Prometheus in Steiermark – Eine Ausstellung zur Dekolonialisierung eines Mythos / mit Friedemann von Stockhausen, Lothar Baumgarten, Jonathas de Andrade, Clemens von Wedemeyer, Yervant Gianikian + Angela Ricchi Lucchi und Aimé Zito Lema

  • 17.10.2017

Der Kurator einer Ausstellung sowie der Dramaturg einer Theateraufführung ist für mehr zuständig als der Betrachter gemeinhin weiß. Mal fallen bei ihr/ihm Entscheidungen über administrative -, mal über ästhetische Dinge, mal politsche oder finanzielle Kompromisse. Zum Beispiel der Entschluss zur Zusammenarbeit mit Mousse Publishing für den Katalog, oder der Einladung, eine Ko-Kuratorin wie Katarina Gregos zu seiner Seite zu holen, um den Kontext der Ausstellung gezielt zu sprengen. Als Bindeglied und kritischer Ansprechpartner ist Luigi Fassi in Graz jemand, der für ein Leitmotiv in der Bildenden Kunst, die Verbindung der Steiermark mit anderen Städten, sowie für die entscheidenden Künstleraufträge für den Steirischen Herbst sorgt.

Fassi hat einen Vertrag als Dramaturg mit dem Festival für Neue Kunst in Graz, für die er die Ausstellung ‚Prometheus Unbound / Der entfesselte Prometheus’ kuratierte, die über den Zeitraum des Festival hinaus zu besuchen ist (bis zum 3. Dezember). Fassis Konzept zeigt sich als Basis dieser Gruppenschau für die Verschärfung des Profils der Bildenden Kunst innerhalb des Grazer Festivals, das bis dato primär dafür steht, ein Treffpunkt für Theaterinstitutionen und schaffende aus der ganzen Welt zu sein.

Die Performances und Aufführungen auf der Bühne und den Straßen, hatten bisher eine führende Position bei der internationalen Kennzeichnung des Steirischen Herbsts, während die Kunstausstellung meistens eher als Teil des Programms der peripheren Institutionen und Projekträumen verwechselt wird. Das ändert sich nun langsam.

Denn die Peripherie ist in Graz ziemlich zentral. Die ‚Herbst-Ausstellung’ besetzt wichtige Räume der Neuen Galerie im Johanneum, wo parallel zum Festival eine große Präsentation von Porträts aus der Museumssammlung stattfindet, passend zum ‚Herbst’-Leitmotiv namens ‚Where are we now?’, in dem große Namen wie Maria Lassnig, Otto Muehl und Andy Warhol vorkommen. Der einleitende Text zu ‚Prometheus Unbound’ fällt bereits aus dem Museumsrahmen. In riesigen Buchstaben an der Wand, liest sich ein mit Kreide skizzierter Kafka-Zitat:

„Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären; da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muss sie wieder im Unerklärlichen enden. Von Prometheus berichten vier Sagen: Nach der ersten wurde er, weil er die Götter an die Menschen verraten hatte, am Kaukasus festgeschmiedet, und die Götter schickten Adler, die von seiner immer wachsenden Leber fraßen. Nach der zweiten drückte sich Prometheus im Schmerz vor der zuhackenden Schnäbeln immer tiefer in den Felsen, bis er mit ihm eins wurde. Nach der dritten wurde in den Jahrtausenden sein Verrat vergessen, die Götter vergaßen, die Adler, er selbst. Nach der vierten wurde man des grundlos Gewordenen müde. Die Götter wurden müde, die Adler wurden müde, die Wunde schloss sich müde. Blieb das unerklärliche Felsgebirge.“

Die von Kafka als problematisch deklarierte mythologische Figur gibt der Ausstellung die Möglichkeit, die Historisierung von Fortschritt und Technik in Europa zu überdenken. Für Fassi kreisen die Geschichten des unsterblichen Titanen sowohl um die Bedeutung von Körper in Verbindung zur Selbstreflektion innerhalb der industrialisierten Welt, als auch um die Befreiung von der eurochristlichen Kolonisation und der daraus resultierenden Sklaverei und Unterwerfung von Nicht-Europäern, vor allem aber Afrikanern.

Das alternative Schicksal des Prometheus im Titel – endlich entfesselt – hilft bei der Trennung der mythologischen Figur von religiösen und politischen Absolutismen eines imperialistischen Europas, und vereinfacht dem Besucher die Annäherung zu einem Prometheus als Metapher für heutige Migrationsbewegungen.

In diesem Sinne sind die Künstler Friedemann von Stockhausen, Lothar Baumgarten, Jonathas de Andrade, Clemens von Wedemeyer, Aimé Zito Lema, und Yervant Gianikian zusammen mit Angela Ricchi Lucchi, Perspektiven auf die Vergangenheit Europas als Matrix von Widersprüchen, ungelösten Ambivalenzen, Hybris und Verdammung.

‚Prometheus Unbound’ bringt somit Brennstoff zusammen, und verspricht feurige Auseinandersetzungen, die von nicht-linearen Narrativen in der Ausstellung bedient werden. Die Ausstellung ist eher kurvenhaft, gefüllt mit weichen Formen und Körpern, die Subtiles hervorbringen, ohne eine scharfe Untersuchung von existierenden Archiven und Gegenständen zu vergessen. Die überfordernde Gewalt der Europäer des zwanzigsten Jahrhunderts wird hier ebenfalls nicht ignoriert.

Von Wedemeyer beschleunigt Aufnahmen des Amateur-Kameramanns Freiherr Harald von Vietinghoff-Riesch, die er auf europäischen Kriegsschauplätzen filmte, während Gianikian + Ricci Lucchi die Geschwindigkeit von Filmen verringern, in denen sie das Schicksal verbannter Völker des 19. und 20. Jahrhunderts langsam in Form von Dämonen des Faschismus, Kolonialismus, Kriegs, Verfolgung und Völkermorden (die zurückzukehren drohen) entblößen. Von Wedemeyer zeigt sich selbst bei der Betrachtung des Filmmaterials, Baumgarten denunziert in ‚Unsettled Objects’ die unterwerfenden Methoden, mit welchen ethnologische und museale Sammlungen konzipiert wurden. Denn hier geht es um die individuelle Verantwortung der Geschichte.

‚Disposed’, ‚politized’, ‚registered’, [...]

Die schwierige Beziehung zwischen der Moderne und der Vielzahl an Kulturen und Traditionen der Welt, stellt sich als emotionales Feld der Konfrontation in der Arbeit von Jonathas de Andrade ‚Eu, mestiço (me, mestizo, 2017)’ heraus. Die UNESCO-Untersuchung namens ‚Race and Class in Rural Brazil’ aus dem Jahr 1952 ist für De Andrades Porträt-Reihe von in Brasilien lebenden Brasilianern ein kritischer Hintergrund. Im Jahr 1952 sprach die UNESCO von einer Rassendemokratie, welche Rassenvorurteilen und Diskriminierungen in Brasilien ein Ende setzen sollte. Die damalige Untersuchung ermittelte jedoch Klassifikationen, die physische Kriterien mit Charaktereigenschaften als Erklärung der Konflikte anbot. Faulheit, Aggressivität und Bescheidenheit wurden mit lockigen Haaren, großen Nasen und dicken Lippen assoziiert, was das ganze zum Spiegel einer noch nicht abgeschafften hegemonischer Ordnung machte, in der Rassismus inhärent ist. Hier spielt Gestik, so wie bei der Zeichenlehre Europas, die wichtigste Rolle bei der kulturellen Definition von Menschen. Doch De Andrade lässt anderes spürbar werden; eine weiche Männlichkeit und spielerische Frauen, die über all den langweiligen Begriffen stehen.

Der schwarze Prometheus, von dem Jared Hickman schreibt, nimmt die historische Funktion des Mythos als Grenzfall einer platonisch-christlichen politischen Theologie des Absoluten. Dazu lud Fassi Hickman ein, sowie weitere Kulturtheoretiker wie Hartmut Böhme, Giovanni Leghissa und Walter Mignolo bei der Debatte einer neuen ‚Kosmologie’ globaler Kultur im Katalog und in Workshops der Ausstellung teilzunehmen.

Die Möglichkeit, die Europäische Kulturgeschichte als Cul-de-Sac zu verstehen, entsteht erstmals bei der Distanzierung von den etablierten Narrativen. Auch wenn nur die Von Stockhausen und Baumgarten produzierten Arbeiten für Prometheus Unbound den Mythos und seine Autoren thematisieren, sind die Künstler durch die Idee verbunden, Selbstaffirmation sei nicht nur ein Bedürfnis des modernen Subjekts. Die Vorreiter einer antikolonialen Zukunft sind bei ‚Prometheus Unbound’ die Protagonisten.

Der von Mousse Publishing gedruckt und vom Steirischen Herbst und Luigi Fassi herausgegebene Katalog ist eher ein Kompendium von wichtigen Positionen als eine Sammlung von Ausstellungsansichten. Es kostet nur 12,99 Euro und ist absolut preiswert und schön.


Lektoriert von Juno Meinecke.