Neue Spielzeit, neues Glück – Partizipatives, Performatives, Skulpturales im Münchner Programm des Herbsts



„Kasper, lass' sie doch mehr Bilder zeigen“, schrie in absoluter Gelassenheit Matthias Lilienthal Richtung Bühne. In der Kammer 3 (ehemals „Werkraum“) findet keine Probe statt, sondern das erste von einigen der Gespräche, die einer der wichtigsten Kuratoren Deutschlands, Kasper König, führen soll. Als Professor für ‚Kunst und Öffentlichkeit‘, mehrmaligem Leiter der ‚Skulptur.Projekte’ in Münster, und ehemaligem Direktor des Ludwig Museums, wo heute Yilmaz Dziewior die Sammlung neu bestimmt, soll König zwei Rollen an den Kammerspielen erfüllen:

Erstens, das neue Publikum für das radikalste Theater Münchens dahin zu bewegen, wohin die Kammer eins, zwei und drei führen möchten. Das heißt: Postdramaturgie nicht mehr im Sinne des Theaters, sondern im Sinne der Welt zu sehen: Alles was dazu gehört, gehört nicht nur der Bühne, sondern auch der Kantine und den weiteren marginalen Räumen, wie eben der neuen Bar am Treppenhaus. Zweitens, den Posten Chris Dercons zu übernehmen, der für das Thema Solidarität mit Rabih Mroué, Philipp Ruch oder Wolfgang Tillmanns auf der Hauptbühne saß.

Am Anfang der Woche sitzt Alexandra Pirici auf einer runden Plattform und hinter einer Kopie des Bühnenrahmens aus der im Jugendstil und von Riemerschmid bekleideten Innenausstattung des Auditoriums im Erdgeschoss. Sobald man es erkennt, dass es sich um eine Pappkopie handelt, wird hier klar, dass alles andere auf der Bühne aus dem Rahmen fällt. Pirici ist als Künstlerin dafür bekannt. Sie stellt sich als Tänzerin vor - mit Ballet angefangen, danach was Zeitgenössisches, Abstrakteres, dann landete sie im Feld der bildenden Kunst - und nennt dementsprechend was sie macht nicht Performance sondern Skulptur.

Pirici erzählt von vielen Dingen, von denen sie und auch andere Künstler sich ernähren. Zufälle und Algorithmen, zum Beispiel, und wie man die Öffentlichkeit mit diesen zwei bestimmenden Elementen debattiert, wenn Inhalte keine Inhalte mehr sind, sondern nur ideologische Seifenblasen. Der Partizipation gewidmete Kunstwerke, wie Piricis für die Berlin Biennale konzipierte Reihe der „Top 30 Most Relevant Stories“, greifen die Frage auf, wie der Künstler Aufmerksamkeit erzeugen soll.

Die Frage scheint bei den Kammerspielen beantwortet zu sein, und zwar auf allen möglichen Wegen und mit einem kontrastvollen Spielplan, der heute beginnt. So hat man das Theater noch nie erlebt, und das wird - so will man behaupten - neue Wirkungen in der Stadt einbringen. Der Fall Meursault ist zwar ein rein theatralisches Projekt, doch es kommen Dinge wie das Konzert von Dillon mit Chor, Five Easy Pieces von Milo Rau, ein Elfriede Jelinek Special, das Frankfurter Zirkus Projekt The Greatest Show on Earth, die Tam Tam Bar, ein Open House in Kooperation mit Bellevue di Monaco oder das erste Stück von Ryan Trecartin ‚The Re’Search‘, wo es auch um Aufmerksamkeit und deren hyperaktuelle Folgen und Kollateralschaden geht. Das ist nicht alles. Und das ist erst der Oktober!

Warum Performance oft als etwas Obsoletes erscheint, liegt in der Art, wie sie mit dem Publikum funktioniert. Im B’N’K’R von Euroboden war eben so was wie „Jeder soll die Wand bemalen“, dabei verfilmt werden, und ein pseudohysterischer Christian Falsnaes, Urheber der Aufgabe, soll den Zuschauern dabei sagen, wie toll man das macht - was für ein Kunstwerk! 

Falsnaes tut einiges im Sinne der Partizipation in der Kunst, auch wenn es alles so grob vorkommt. Das B’N’K’R zeigt auch ab heute die Arbeit von Annett Zinsmeister, die sich anders als der Prozess des Zusammenkommens die Definition des Urbanen durch die Thematisierung des Schutzraumes Euroboden der Debatte stellen möchte. (Dazu ein Gespräch mit Christine Haupt-Stummer am 10.10.16).

Eine Soloausstellung von Michaela Melián bei Barbara Gross, kurz nach ihrem Auftritt im Lenbachhaus und zur Zeit in Kochel am See sind leicht mit dem performativen Drang um die Kunstwerke zu verbinden. Die ‚Botschaften an den Prinzen Jussuf‘ die sie von Else Lasker Schüler von Juno Meinecke für ihre Installation im Franz Marc Museum in arabisch lesen liess, werden auch in den Kammerspielen als Jahrhundertbriefe zelebriert, von Anna Drexler und Thomas Schmausen gelesen (am 26.10, 17.11.16, 18.01.17, 14.02.17).

Aufmerksamkeit, Partizipation, doch eher Anpassungsfähigkeit? Darius Mikšys steht für Austauschbarkeit bei der Rolle zwischen Künstler und Ausstellungsbesucher, und öffnet hier die Möglichkeit, soziale Ordnungen an einem bestimmten Ort fein zu spüren. Mit der Nase. Die Nase genießt und dient zugleich als Teil der Ausstellung ‚Hayward & Tamayo‘. Mikšys lädt für die Reihe ‚Pinocchio‘ Menschen ein, mit einem Photo der eigenen Nase einen Künstler und ein Kunstwerk in einem zu erschaffen und auf diese Weise eine neue Entität in der Kunstszene zu etablieren. Besser als jede Jahresgaben: Die Ausstellung ist keine institutionell gestaltete Veranstaltung, sondern einen kollektiv konstruiertes Kunstwerk. Parallel dazu läuft im k.m. Kino nur noch bis Freitag (30.09) Maxime Rossi’s film Real State Astrology, und am Schaufenster sind die Zeichnungen von Gonçalo Pena, die zusammen mit João Maria Gusmão und Pedro Paiva ausgewählt wurden, bis Anfang nächsten Jahres abwechselnd zu sehen.

Egill Saebjörnsson und Johannes Tassilo Walter haben aus dem Raum von Prince of Wales eine Anthropomorphisierung geschaffen, die eine lebensfreudige Zusammenarbeit zum Besten gibt - und in Form eines kleines Fanzines für fünf Euro herschenkt: Der Ausstellungsraum - der kleine Prinz of Wales - trifft die Königin von Dänemark, und die Geschichte ist in iMessages als wunderschöne Skizzen zum Münchner Alltag erzählt.

Q: Hello Prince of Wales, how are you? Are you bored in München?
P: Yes.

Die Distribution der Rollen, die Revitalisierung der Formen (wie Kasper König es Pirici zuschreibt) und die Art, wie es all die hier benannten Künstler schaffen, antagonistische Satelliten zu sein innerhalb eines kulturellen Kreises, der immer noch Reibung nötig hat, wird noch Ende 2016 zu weiteren Diskussionen zum Studium von Menschen, zum Finden von Orten und Erzeugung von Plätzen um die metamorphisierende Beziehung zwischen Kunst und Leben bringen. Pirici erwähnte am Ende des Gesprächs etwas zu Monumenten, das man sofort mit einem neuen München verbinden kann: Das Monument soll man als Ritual wahrnehmen; etwas das nicht permanent ist, sondern immer wieder neu stattfinden kann.