Profil: Katrin Petroschkat – Aus der Reihe 'Künstler 2015/2016'

3 Ausstellungen und eine Performance: Katrin Petroschkat erlebt einen bewegten Anfang im neuen Jahr. Wie soll sie das alles schaffen, vor allem mit dem Pendeln zwischen Städten, Postproduktion und der akademischen Forschungsarbeit? Es hängt alles zusammen, doch nicht nur thematisch, in der Hinsicht auf das, was sie gerade intensiv beschäftigt, sondern in der des Wissens als solches, welches ihre Arbeiten bedingt, welches sie reflektiert, ausprobiert und widerzuspiegeln versucht.

Hier 3 (immaterielle) Elemente, die als Schlüssel zu ihrer Arbeit funktionieren:

Technik

Über die Moderne wird mit Reue gedacht; die Täuschung, der Fortschritt hätte keinen hohen Preis, hat unsere Umwelt einiges gekostet, Kosten, mit denen wir heute noch zu kämpfen haben (In einem Wort: Globalwarming.) Was aber unter technischer Entwicklung (und/oder Verwüstung) verstanden werden kann, veranlasst Künstlerinnen wie Petroschkat, Virtualitäten zu erzeugen. Zum Beispiel Algen im Labor: Da im Winter keine Algen im Teich gefunden werden können, welche Petroschkat für ihre Installation in ‚Echo of Untouched Matter’ in der Lothringer13 brauchte, züchtete sie die Pflanzen selbst, die dann in einem Fischglas auf einer drehende Schallplatte tanzen.

‚Millions and millions of years’: Die Klanginstallation spielt eine von Petroschkats Oden auf die Photosynthese - im religiösen Loop. Die Künstlerin nennt dies eine Litanei, wahrscheinlich wegen des meditativen Charakters: Es ist eine Version der Schöpfungsgeschichte. Sie erzählt die Geschichte von 1,5 Milliarden Jahren, in der die Algen die reifste Lebensform waren und die Bedingungen für die weitere Entwicklung des Lebens schufen. Für Petroschkat vermischen der feierlich-schaurige Chor und der nüchterne Automatismus des technischen Geräts Fakt und Fiktion zu einem untrennbaren Plot, im Sinne der antiken Bedeutung von Technik: Als Gesamtheit der von Menschen entwickelten Werkzeuge, als besonderes Können in beliebigen Bereichen menschlicher Tätigkeit, aber vor allem – als Prinzip der menschlichen Weltbemächtigung.

Gespenster

Die Algen drehen sich in diesem elektrischen Tempel als Erwachen unserer Vorfahren, als Erklärung der heutigen Sauerstoffkatastrophe. Was tun? Die Erde dreht sich, die Platte dreht sich, die Algen tanzen dazu.

Die Position des Menschen gegenüber der Natur war immer ein widersprüchlicher Zustand von Verantwortung und Ohnmacht. Ihre Performance ‚The Hercules & Leo Case’ erzeugt dazu einen klaren Kommentar zur aktuellen Kontingenz; hier in Verbindung zu Tierrechten. Kein Chor, aber ein mehr-stimmiger Klangraum, eine Bühne, die sich auf ein aktuell in New York laufendes Gerichtsverfahren bezieht. Hercules und Leo, zwei für Experimente benutzte Schimpansen, verklagen die Stony Brook University. Vertreten werden sie vom Projekt ‚Non Human Rights’, das ihnen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse eingeschränkte Personenrechte einräumen möchte. Der Prozess wirft philosophische Fragen auf, sagt Petroschkat. Das Trio benutzt dafür Texte und Musik u.a. von Moondog, Franz Kafka, Donna Haraway oder Werner Herzog.

Können die Tiere selbst klagen und ein Gerichtsverfahren gewinnen? Kann die Gewalt der Natur in juristischen Begriffen thematisiert werden?

Gesellschaftliche Konventionen und Annäherungen zum Außerirdischen finden wir in Petroschkats Fotoserie einer Geisterbeschwörung in Sri Lanka. ‚You can take a picture of the Ghost’ – humorvoll hinweisend auf touristischen Erwartungen gegenüber dem Unbekannten, hinweisend auf das alltägliche Leben und seine Mythen: ihre Ergebnisse sind eine Wand im Hof, ein leerer Stuhl im Garten –Abwesenheit. Petroschkat berichtet:

‚Die Assistentin des Schamanen versucht mit meiner Kamera ein Foto des Geistes zu machen. Nichts. Sie zeigt mir die Bilder, die sie mit ihrer Kamera gemacht hat. Auf ihnen sind Blendenflecke mit gesichtsähnlicher Zeichnung zu erkennen. Ich verändere die Einstellung meiner Kamera und produziere ein Bild mit einem Blendenfleck und zeige es. Aber auch dieses Foto scheint nicht der Erwartung eines Geisterfotos zu entsprechen. Die Fotografie hat in dieser Situation eine paradoxe Rolle: sie versagt als verbindliches Beweismittel.

Zauber

Die Fotografie macht das Unsichtbare weder sichtbar, noch wiederlegbar, und doch bleibt sie als Dokument stattgefundener (oder besser gesagt: erwünschter) Kommunikation mit dem Außergewöhnlichen. Ähnelt sich aber nicht das Streben des Schamanen in diesem Sinne dem Streben des zeitgenössischen Künstlers?

‚As a matter of fact’ – Ja. Mehr oder weniger.

Vom Zauberer unterscheidet sich der Wissenschaftler auch der Künstler kaum, jedenfalls in der Codierung ihrer visuellen Prozesse. Petroschkats Arbeit – die gerade im Maximiliansforum ausgestellt und heute am 16. Januar diskutiert wird – entstand in Zusammenarbeit mit dem Zauberkünstler Timothy Trust und dem Helmholtz Zentrum München. Sie untersucht die Grenzen und Verbindungen zwischen Wissenschaft und Zauberei. Die Rolle der Künstlerin als ein Januskopf entspringt dabei sowohl aus dem Wissenschaftler als auch aus dem Zauberer.

‚Medialität als Trick’ ist Petroschkats Dissertationsthema. Die Thesen des Anthropologen Alfred Gells dienen ihr als Stütze für eine Untersuchung der hybriden Formen der scheinbar gegensätzlichen Domänen von Kunst, Magie und Technik. Doch wenn sie darüber redet, wird deutlich, wie (fast kindlich) neugierig sie ist auf die Tragfähigkeit zeitloser Ideen (oder wenn man so möchte auf Kunstwerke) jenseits der anthropozentrischen Bedingungen, aus denen man die Welt heraus verstehen kann.

Ihr post-anthropozentrisches Interesse steigert sich nicht zu radikalen Positionen. Die akademische Forschung übersetzt sie nicht in ihre künstlerischen Arbeit. Sie sieht Beides – Dissertation und Kunstwerk – als parallel laufende Wissensformen: mal probiert sie was aus, mal liest sie, mal produziert sie was humorvolles, dann etwas akademisches. Im Zentrum des Ganzen steht immer das Staunen gegenüber Schönheit der Welt.