'München ist der Ort, an dem Verbindungen, Beziehungen eingegangen werden, die es sonst nicht zu sehen gibt, und das mit dem seriös gemeinten Gestus, irgendetwas mit Kunst zu tun haben zu wollen.' – Art Muc 2017

  • 23.05.2017

Der Peinlichkeitspegel ist auf ungeahnte Weise in die Höhe geschnellt und darin besitzt München durchaus so etwas wie Einzigartigkeit.

Im Grunde ist es nur die außerordentlich abgründige Geschmacklosigkeit eines Plakates - das für die Kunstmesse Art-MUC - und das spontane Gefühl des Erstaunens über die bildungsferne Provinzialität, welche Anlass zu diesen Zeilen gibt. Dass die Betriebsamkeit grenzenloser Verblödung in dieser Stadt immer wieder zum Vorschein kommt, sollte vielleicht mehr auf eine stoische Gelassenheit stoßen, bei der das Schmerzempfinden mit einer dann doch kühnen Ignoranz verbunden sein müsste.

Es gibt den durchaus bemerkenswerten Satz von Dino Formaggio: Kunst sei all das, was die Menschen Kunst genannt hätten. Ein Baum für sich ist demnach keine Kunst. Es gab einen Künstler, Georg Brecht, der hat, zum Beispiel, einen Stein aus diesem ‘für sich’ herausgezogen und in die Kunst hinein. Das Kunstschöne - hier können wir G.W. Hegel ein Stückweit folgen - braucht im Gegensatz zum Naturschönen Ansprache. Die hat G. Brecht dem Stein gegeben.

Gelegentlich ist man geneigt, wenn es um die Gefühligkeit gegenüber dem eigenen Sentiment geht, ins ontologische Argumentieren zu verfallen, also in Greenbergscher Manier die Mittel und formalen Voraussetzungen aufzuspüren, wo in den menschlichen Gestaltungsweisen dieser Bereich berührt wird - deshalb hier nicht das Beispiel von Duchamps Pinkelbecken.

Sicher, in dieser Manier ließe sich über Manches Vieles sagen, wie etwa über ausgefeilte Kunstfertigkeiten, über eine dekorative Geschmackssicherheit des Ausschmückens oder über störungsfreie Anpassungen ins Alltägliche. Es geht dabei um all die wunderbaren Oberflächen, die sich sinnfrei und bruchlos in unserer Zeit herumtummeln, deren Beschreibung zumindest das für sich hätten, nichts dahinter vermuten zu müssen. Allein es bleibt die vage Befürchtung, das Postmetaphysische mit Bedeutungslosigkeit zu verwechseln.

Die narzistische Selbstbefangenheit, den eigenen Affekt über das angeschaute Objekt zu stellen, zielt natürlich auf das dünnbodige Terrain, dem Betrachter einen Rang einzuräumen, bei dem die Kunst zurückfällt auf eine Selbstbelassenheit, in der sie ‘für sich’ ist. Die naturhafte Natürlichkeit könnte einem durchaus behagen, man fühlte sich wie ein Gärtner aus Liebe, dem es angelegen ist, Pflanzungen vorzunehmen in einem weitläufigen Park, der uns alle mit Wohlgefallen entzückt. Darüberhinaus, wenn sich die Menschen auch darüber einigen könnten, das für gut, wie auch für wahr zu halten, so hätten wir, zumindest für einen Augenblick, das Paradies erreicht: Vom Guten, Wahren und Schönen.

Das pascalsche Diktum, dass das ganze Unglück der Menschen daher rühre, nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu können, wäre nun auf eine erfreuliche Weise widerlegt, denn wir träfen da Draußen nicht die Differenz des Anderen (Fremden) in uns selbst, an. Wenn das bewußte Sentiment über das eigene Sentiment den Sieg davonträgt, könnten wir das Unheimliche, die Furcht vor dem, was wir sind, und die Furcht vor unseren ungezügelten Wünschen, verbannen.

Aber, zurück zur Realität, weit weg von einem Plädoyer für den Kitsch. Vielleicht läßt sich die Tatsache, dass die Kunst ein Massenphänomen ist, mit dem Beuysschen ‘Jeder ist ein Künstler’ in einen zeitlichen Zusammenhang bringen. Dass Joseph Beuys die Kunst meinte und nicht den Kitsch, steht außer Frage. Dabei haben wir es durchaus mit einem labilen Gefüge zu tun, das sich mit der allerjüngsten Geschichte in einem inzwischen neuen Kontext befindet. Das liebreich betrachtende Subjekt ist eben nicht der Garant dafür, die Kunst aus den Fängen des Kitsches reißen zu können. Denn der Reiz der Kunst ist ja nicht die Bereitstellung einer Syntax, die sich kohäsiv in allem wiederfindet und in einem mimetischen Bemühen das ohnehin Erwartete zirkulär zurückbringt. Gerade in ihrem hochmultiplizierten Auftreten überlagert sie die Welt, auch mit der Anstrengung, keine globalen oder universalen Vereinheitlichungen bereit zu stellen.

Das künstlerische Subjekt befindet sich ja nicht an der Stelle, wo es ein Angebot erzeugt, das dem betrachtenden in irgendeiner Weise ähnlich ist, viel eher in Verhältnissen, in denen diskrete Energiemengen den Körper des späteren Subjekts durchlaufen und sich im Gang der Subjektwerdung nach Zwängen absetzen, die auf den schon immer semiotisierten Körper durch persönliche und gesellschaftliche Bedingungen ausgeübt wurden. Die syntaktischen Verschiebungen, die sich hier auftun, führen ja nicht zu einer Totalisierung, sondern zu einer Streuung.

Das zu verstehen, ist nicht eine Frage eines Minimalmaßes an Hirn, wo quantifizierbare Distinktionsrituale zu nachvollzieh- wie wiederholbaren Verhaltensmustern beizutragen vermögen. Um es vorwegzunehmen: Es gibt keinen Initiationsmodus, der organisiert oder geplant werden könnte, und vielleicht ist es traurig zu hören, dass die Entscheidung, dazuzugehören, kaum in und aus algorithmischen Strukturen zu finden ist. Verkaufszahlen mögen über die Existenz oder Nichtexistenz einer Messe entscheiden, nicht über ihre Qualität.

Zurück nach München, zurück zur Art Muc. Der Kunst beizukommen mit armseligen werbetechnischen Mitteln, deren dünnbrüstige Artikulation auf diesem tiefgelegten Niveau nicht einmal in den abgelegensten Gegenden fabriziert würde, mag noch der verantwortungsfernen Dürftigkeit eines unbedingten Wollens, unter dessen Walten die Kunst auch Seife sein könnte, geschuldet sein. Die Kunst braucht das nicht und schon gar nicht aus den Reihen derer, die in aller dreisten Offensichtlichkeit nie ein Museum oder eine Galerie jenseits einer marketingorientierten Attitüde betreten haben. Das Ganze mit dem Vorhaben zu bemänteln, noch nicht etablierten Künstlern ein Forum zu bieten, ist reizend… macht die Sache aus Gründen der kompletten Abwesenheit einer ansatzweisen Befähigung zu irgendeinem sinnreicheren Gedanken über Kunst nicht weniger schmierig… den Künstlern sei gesagt, ihnen steht eine nicht gerade gering zu estimierende Aufgabe bevor, sich jenseits des Dekorations- oder Kitschmarktes zu plazieren, ganz gleich welchen hübschen Zuspruch sie auf der Art-Muc erfahren.

P.S.
Dass Kunst einen Platz finden sollte, an dem sie verkauft wird, soll hier nicht diskutiert werden. Ein solcher Platz sollte die Reflexion miteinbeziehen, sich nicht als kunstwidrig geben zu müssen.

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