PLAZOLETO. Eine One-Day-Show auf dem Dachgarten des Skyline Plazas – Mit Jakob Brugge, Bradley Davies, Andrew de Freitas, Richard Ess, Max Eulitz, Zoë Field, Vera Karlsson, Jürgen Kleft, Veit Laurent Kurz, Philipp Simon, Vanessa Sioufi, Sung Tieu, Raphaela Vogel & Paul Sochacki

Als Kopfbau der Europaallee, dem Filetstück des viel diskutierten Europaviertels von Macho-Architekt Albert Speer Jr., wurde das Skyline Plaza erschaffen. Kein politisch motivierter Repräsentationsbau, sondern monumentaler Konsumtempel der all den kapitalistisch-existenziellen Bedürfnissen gerecht werden kann. „Frankfurts Shoppingadresse Nr. 1“ – glaubt man dem Marketing – kann als emblematische Verkörperung des „Nicht-Orts“ gelten – ein Gedankengebäude, unter dem der französische Anthropologe Marc Augé unter anderem urbane Räume fasste, die im Zuge einer entstehenden Infrastruktur für einen konkreten Zweck, in diesem Fall für den Konsum, geschaffen wurden. Im Kielwasser der global boomenden Nachhaltigkeitspolitik und der allgemeinen Urban Gardening-Bewegung wurde auf dem Dach des Shopping-Centers der Skyline Garden geschaffen. Konzipiert als eine Mischung aus Gartenpark und Rückzugsanlage, soll er – neben seiner ökologischen Funktion – vor allem als Forum und Bühne für ein gemischtes Publikum dienen.

Explore [...] take some time out to chill [...]

ertönt es während der Fahrstuhlfahrt nach oben.

Hier, über den Dächern der Stadt, soll man im Sinne eines Feel-Good-Valleys mit allem versorgt sein, was der geschundenen Stadtseele zu fehlen scheint. Sowohl die Natur als auch die Öffentlichkeit sind hier konstruiert; ein künstlich geschaffener und mit transplantierten Himalaya Birken und Kiefern bepflanzter Ort, der lediglich vorgibt Raum für alle zu sein und doch ganz klare Einlassbeschränkungen pflegt, die dem Bild des öffentlich-urbanen Frankfurts ganz bewusst entgegentreten, dafür aber dem pseudo-exklusiven Publikum eine wahnsinnige Aussicht bietet. Erst aus der Vogelperspektive wird sichtbar, dass der Mall-Gigant von einigen der größten Spieler des Finanzsektors, wie der Commerzbank oder DZ Bank und der Konsumgesellschaft in Form des internationalen Frankfurter Messegeländes eingekesselt ist.   In und auf diesem besonderen Zwitter-Ort initiierten Max Eulitz, Line Ebert und Marie Oucherif eine für den Zeitraum eines Arbeitstag andauernde Ausstellung, zu der 14 Künstler_innen eingeladen wurden, Werke zu entwickeln oder auszuwählen, die direkt auf diese orts- und zeitspezifische Situation reagierten. Der Ausstellungstitel Plazoleto verweist in seiner spielerischen Mutation und Verniedlichung von Plaza direkt auf die Besonderheit des Ortes zwischen Konsum, Kapital und kontemplativen (pseudo-)öffentlichen Parkgenuss.

Die Werke wurden zwischen und in dem verzweigten Netz an Wegmöglichkeiten und Flächen auf dem Dachgarten positioniert. Ihre Präsenz als Kunstobjekte fordern sie teils mit tradierten Elementen der Kunstproduktion und -präsentation ein. So hängen die Malerei von Raphaela Vogel & Paul Sochacki sowie Zeichnungen von Philipp Simon gerahmt an der einer hölzernen Paravant/Wand und einer der zahlreich vorhandenen Mülleimer wird zum Sockel für die Mini-Skulptur Tent-A-Tent (2017) von Bradley Davies, die trotz oder gerade wegen ihres vergleichbar kleinen Formats den Charakter eines Mahnmals beweist.

Auf andere Arbeiten stößt man beim Flanieren über den Plazoleto. Die Begegnung mit der metallenen feingliedrigen Skulptur Banker Bunny (2017) von Zoë Field findet auf einem der kleineren Rasenstücke am Rande des Daches statt. Basierend auf einer raschen, während des Telefonierens entstandenen Zeichnung, liegt die vermenschlichte Hasenskulptur mit einem angezogenen Bein – in einer Hand die Zigarette, in der anderen die obligatorische Aktentasche – im satt-grünen Gras. Der Hase scheint seine halbstündige Auszeit vom Alltagsstress zu nehmen und lässt sich dafür in der artifiziellen Gartenanlage nieder, die für einen quick break wie gemacht zu sein scheint. Seine Körperhaltung – eine weniger entspannte, als vielmehr antrainierte Pose – sorgt in Momenten des “Sehens und Gesehen Werdens” für eine adäquate Außenwirkung.

Denn „Pause“ ist zu einem nahezu prekären Thema unserer Lebens- und Arbeitswelt geworden, gelten doch dauerhafte Erreichbarkeit und unermüdlicher Arbeitswille als unerschütterliche Maxime in dem modernen effizienzorientierten und fortschrittsliebenden Wertesystem. Diese Getriebenheit findet in der Figur des Hasen, die sinnbildlich für sowohl Schnellfüßigkeit als auch Ängstlichkeit steht, eine satirisch-überspitzte Allegorie. Zeitgleich verweist die Skulptur auf den Ort seiner Entstehung und Präsentation. Sind es doch die Hasen, die für die ein oder andere Schlagzeile über eine massive Plage verantwortlich sind und so zu einer überzeichneten Metapher für die zuweilen als parasitär empfundene Allgegenwart des Bankers in der Stadt werden.

Max Eulitz Skulptur So Embarassing, Dad (2017) lässt anhand einer objekthaften Reminiszenz des deutschen Lieblings- und Balkongemüses inmitten einer weiteren begrünten Rasenfläche zwei Generationen aufeinanderprallen: Die der bekennenden 68er mit ihrer realistischen Einstellung trifft auf ihre Nachfolgegeneration, ein Jahrgang, der vor allem mit einer apolitischen Haltung glänzt und der jedes Engagement im gesellschaftlichen und existentiellen Rahmen für überflüssig, gar blamabel hält. Das größere Gemüse des glänzend-roten Vater-Sohn-Gespanns hat seine Flagge gehisst. Die schwarze Fahne des überdimensionalen und vermenschlichten Strauchgewächs‘ trägt ein allgemein zu decodierendes Symbol – den unmittelbaren Verweis auf die Utopie der Anarchie, für den Widerstand gegen das System und entgegen der herrschenden Ordnung. Die Reaktion scheint – durch Titel und Mimik – eindeutig:  Mit rollenden Augen antwortet der “Nach-Wuchs” auf die radikale Haltung – die Ablehnung wird abgelehnt. Es ist eine Diskrepanz und immer wiederkehrende Gesinnungs-Kollision zweier Generationen, die sich anhand von Eulitz Skulptur aus Keramik, Acryl, Holz und Polyester in der Hochburg der Ideologie des Kapitalismus manifestiert und das Spektakel mit einem geerdeten und stets aktuellen Augenzwinkern kommentiert.

Vis-à-vis spielt *Richard Ess'* Uwes Garten* (2015) mit der künstlichen Bepflanzung im Stadtraum – sein amorpher Erdhügel gräbt sich förmlich aus den säuberlich verlegten Dielen, die Teile des kultivierten Dachgartenbodens ausmachen und als Outdoor-Schachbrett intendiert sind. Wird hier in der bepflanzten Kopfhaut eines Einkaufszentrums die Natur-Kultur-Diskrepanz ad absurdum geführt?

Neben objekthaften Annäherungen an den Ort, lassen sich subversivere künstlerische Gesten finden, welche – zwischen Postproduktion und Vandalismus – bewusst die Idee der Öffentlichkeit und die dort auftretenden urbanen Phänomene aufgreifen. Sung Tieu hinterlässt mit Ruby Nails (series) (2017) im Sinne des “taggings” eine Vielzahl handgroßer Sticker an verschiedenen Orten und Gegenständen des Skyline Garden. Die Geste des Markierens und der Aneignung im Vordergrund, entpuppt sich erst bei näherem Hinsehen der Inhalt der repetitiven Tags: Sich wiederholende Fotografien, die Augenblicke des täglichen Geschäfts in einem Nagelsalon festhalten. Diese Bilder, die in jedem Salon hätten aufgenommen werden können, verweisen auf eine paradoxe Art von Marketing, vielleicht aber auf eine soziale Gruppe und deren gesellschaftliche Sichtbarkeit. Die in Vietnam geborene und in Deutschland aufgewachsene Künstlerin, die in vorangegangen Arbeiten bereits mit Nagelstudios zusammenarbeitete, rekurriert hier mittels einer visuellen und sich wiederholenden, dennoch fast anonymen Repräsentation unter anderem auf diesen speziellen und boomenden Dienstleistungssektor, der oft von Menschen mit vietnamesischem Migrationshintergrund betrieben wird.

In Jakob Brugges Words in my mouth (2017) dagegen bewachen seine hölzernen Skulpturen – in Umriss und Form abstrakte Nachahmungen von Papageienvögeln – wie die notre-dam’schen Wasserspeier den eingezäunten Betonkubus zwischen Dachpark und Restaurant. Was auf den ersten Blick wie spezielle Transportboxen im DIY-Stil für eine einst imperialistisch eroberte exotische Vogelart scheint, könnte auf den zweiten Blick das plastische Pendant zu der den Tieren inhärenten Begabung der verbalen mimetischen Anpassung an ihre Umwelt sein. Die hellhölzernen Skulpturen als physischer Container und semantischer Bildträger für eine evolutionsbedingte Begabung der Imitation von Geräuschen jeglicher Art wurden im Zuge der Ausstellung zudem von einer Soundcollage begleitet.

Die vierteilige Arbeit Myrioramen (2016) des aus drei Personen bestehenden österreichischen Künstlerkollektivs Jürgen Kleft, ist auf einem Rasenstreifen auf der anderen Seite des Daches positioniert. Das Myriorama meint eine Spielart des Panoramas, hinter der die Idee einer zugleich variablen wie endlosen Naturerfahrung steht. Als Zitat der künstlerischen Praxis des Kollektives, referieren die Myrioramen auf die von dem Trio geschaffene Figur des “Shell Punks” – ein semi-fiktiver Phänotyp, der sich in oppositioneller Haltung von der Gesellschaft distanziert und zeitgleich für eine post-dystopische Welt rüstet. In der gelebten Verschmelzung aus Natur und Technologie vermag sich in dem Shell-Punk ein bizarres Zukunftsporträt der vom Zeitalter des Anthropozän bestimmten Lebenswelt anzukündigen. Das Zelt ist wiederkehrendes Motiv und zentrales Moment im Kosmos des Shell Punks und offenbart mit seinem potenziellen großen Aussichten und seiner Sinnbildhaftigkeit als Ort für flüchtige Raumaneignungen, Schutz und Kollektivität ein phantastisch-utopisches Moment. Drei der teils impulsiv formlos und frei-kompositorisch bemalten Skulpturen treten mit ihrer Positionierung und Ausrichtung in eine geradezu antagonistische Konfrontation mit den sie umgebenden Hochhäusern des kapitalistisch-normativen Finanzsektors. In ihrer Gestalt offenbart sich doch auch ein fragiler und zarter Charakter. Wiegend im Wind formen sie sensible Resonanzkörper, die in einseitiger Abhängigkeit unweigerlich auf jegliche äußere Einflüsse reagieren.

In Plazoleto treffen sich Künstler/innen und ihre Werke, die sich mit ihrer versteckten Platzierung oder alltäglichen Objekthaftigkeit einer genauen Bestimmung entziehen wollen und für einige intendierte Irritationsmomente sorgen. Diese konfrontieren die Rezipierenden mit ihren traditionellen Rollen und fordern sie zeitgleich zur Auseinandersetzung mit dem Ort der Ausstellung und seinem Charakter als halb-öffentlicher Zwischenraum des Skyline Plazas auf. Trotzdem stellt das Ausstellungsprojekt keine nostalgische Appropriation der in der westlichen Moderne inflationär ausgestellten Kunst im öffentlichen Raum mit seinen autonomen und statischen Freiskulpturen und deren Anspruch auf Allgemeingültigkeit dar. Plazoleto war vielmehr eine Eintagesausstellung, die in chorisch-künstlerischer Vielstimmigkeit den besonders-sonderbaren Ort des Skyline Gardens wie ein Open Source-Netzwerk aus Botschaften besetzte und dessen ideologisch-geografische Verortung kommentierte. Eine physische (wie geistige) Präsenz, die vielleicht nicht in reiner Relikthaftigkeit verblasst, sondern als präsenter Nachhall fassbar bleibt.

Der Text wurde von Benedikt Seerieder lektoriert.