Ed Atkins - Corpsing – im MMK - Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main

  • 03.02.2017


NO FEAR: Avoiding danger is no safer in the long run than outright exposure… Life is either a daring adventure or nothing.: Begrüßt wird man von einem Plakat, auf dem ein Schäferhundgesicht und diesem übertriebenen Satz zur menschlichen Existenz von Helen Keller steht. Das überdimensionierte Plakat beherrscht die weiße Lobby. Aber wofür steht dieser Hund?

Es ist dieses Plakat und nicht einen Wandtext, das eine Einleitung zu der Ausstellung ‚Corpsing’ von dem vierunddreißjähriger Ed Atkins gibt. Das Plakat lädt den Zuschauer ein, diese andere Dimension zu betreten; vielleicht kauft man es auch nach der Ausstellung als Souvenir im Museumsshop. Der Keller-Satz steht aber für etwas anderes. Es verweist auf Atkins distanzierte Haltung zur Emotionalität, die heute von sozialen Medien determiniert wird. Hier werden Gefühle in ihrer virtuellen Transparenz als eine inkonsequente, sprunghafte, unkontrollierbare Illusion gezeigt.

Das Plakat kommt aus der Videoarbeit ‚Hisser‘ (2015), die er auf fünf große Wände in der ersten Etage des Museums für Moderne Kunst MMK platzierte. ‚Hisser' ist eines der zwei Werke, welches diese erste Ausstellung von Ed Atkins in der deutschen Museumslandschaft bestimmt.

Die Multiplizierung von ‚Hisser’, die sich von eins zu fünf Räume steigert, widerspiegelt sich in der Struktur des Geschehens: ein Teenager aus Florida wird in seinem Schlafzimmer vor der Erde verschluckt. Die wahre Geschichte von 2013 ist absurd genug, um es als Schauplatz und Kostüm für die Isolierungsgeschichte einer seiner psychisch gestörten Figuren zu nutzen. Dazu singt er einen romantischen Refrain zur Bodenlosigkeit seines Liebeskummer.

Szenen wiederholen sich, zwischen Onanie und Musical-Momente. Die Ikea Möbel und der ganze Standard-Kitsch, der da hängt, und dieses weißes Vakuum, in dem sich die Figur befindet, vor und nachdem die Senkgrube sich öffnet und er sich selbst verliert, implizieren als Bühne für ‚Hisser' die Fragilität dieses Menschen, der nicht weißt, wo er sich verstecken soll. Versteckt er sich etwa in den Röntgen-Bildern, vor denen er sich ‚einen runterholt‘? Oder in der Zwecklosigkeit seines Laufens im weißen Nichts?

‚Corpsing‘ ist auch der Name des Seminars an der Städelschule, das der Künstler ein Semester lang angeboten hat und zuletzt in Verbindung mit dem Festival für neue Werke ‚Frankfurter Positionen‘ gebracht wurde. Der Fokus des Festivals heißt auch ‚Ich-Reloaded‘, also die Gesellschaft des künstlichen Ichs. Dieser Aspekt hat Atkins Arbeiten in den letzten Jahren so wichtig gemacht, aufgrund seiner kritischen Auseinandersetzung mit der Digitalisierung von Menschlichkeit.

Im MMK gäbe es Platz für mehr. Atkins hat letztendlich über zwanzig Soloausstellungen in den letzten sieben Jahren gehabt und bei über fünfzig Gruppenausstellungen teilgenommen. Die Entscheidung für ‚Hisser‘ und ‚Safe Conduct‘ ist aber angemessen, vor allem wenn sich der Besucher Zeit dafür nehmen sollte, in die Fiktionen von Atkins zu tauchen und aus der Immersion wieder herausgeworfen zu werden.

Beunruhigend ist bei der Tatsache der Konfrontation dieser Bilder, dass wir diese Momente selber als familiär erkennen. Das hier ist auch ein Argument für die Fans von Chapelle’s La-La-Land; eine furchtbare faschistoide Geschichte von einem Paar mit begrenzten Fähigkeiten, die Erfolg in L.A. suchen und finden, die so beliebt ist, weil sie so ‚selbstironisch‘ und ‚realitätsnah‘ wäre.

Dieser Ekel vor dem durchgängigen Handlungsapparat des Musicals, dass sich von einem Reality-Show oder ein virtueller Kosmos wie bei ‚The Sims‘ nicht unterscheiden kann, erscheint bei ‚Hisser‘ als eine ganz eigene Befriedigung des Künstlers, sich darüber lustig zu machen.

Atkins Beschäftigung mit technischen und automatisierenden Merkmalen bei Musicals öffnet hier weitere Möglichkeiten des kathartischen Darstellen der Psyche in unerträglichen Zustände. Es muss das hier sein, was ihm diese poetische und reflexive Klarheit in der Stimme und in der Auswahl der Wörter gibt.

Die als Monolog vorkommenden, unvollendeten Sätze, erinnern an die frenetische Wiederholung der Ansagen (in) der Öffentlichkeit, an dem Pathos und die Komik, die unsere emotionalen Sorgen umhüllen. So ist das ‚Bolero, M.81‘ von Maurice Ravel, geträllert von einem dekomponierenden Zombie-Kadaver-Typ in einem Flugzeug in ‚Safe-Conduct‘ (2016), nur lustig. ‚Safe Conduct’ basiert nicht auf einem Musical, sondern auf einem von Ravel wegen seiner Popularität verhassten Ohrwurm.

Der Kadaver wird bei der Sichterheitskontrolle zum Cadavre Exquis. Er nimmt sein Gesicht, sein Ohr, sein Blut, seine Pistole, seine Ananas ab. Im Flugzeug sind kleine Zombie-Hände das Äquivalent seines Sicherheitsgürtels. Durch das Fenster eines Boings von Britisch Airways brüllt er das Climax Ravels Orchesterstückes. Im Lagerraum wo Stühle und Koffer und Zeug herumliegt, versteckt sich ein Gigant, nur seine nackten Beine sind hier sichtbar. Verloren im schwarzen Nichts schaut er aus dem Video heraus, Traurigkeit wird endlich in dieser überwältigenden Einsamkeit buchstäblich.

Atkins Figuren sind Avatar für das kollektive Post-Internet Bewusstsein. Genauso melancholisch wie Hisser ist die jüngste Ausstellung von Douglas Coupland, mit Sätze wie ‚I miss my pre-internet brain‘ oder ‚Nostalgia has never been so useless‘. Jon Rafmans Beitrag zu der Berlin Biennale war auch vom apokalyptischen Schwindel gefüllt. Atkins Stimme bleibt getrennt von der Hilflosigkeit seiner Figuren. Hier ist es klar, dass Atkins Wiederholung instrumentalisiert, damit man Merkmale im Film voneinander differenzieren kann.

Diese Gegenüberstellung vom authentischen und automatisierten Gesten erinnert an die Litaneien der Performances ‚Art must be beautiful‘ (1975) von Marina Abramovic oder ‚Lip Sinc‘ (1969) von Bruce Nauman. Die Verführung, weitere Referenzen aus der Kunst und dem Theater hier weiter zu zitieren, ist groß. Großartig ist der perfektionsgetriebene Klang, der die Räume mit dem leisen Tralala, dem nachdenklichen Monolog und des populären Soundtracks umhüllen.

Gefilmt wird kein Mensch, sondern seine symbolische Präsenz. Tobend aber realistisch, wer hier dem Zuschauer den Bolero vorsingt, zeigt die Künstlichkeit menschlicher Ängstlichkeit. ‚Corpsing‘ ist die Ästhetizierung vom immer wieder zurückkehrenden Kollaps. ‚Post-Internet‘ mag diese Tendenz heißen, in dem viele mit ihren Fragen zur Virtual- und Augmented-Reality, Kunst und technologischen Erweiterungen stecken und der gerne Atkins Arbeit zugeschrieben wird. Atkins dreht sich nicht im Kreis, geht direkt zum Punkt: Der Mensch und seine Unmöglichkeit, einfach zu sein, anstatt sich selbst ständig zu verkörpern*.

(*Der Begriff ‚Corpsing‘ bezieht sich auf eine Redewendung aus dem Bereich des Theaters und auf ein Phänomen, mit dem sich Atkins seit langer Zeit beschäftigt.)