahme, dass das Prinzip von Ursache und Wirkung den Lauf der Dinge durchgängig bestimmt? Nach David Hume haben wir den Kausalitätsbegriff aus unserer Erfahrung (1748):

„It is allowed on all hands that there is no known connexion between the sensible qualities and the secret powers; and consequently, that the mind is not led to form such a conclusion concerning their constant and regular conjunction, by anything which it knows of their nature.“ „It appears that, in single instances of the operation of bodies, we never can, by our utmost scrutiny, discover any thing but one event following another, without being able to comprehend any force or power by which the cause operates, or any connexion between it and its supposed effect. […] One event follows another; but we never can observe any tie between them. They seem conjoined, but never connected.“

Kausalität selbst, so Hume, ist nicht wahrnehmbar. Was wir wahrnehmen können, ist, dass sich bestimmte Erscheinungen regelmäßig raum-zeitlich berühren. Nicht wahrnehmen können wir aber den tatsächlichen Konnex dieser Erscheinungen. Das liegt daran, dass zwischen dem, was wir von einer Sache wahrnehmen können, wenn sie sich unserer Sinneswahrnehmung präsentiert – ihren „sensible qualities“ – und dem, was die Sache vollständig, also auch jenseits ihrer sinnlichen Wahrnehmbarkeit bestimmt – ihren „secret powers“ – ein Unterschied besteht. Nach Hume kann die erfahrbare Qualität eines Gegenstandes kein vollständiges Bild dieses Gegenstandes zeigen. Da aber unsere Wahrnehmung der einzige Zugriff auf die Welt ist, den wir haben, speist sich auch unsere Auffassung von Kausalität aus ihr. Wenn nach unserer bisherigen Erfahrung ein bestimmtes Ereignis immer in der Folge eines anderen bestimmten Ereignisses aufgetreten ist, dann erwarten wir, dass das immer so sein wird – wir erwarten stets aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen. Dabei sehen wir nur, dass Ereignis B gern auf Ereignis A folgt, aber wir wissen nicht, warum – eben weil wir davon ausgehen müssen, keine Einsicht in die die tatsächliche Natur der Dinge und ihre „secret powers“ zu haben und den wahren Konnex zwischen A und B wahrscheinlich nicht kennen: „but we never can observe any tie between them. They seem conjoined, but never connected.“

Nach Leibniz kann derjenige die Wirklichkeit vollständig durchdringen und vorhersagen, der eine hinreichende „Einsicht in die inneren Teile der Dinge“ hat. Hume bezweifelt eben genau die Möglichkeit dieser hinreichenden Einsicht und mahnt zur Zurückhaltung, was den Anspruch unseres Kausalitätsbegriffs auf objektive Gültigkeit angeht. Folgen wir Hume, müssen wir davon ausgehen, dass die Dinge selbst eine Dimension jenseits unseres Zugriffs auf sie bereithalten, innerhalb derer Kausalitäten vor sich gehen, die durch unseren Begriff des Ursache-Wirkung-Zusammenhangs nicht abgedeckt sind. Genau hier setzt „A rock that keeps tigers away“ an: Die Ausstellung spielt mit dem Gedanken, dass Dinge von sich aus Beziehungen untereinander eingehen und eigene Tätigkeiten entwickeln, für die zumindest infrage steht, ob sie unserem Kausalitätsbegriff folgen. Wir müssen damit rechnen, dass wir hinsichtlich der Bedeutung, die ein Ding für ein anderes Ding hat, begrifflich an unsere Grenzen stoßen und können uns fragen, welche Möglichkeit es dennoch gibt, solches Potenzial darstellbar zu machen. Die Tätigkeit der Dinge weist zum einen über das einzelne Ding selbst hinaus, indem es nicht mehr nur für sich sein und Bestand haben, sondern sich gegenüber anderem behaupten muss – sei es durch das eigene Material oder seine wesensspezifische Form. Zum anderen weist die Tätigkeit der Dinge über unsere Hinsichtnahme auf sie hinaus, insofern nicht nach ihrer Relevanz für uns gefragt ist, sondern nach ihrer Relevanz füreinander. Kurzum: Wie sieht die Wirksamkeit der Dinge aus, wenn sie nicht durch und für unsere Begriffe instrumentalisiert ist?

Ein Versuch, einen Gegenstand so zur Darstellung zu bringen, kann sein, nach der Potenzialität in ihm zu fragen, die jenseits unseres Zugriffs auf ihn liegt. „A rock that keeps tigers away“ arrangiert Präsentationsformen von Gegenständen, die nach ihrem genuinen Potenzial fragen. So zeigt Beth Collars Video eine als „The Island of the Dead“ bezeichnete Felsinsel und es stellt sich die Frage, ob diese Kennzeichnung ihre Wurzel in der Sache selbst hat oder ihr bloß äußerlich hinzugefügt wird. Durch die (Um-)Benennung der Insel kommt entweder eine Möglichkeit von ihr zur Darstellung, die ihr genuin ist und letztlich nur einmal ausgesprochen werden musste, oder aber es passiert eine Instrumentalisierung des Gegenstandes durch die Vorstellung der Künstlerin. Jedenfalls bringt die Begegnung des Objekts (der Insel) mit einem anderen (dem Wort) eine Möglichkeit hervor, die in seiner unmittelbaren Wahrnehmung vor der Begegnung nicht gegeben ist. „The Norman Mailer Paradox I“ von Simon Dybbroe Møller zeigt, wie die Verbindung zweier vermeintlich wesensfremder Objekte die Logik unserer Zuschreibungen verändert: Wenn er ein sperriges Kopiergerät über ein Tau mit einem Netz voller Volleybälle verbindet, wollen wir ein Abhängigkeitsverhälntnis zwischen beiden annehmen und das verändert die Hierarchie von Funktionen und Qualitäten, die wir für die Gegenstände normalerweise annehmen. Wir fragen uns, inwieweit das eine Objekt dazu geeignet ist, dem anderen in dessen spezifischer Qualität zu begegnen und stellen Merkmale in den Vordergrund, die den Gegenstand für uns sonst nicht besonders auszeichnen. In Adrien Tirtiauxs Installation „One Nail“ werden Statik und Gewicht eines massiven Holzgerüsts von einem einzigen Nagel gehalten. Das spielt in absurdem Maß mit den Berechnungsroutinen einer physikalisch-mechanistischen Wirklichkeitsauffassung und -gestaltung. Herwig Weiser hat eine Maschine entwickelt, die das sensitive Aggregatsverhalten eines paraffinartigen Materials immer wieder äußerer Provokation durch Druck und Temperatur aussetzt und damit die Eigeninitiative des Materials testet. Freek Wambacq hat mit „Banana“ eine Konvention in der lebensmittelverarbeitenden Industrie hinterfragt: Polyethylen-Schneidebretter werden durch ihre Farbgebung bestimmten Lebensmitteln zugeordnet, die auf ihnen verarbeitet werden dürfen. Dabei scheint die Verweisstruktur sowohl dem Polyethylen als auch dem Lebensmittel fremd zu sein, und so hat er die Tür zum Kuratorenbüro des Kunstvereins mit dem grünen Schneidebrett-Polyethylen für Obst und Gemüse verkleidet. Wambacqs „Flies gave zebras their stripes – maybe“ spielt mit dem Gedanken, dass die Funktionslogik eines Gegenstandes die Entwicklung eines anderen nachhaltig beeinflussen kann. Der gerahmte Zeitungsartikel präsentiert die Theorie, dass Zebras ihre Streifen entwickelt haben, um Fliegen abzuwehren – die binären Farbwechsel erschwerten den Fliegen die Orientierung. In der Evolution wäre ein Wissen über die Funktionslogik des Schädlings ausgenutzt worden, um ihn zu täuschen. Die Funktionslogik des einen wird in der Funktionslogik des anderen berücksichtigt und so ist die ‚selbstgemachte‘ Beziehung der beiden nicht nur in der je aktuellen Begegnung von Belang, sondern mindestens die Gestalt des Zebras wurde durch sie nicht unerheblich nachhaltig konstituiert.

Wenn man wie die sogenannte objektorientierte Ontologie (OOO) davon ausgehen möchte, dass die kausale Dimension der Dinge untereinander in der „ästhetischen Dimension“ einen Resonanzkörper hat, dann ist „A rock that keeps tigers away“ dazu geeignet, durch den Versuch der Sichtbarmachung der Tätigkeit der Dinge unseren gewöhnlichen, interessenorientierten Kausalitätsbegriff zu strapazieren. Die Obergrenze bildet dabei nach wie vor, wie der Name sagt, die Wahrnehmbarkeit der Dimension.