MAN UP, MAN UP: OFFENER BRIEF VOM 21. SEPTEMBER 2018 – JETZT UNTERSCHREIBEN!

  • 21.09.2018

Please consider signing this letter:

Enough is enough. If you think that public museums and institutions that draw on the pockets of diverse taxpayers, should make a serious commitment to representing the full diversity of the audiences they serve, as opposed to continuing to disproportionately afford visibility and support to white men, please sign the letter that I have cut and pasted at the bottom of this post. All you need to do is add your name to the thread below (exactly as you would like it to appear at the end of the letter).

In addition to the many womxn and people of colour who have indicated a desire to support this letter, we hope to include the names of as many male allies as possible. We know that patriarchal thinkers only listen when other men speak. We also hope that curators and directors of progressive institutions will lend us their signatures to demonstrate that there is an institutional community that is committed to working towards more diverse representation.

For those who feel they need a deeper insight into how this letter came about before signing it, please scroll through my timeline (beginning with a post dated 11.09.2018, titled ‘MAN UP’).

This letter was shaped and written collectively by a group of ten artists, curators and writers who are fed up with the systemic prejudice that continues to impoverish contemporary art institutions and communities. If you’re sick of eating Pimmelsuppe (Dick Soup) and would prefer to have a more rounded cultural diet, please add your signature to the thread below. If you’re willing to share this post on your timeline (or however you choose) and to collect signatures of support for the letter, even better! Please paste any signatures that you collect into the thread below. Please only add the names of individuals who have given you their full consent to do so. Here comes the letter:


OFFENER BRIEF VOM 21. SEPTEMBER 2018

Seit dem 11. September ruft die Ankündigung der internationalen Gruppenausstellung Im Zweifel für den Zweifel. Die große Weltverschwörung am Düsseldorfer NRW-Forum Entrüstung und Debatten in den sozialen Medien hervor. Grund ist die Beteiligung von zwölf Künstlern, einer Künstlerin – eine zweite wurde der Liste vor Kurzem nachträglich hinzugefügt – und drei Kollektiven (von denen eines ausschließlich männlich besetzt ist).

Wie kann es sein, dass im Jahr 2018 in einem von öffentlichen Geldern finanzierten Ausstellungshaus eine Ausstellung mit einer derartigen Quote zustande kommt?

Wie kann es sein, dass eine internationale Ausstellung über globale Phänomene beinahe ausschließlich mit Werken von weißen, männlichen Künstlern konzipiert wird?

Und wie kann es sein, dass diese Ausstellung keineswegs eine Ausnahme in der fraglichen Institution bildet, sondern sich in der jüngsten Vergangenheit mehrere Beispiele für eine derart exkludierende KünstlerInnenauswahl finden lassen (Mythos Tour de France z.B. zeigte 2017 unter 20 Positionen eine Künstlerin, Pizza is God im Frühjahr 2018 unter 26 Positionen zwei Künstlerinnen)?

Erste kritische Fragen und Kommentare von Verena Kaspar-Eisert, Kuratorin am Kunsthaus Wien, und der Künstlerin Candice Breitz an die beiden Kuratoren Alain Bieber (Direktor des NRW-Forums) und Florian Waldvogel (Gastkurator) auf deren Facebook-Seiten bzw. unter der Ankündigung der Veranstaltung blieben unbeantwortet, die Fragestellerinnen wurden geblockt, deren Posts gelöscht und auch von der Pressestelle der Institution kam zunächst keine Reaktion.

Diese erfolgte erst, als der zunehmende Druck nicht mehr ignoriert werden konnte. Am 13. September postete das NRW-Forum auf der Facebook-Seite der Veranstaltung folgendes Statement:

„Ja, es gibt signifikant weniger Künstlerinnen als Künstler in der Ausstellung. Wir haben uns beim Kuratieren der Ausstellung an dem Thema abgearbeitet und an einem Diskurs orientiert, der scheinbar überwiegend männlich dominiert ist. Das wird auch an der Künstlerliste sichtbar. Wir haben die Arbeiten ausgewählt, die wir im Zusammenspiel miteinander und zum Thema am passendsten fanden. Es war ganz sicher nicht unsere Intention, weibliche Positionen von der Ausstellung auszuschließen. Es ist aber natürlich richtig, dass wir als Institution hätten hinterfragen müssen, wie es zu der überwiegend männlich besetzten Künstlerliste gekommen ist, und weitere weibliche Positionen hätten einbeziehen müssen. Wir nehmen das ernst und diskutieren gerade intensiv, was wir in Zukunft ändern können.“

Wir (die UnterzeichnerInnen) können diese Aussage als Entschuldigung, geschweige denn als Begründung für die „homöopathische Frauenquote“ (Nina Schedlmayer in ihrem Blog zum Thema auf Artemisia) nicht akzeptieren, denn:

1.- Haben wir all dies schon zu oft gehört, ganz gleich, ob im Kontext einer Ausstellung, eines Panels, usw., und

2.- stellen wir in Frage, dass sich angeblich nur weiße, männliche Künstler mit dem Thema der Ausstellung befasst haben. Selbstverständlich lassen sich eine Reihe hervorragender Künstlerinnen und People of Colour nennen, die zu dem Thema gearbeitet haben.


Nach einigen Tagen intensiven Schweigens lieferte auch Kurator Florian Waldvogel am 20. September via Facebook und als Eröffnungsrede eine weitschweifige Erwiderung (siehe hier.), die genau den Gesetzmäßigkeiten chauvinistischer Verhaltensmuster folgt, die weibliche und nicht-weiße Personen aus allen Bereichen unserer Gesellschaft kennen und die wir nicht mehr zu hinzunehmen bereit sind:

1.- Die Schuld von sich weisen

2.- Mansplaining, hier darüber, was Feminismus ist und wie er richtig geht

3.- Diskreditierung der Künstlerin, die die Kritik an seiner Ausstellung zuerst lancierte

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Einwand, man habe „Männer und Frauen eingeladen“ und „mehr Frauen als Männer (hätten) abgesagt“ – eine Behauptung, die das NRW-Forum und dessen Direktor trotz zunehmender Kritik von außen nirgendwo aufstellen und die überdies zu der Überlegung führt, warum es zu den Absagen gekommen sein könnte.

Natürlich kann niemand KuratorInnen vorschreiben, wen sie auszustellen haben. Und natürlich möchten wir alle in einer Welt leben, in der zwangsverordnete Frauen- oder Diversitätsquoten nicht notwendig sind. Aussagen wie „solche Künstlerinnen gibt es nicht“ und Verunglimpfungen wie „Mainstream Feminismus“ oder „Hashtag Feminismus“ machen jedoch deutlich, dass die Kuratoren der Ausstellung nicht gewohnt sind, die eigene Sichtweise, die gezwungenermaßen immer von blinden Flecken besetzt ist, über den eigenen Kreis auszuweiten und selbstkritisch zu hinterfragen. Die damit verbundene Haltung ist der Motor für eine sogenannte “systemische Exklusion”. Von einer öffentlichen Institution sollte bei „internationalen Gruppenausstellungen“ eine Recherche zu erwarten sein, die diese „internationale Gruppe“ nicht allein auf weiße Männer beschränkt. Eben diese unreflektierte Haltung führt unter der Einführung der Begrifflichkeit von “Qualität” oder “Relevanz” zur ewig wiederkehrenden Argumentation, wie etwa, dass weniger Künstlerinnen als Künstler zu einem bestimmten Thema arbeiten. Tatsächlich geht es aber um Machtdispositive, die bestimmen, wem, wann und von wem “Qualität“ oder “Relevanz” zugesprochen wird. Es geht nicht um eine Relativierung solcher Begriffe, sondern um ein Bewusstsein für die Entstehung von Werturteilen, im besten Fall als Korrektiv für das eigene Sehen und Urteil.

Unsere Überlegungen werden unterstrichen von der Begründung, die NRW-Forum-Direktor Alain Bieber dem Künstler Oliver Laric gegeben hat, als dieser seine Teilnahme an einer Ausstellung 2016 wegen unzureichender Beteiligung von Frauen absagte. Bieber antwortete, “Alter/Gender/Sexualität/Nationalität” spielten für ihn beim Kuratieren keine Rolle, er schaue sich nur „die Qualität und Relevanz der Arbeiten an“, und wenn Laric ihm Tipps geben könne zu weiblichen Künstlern,

„die zu dem Thema (...) bessere Arbeiten als ihre männlichen Pendants realisiert haben“,

er gerne eine

„Ausstellung ausschließlich mit Frauen“

machen würde.

Die implizierte Aussage, dass der Fokus auf „Qualität und Relevanz“ Arbeiten von Künstlerinnen zu bestimmten Diskursen automatisch ausscheiden lässt, sowie die süffisante Bemerkung, dass man ja gerne „ausschließlich Frauen“ ausstellen würde, wenn diese „bessere Arbeiten als ihre männlichen Pendants realisiert haben“ – nicht gleichwertige, sondern explizit bessere! – erscheint uns nicht nur völlig an den Haaren herbeigezogen, sondern Ausdruck einer weit verbreiteten, systematischen und institutionalisierten Ignoranz und chauvinistischen Verbrüderung, die die Arbeit von Künstlerinnen und anderen nach wie vor diskriminiert und marginalisiert.

Es handelt sich hier um reale Erfahrungen, die weibliche und nicht-weiße Künstler, Kuratoren und Theoretiker immer wieder machen und beobachten. Diese ist nicht die erste und nicht die letzte Ausstellung, Berufungsrunde, Konferenz, Jury oder Publikation, in die es durch die „Qualität ihrer Arbeit” fast nur weiße Männer geschafft haben. Und

WIR, DIE UNTERZEICHNENDEN, HABEN DAVON GENUG!

Wir wünschen uns, dass es keine Quote braucht, damit unsere Arbeit sichtbar wird. Wir wünschen uns, dass sich bald Listen mit zwölf weißen Männern, einer Frau und drei Kollektiven falsch anfühlen – und zwar nicht nur für uns, sondern für die AusstellungsmacherInnen und die Direktion. Und wir wünschen uns, dass wir mit diesem Brief zu einem schrittweisen Umdenken beitragen, das allen AkteurInnen im Kulturbetrieb unabhängig von Geschlecht und Herkunft gleichwertig gute Arbeit und damit dasselbe Recht auf Öffentlichkeit zugesteht.


Background links, if you want to get more insight into what has been going on, leading up to the above letter (apologies for those who are not on FB):

1. Man Up, Man Up

(https://tinyurl.com/y9ul986o)

2.Pimmelsuppe / Dick Soup

(https://tinyurl.com/yahgtsgn)

3.Florian Waldvogel Responds

[(https://tinyurl.com/yablne9j)]

4.The Open Letter

(https://tinyurl.com/yawyboxt)

If you would like to be added, plese send the following information to studio@candicebreitz.net :

NAME, PROFESSION, CITY (eg. Candice Breitz, Artist, Berlin)