Profil: Veronika Veit – Förderpreis der Stadt München 2016

Der quantenmechanische Unterschied zwischen Vergangenheit und Erinnerung ist ein wichtiges Element zum Verständnis des konzeptuellen Rahmes von Veronika Veits Arbeit. Wieso quantenmechanisch? Das lässt sich durch weitere dualistische Konstellationen erklären: Zwischen Geschichte und Anekdote, Phänomen und Effekt, Zeit und Raum. All dies macht den Kern der Installation „The very moment“ aus, welche derzeit in der Ausstellung „The Haunted House“ in der Rathausgalerie gezeigt wird. Der Umgang mit Zeit spielt auch eine entscheidende Rolle in der Installation „Bessere Zeiten“, welche auch Teill der Förderpreisausstellung ist.

Die räumliche Situation des Münchner Hauptbahnhofs wurde zur Ausgangspunkt von „Bessere Zeiten“, welche in unmittelbarer Verbindung zu dem RichArts Projekt „Warte-Zeit“ entstanden ist. Ein Bauwagen gewährt durch die Fenster freien Einblick in einen Kontrollraum-Szenerie. Der Betrachter blickt auf eine Videoaufzeichnung zweier Männer, die wohl irgendwann früher in dem Wagen gesessen und gewartet haben.

Veit spricht von einem Endzeitcharakter des Filmes. Doch sie schlägt keine Antworten zu Krisenbildern vor, das hermetische System der Installation lässt sich überall platzieren, als würde sie selbst die Grenzen zwischen Skulptur und Dingen zur Schau stellen. So soll auch die Arbeit bei der Förderpreisausstellung funktionieren: Egal wo platziert, soll sie in den Dialog mit dem Raum und den anderen Kunstwerken möglich bleiben.

Kunstwerke können auch durch Potenzialität definiert werden und auch bei Veit spielt der Betrachter eine größere Rolle im Werk als ihre eigene Präsenz. Veit nutzt das vielzitierte Paradoxon von Erwin Schrödingers Katze in der Kartonkiste, das in Physik und Philosophie viel Aufsehen erregt hat, um ihren Gedankenexperiment zu visualisieren. Ein Mythos des 20. Jahrhunderts, der Renner auf YouTube (unter „Katze“ und „Karton“): Alles ist wahrscheinlich, wir entscheiden uns für das, was uns am wahrscheinlichsten vorkommt. (The very moment, Zweikanal Videoinstallation, bis 20. Mai in der Rathausgalerie München)

Diese erhoffte Vielseitigkeit des Kunstwerkes bezieht sich auf grundsätzliche Überlegungen sowohl zur medialen Bedeutung von Kunstwerken als auch zu physikalischen Theorien, die auch für Kunst gelten.

„Bessere Zeiten“ ist im Prinzip eine hermetische Arbeit, die Gedanken an Katastrophenphantasien oder genau dadurch in die Realität der Welt hinaus schauen lässt. Denn es herrscht zum Beispiel eine globalen Fluchtkrise, doch welche Version der Ereignisse wird Geschichte, welche wird viel diskreter als Erinnerung gespeichert?

„Alles was wir historisch definieren, wird für relevant gehalten. Alltägliche Dinge nicht. Doch nur durch persönliche Erinnerung wird unser Alltag definiert. Beispielsweise sind die Erinnerungen von Zeugen unzuverlässig. Die Erinnerung ist nicht klar, aber die Vergangenheit ist genau so manipulierbar wie die Zukunft“, so Veit.

So - und jetzt? Der Katastrophenfilm in ‚Bessere Zeiten’ geht an die gesellschaftliche Keimzelle heran, sowie es auch ‚Die Faust’ (2010, HD-Video, 4:44 min) macht. Eine Mutter-Tochter-Szene spielt sich in einem biederen Dekor aus den 1960ger Jahren ab, auch hier geht es um Erinnerung. Die souveräne Haltung der Mutter ändert sich auch dann nicht, als plötzlich ein Fisch aus der Kaffeekanne auf den Tisch springt. Sie behält die Kontrolle über das Geschehen und beißt dem Störenfried letztendlich den Kopf ab. Danach zieht sie sich in Seelenruhe die Lippen nach.

Diese Arbeit wurde letztendlich für einen anderen Rahmen ausgewählt, nämlich für die kommende Ausstellung von Video-Arbeiten der Sammlung Goetz im Haus der Kunst: „No Place like Home“. Von Ruhe und Gewalt wird hier gesprochen, bei Veit wieder in deren metaphysischem Zustand: Was sind die Gründe für unsere heutigen Wertsysteme? Man spricht gerne davon in den Medien – die westliche Werte.

Spielen die selben Gründe eine Rolle in der heutigen Definition des Kunstwerkes?

Im Idealfall, sagt Veit, funktionieren die Arbeiten als Denkraum, als Metaebene des individuellen Lebens, welches an sich das Zeitalter bereits kommentiert. Auch wenn nur online.