Oktober: AHORN – Aus 'Die Blüten der Stadt - Ein Wegweiser durch die urbane Pflanzenwelt'

  • 09.10.2018

Seit Anfang des Jahres begleitet mich dieses, für das 21. Jahrhundert gemachte, Herbarium. Und auch wenn es ‚nur‘ auf 73 von weltweit 391,000 Pflanzensorten verweist, sind es nun diesePflanzen, die in den deutschen Städten wachsen unddie den Alltag hier mehr oder weniger bestimmen. Das Herbarium ist eine Collage aus Migrationsgeschichten mit pikanten und lustigen historischen Details, dandyesken Witzen und scharfsinnigen Einblicken in die Natur, die uns heute ferner ist als je zuvor (bis auf die Landeier vielleicht, die das Glück genießen, den Drang der Städte problemlos vermeiden zu können).

Dieses Buch beobachtet die oberflächliche Vermittlung unzähliger Magazine über Natur und lässt mit wissenschaftlicher Sachlichkeit tiefgreifende Porträts von Pflanzen entstehen. Die Sprache von Hanse ist aber so klar, dass man den Kinder vor dem Einschlafen vorlesen könnte, wie zum Beispiel die Mistel wächst, oder wie hässlich und zugleich wichtig eigentlich ein Fichtenwald sein kann.

Auf Verkehrsinseln, in Parks oder am Wegesrand - diese Pflanzen, die Hanske beschreibt erkennt man sofort aus dem Alltag, doch sobald die Fotografien von Christian Werner im Gedächtnis abgespeichert sind und die Beschreibungen von Paul-Philipp Hanske internalisiert werden, finden diese Pflanzen einen Platz in unserer Wahrnehmung, nicht nur der Stadt, sondern überhaupt menschlichem Leben selbst. Nach Monaten homöopathischen Konsums dieses Buches, wagen wir auf Reflektor M eine Auswahl der Pflanzen, die in der bunten zweiten Hälfte des Jahres zu Protagonistinnen eines sinnlichen Spektakels werden. Im Oktober: Ahorn.


Der Herbst hat keinen guten Leumund. »Herbst des Lebens« ist ein ungelenker Euphemismus für einsame Jahre im Altersheim. Herbst, das ist Abschied, das sind erdenschwere Schuhe und Kratzen im Hals – das genaue Gegenteil des leichtfüßigen Frühlings. Doch vergisst man oft, dass es bis zum Beginn der Moderne genau anders herum war. Im Frühling verhungerten die Kinder, der Frühling war die böse Zeit, in der die Vorräte zu Ende gingen. Vogelgezwitscher und erste warme Sonnenstrahlen machen nicht satt. Der Herbst hingegen war das Fest des Jahres. Da wurde geerntet, gekeltert und geschlachtet. Heute, da Weintrauben und Fleisch das ganze Jahr über vorhanden sind, ist der Herbst vor allem der bittere Vorgeschmack des kommenden Winters. Eine Pflanze aber erinnert noch an die Fröhlichkeit, für die er einst stand: Der Ahorn in seinem bunten Kostüm.

Auf der gesamten Nordhalbkugel gibt es etwa 150 Ahornarten. Nach der letzten Eiszeit sind in Mitteleuropa davon nur der markante Spitzahorn, der Bergahorn mit seinen etwas abgerundeten Blättern und der kleinblättrige Feldahorn übrig geblieben. Steht der Ahorn frei, etwa im Gebirge, wächst er prächtig und entwickelt ein harmonisches Verhältnis zwischen kräftigem Stamm und dichter Krone. In der Stadt ist er ein typischer Parkbaum, hier wächst er oft in Gruppen und bildet ein Dickicht. Die meiste Zeit des Jahres wird man ihn nicht bemerken. Seine hellgelben, winzigen Blüten ab Ende März sind ein Ausbund an Unauffälligkeit. Die unreifen Fruchtstände, die ab Juni vom Wind abgerissen werden, erfreuen sich angeblich einer gewissen Beliebtheit als sogenannte Nasenzwicker, aber genau genommen kleben sie sehr schlecht auf dem Nasenrücken.

Mitte September schlägt dann die Stunde des Ahorns. Vor allem der Spitz- und der Bergahorn haben dann ihren flamboyanten Auftritt. Man kann beobachten, wie die Bäume das Chlorophyll aus den Blättern abziehen, zunächst verfärben diese sich am Wipfel rot, orange und dann gelb, die unteren Etagen stehen da noch in sattem Dunkelgrün. Oft sieht man einen Baum in vier verschiedenen Farben leuchten.

Angestrahlt von der Sonne und vor einem herbstklaren, dunkelblauen Himmel und geschüttelt vom Wind ist das ein psychedelisches Spektakel.

Bei der Buntfärbung des Laubs greifen verschiedene Mechanismen ineinander. Zieht die Pflanze das Blattgrün ab, werden die anderen Farbstoffe des Blattes sichtbar: meist Carotinoide, die für eine Orange- oder Gelbfärbung sorgen. Anders ist es beim Rot. Hierfür müssen zwei Dinge zusammenkommen: sonnige Tage und kalte Nächte. Die Sonne bewirkt, dass im Blatt noch Photosynthese stattfindet und zuckerhaltige Verbindungen gebildet werden. Wegen der kalten Nächte hat der Baum aber seine Blätter schon abgeschrieben, die Verbindung zu den Ästen ist bereits gelockert und damit die Leitbahnen der Pflanzensäfte unterbrochen. Die Zuckerstoffe verbleiben also im Blatt und werden da unter anderem zu dem roten Farbstoff Anthocyan umgewandelt. In Kanada mit seinem trockenen, klaren, sonnigen und nachtkalten Herbst leuchten so die Monate September und Oktober feuerrot. Ist hingegen der Herbst feucht, neblig und von gleichmäßiger Temperatur, färbt sich das Ahornlaub nur gelb. In allen Fällen aber hat Ahornlaub etwas Besonderes an sich: den Geruch. Ahornblätter vertrocknen nicht am Baum, wie etwa Kastanienlaub. Sie welken zwar etwas, segeln dann aber sehr elegant im noch weichen Zustand zu Boden. Dort zersetzen sie sich langsam und geben dabei einen speziellen Duft ab, dessen Intensität den Düften des Frühlings in nichts nachsteht: sehr würzig, ein bisschen wie Suppe oder Sojasoße. Er wirkt sehr vertraut, wenn man als Kind in Herbstlaub tobte.

Noch in einer anderen Hinsicht steht der Ahorn für den schönen, den bunten und süßen Herbst. Und das hat, wie die Farbe der Blätter, auch etwas mit Zucker zu tun. Wie kein zweiter Baum produziert der Ahorn süßen Pflanzensaft. Der wird zwar im frühen Frühling geerntet, wenn der Saft in die Krone steigt, ist aber – eingedickt als Ahornsirup – ein ganz und gar herbstlicher Genuss. Wie falsch würde es sich anfühlen, Ahornsirup im Sommer zu goutieren: Sein leicht bitteres, an Rauch und gebrannte Mandeln erinnerndes Aroma zeichnet ihn als reinen Herbstgeschmack aus, seine Süße ist so scharf, dass sie im Mund sticht, und seine goldbraune Farbe strahlt die Würde des alternden Jahres aus.

Name: Acer, Ahorn, zahlreiche Arten, in Mitteleuropa heimisch: Acer pseudoplatanus, Bergahorn; Acer campestre, Feldahorn; Acer platanoides, Spitzahorn;

Familie: Seifenbaumgewächse.

Saison: Die Ahornarten blühen ab März. Die Blätter färben sich ab Ende September.

Molekularbiologische Untersuchungen ergaben, dass Ahorne mit der Rosskastanie verwandt sind. Beide zählen zur Familie der Seifenbaumgewächse, die sonst vor allem in den Tropen verbreitet sind.

Ahornholz ist hochwertig, und da die Bäume schnell wachsen und auch mit dem wärmeren Klima zurechtkommen, gewinnt es an forstwirtschaftlicher Bedeutung. Das Holz ist hell, hart und beständig. Es wird im Instrumentenbau eingesetzt, beim Innenausbau und zunehmend auch bei großen Bogenkonstruktionen, wozu es sich wegen seiner Zugfestigkeit hervorragend eignet.

Die kleinen Blätter des Feldahorns sind wertvolles Viehfutter. Früher wurden sie auch, milchsauer vergoren, als Gemüse gegessen. Ein alter Name des Feldahorns ist »Maßholder«, was so viel wie Speisebaum bedeutet.