Review: FLYRT, Sarah Ortmeyer im Kunstverein München – 'FLYRT ist FLYRT, und nicht nur Flirt.'

‚Wovon alle überzeugt sind, das nennen wir wirklich‘

sagt Aristoteles.

Das Mimetische schreib sich so sehr bei Sarah Ortmeyer ins Bild ein, dass man automatisch schon die Frage erhebt, wovon das Bild ein Bild ist. Die Frage entsteht selbst dort, wo sich das Bild jeglicher Abbildungsfunktion verweigern möchte. Von irgendetwas muss es ja ein Bild sein, das Bild, und das wird von irgendwoher kommen, sei es von der Selbstverweigerung. Dass die Selbstbestimmtheit dessen, der das Bild macht, gelegentlich ins Abstrakte abgewandert ist, verwundert nicht weiter, weil das Mimetische gelegentlich doch zum bedrückenden Evidenzkriterium des Bildes geworden ist, und so zur Rückbindung an die Wirklichkeit.

Spricht man von der Ära des Post-Internet, könnte man überspitzt formulieren, dass wir das wirklich nennen, wovon man nur partiell oder auch niemand überzeugt ist, zumindest ist die Basis des consensus abhanden gekommen. Nimmt man als eine rudimentäre Form dessen, was man Wirklichkeit nennen könnte, die Natur, an der sich das mimetische Vermögen in immer nur erratischer Ungenauigkeit abgearbeitet hat, so ersetzt das Internet die Wirklichkeit mit Wirklichkeiten auf vormals unbekannter Radikalität und allemal illusionsloser Anerkennung, dass da etwas auseinander fällt, was zur Unbedingtheit des Evidenten gehörte.

Vielleicht hilft es ja, anzunehmen, das mimetische Bedürfnis der Menschen sei nicht mehr als die mimetische Anstrengung selbst, eine Art Handlungsmoment ohne Evidenz zu verlangen in einem außerordentlichen Sinne. Natürlich denke man bei FLYRT erst einmal an den Flirt, einer Kommunikationsform, die irgendwo zwischen Gegensätzen angenommen werden kann und nicht auf ihre Einebnung zielt, im Gegenteil gerade dort angesiedelt ist, wo das Dichotomische die Attraktion ausmacht, aber Spielform eines Austausches, der auf einem Erlebnishorizont stattfindet. Welche Umkehrung man während des Flirtens auch anstellen möchte, der Flirt verhält sich, unter den Oberflächen nichts Anderes, Tieferes zu vermuten; ein Anderes, ein Tieferes, das einen nur abhält, der Oberfläche seinen Reiz zuzugestehen. ‚Flyrt Poetica’, das in der Ausstellung gezeigt Video von Sarah Ortmeyer, entfaltet diesen Reiz des Flirtens, wie Kaskaden reihen sich Äußerungen an Äußerungen, erzeugt durch elliptische Textpartikel im Sprachstil von SMS-Nachrichten, eingestellt Bilder, Fotos, Zeichnungen, wie auch ordnende, kommentierende, verdeutlichende Piktogramme in Form von Emojis. Dieser Flirt ist ein Dialog, in dem eine Äußerung als eine Reaktion auf eine andere entsteht, die wiederum eine Reaktion auf eine andere, ed ad infinitum. Sie ist ein Spiel sich aneinanderreihender Variationen, Ablösungen, ein mäandern mit und durch ein Arsenal limitierter, wie auch spröder Partikel, das sich, hat man sich einmal darin eingefunden, ins Unendliche weiterzuspinnen vermag, in einer Endlichkeit, in der wir uns befinden, die Autoren des Spiels, wie auch die Leser.

Aber FLYRT ist FLYRT, und nicht nur Flirt. Der Flirt ist nur eine sich anbietende Assoziation. FLYRT mag ein Akronym sein für irgendetwas; irgendwo findet sich Flying Radar Target im Sinne einer Täuschung für die Verifikation von Zielbestimmungen (auch und vor allem im Militärischen Bereich). Es ist die Fährte zu einer Metapher, die uns von einer falschen Fährte erzählt, vielleicht weil die Metapher - nicht diese im Speziellen, sondern die Metapher an sich - immer das Unerfüllbare durch etwas verfügbares ersetzt, sich kurzschließt mit einer Präsenz, die noch weit vor dem Begriff angesiedelt ist. FLYRT versetzt uns in ein Gebiet der Hieroglyphen, in ein Gebiet in dem der schriftliche Ausdruck am Bildlichen klebt und die Summe der einzelnen Teile nicht ein Mehr als der ganze Haufen sind, weil es an distinktiven Teilen mangelt. FLYRT spielt also mit einer Form, die unter dem Radar der Entscheidungsmöglichkeiten von wahr und falsch liegt, sondern in ihrer Präsenz besteht. In diesem Sinne Indifferenz anzunehmen, würde tatsächlich auf die oben gegebene Definition des Akronyms gehen; Indifferenz nimmt sich darin als ein Fakt der Täuschung aus.

FLYRT besteht nicht allein aus einem Video, es ist eine über drei Räume verteilt Installation. Spröde, sehr reduziert und eingedampft auf wenige Elemente. Ganz im Gegensatz zu anderen Installationen von Sarah Ortmeyer, die gelegentlich chaotisch sind und aussehen wie das, was entsteht, was sich aus einem Urknall solcher Elemente ergeben würde (Petersburg Paradox). In jedem der Räume ein großflächiges Schachbrett-Bild, in zwei jeweils noch ein kleines; schwarz ist schwarz, das andere in einem als himmlisch angegebenen Farbton. Dann, im Mittelraum, Schachfiguren aus Straußeneiern, schwarze und weiße, auf mehr oder minder hohen Metallstangen, deren Länge auf die Funktion im Schachspiel deutet: Bauer, Offizier etc. An den Wänden, auch im Mittelraum, silberne Papierkonglomerate, auf denen je chiffrehaft gezeichnet ein Herz oder eine Spinne aufgebracht sind. Im ersten Raum hängt, recht hoch, ein Buch an der Wand, auch hier das Papier silbern, das die Vorlage des Films ist.

Im Grunde läßt sich aus jedem dieser Elemente ein Arsenal an Verweisen, Streuungen, Verbindungen herausdestillieren: Das Schachbrett als das Spiel mit, von Menschen erfundenen Regeln, das in seinem unendlichen Beziehungsgefüge, das darauf erzeugt werden kann, wie eine Vorwegnahme des Internet gelesen werden könnte (hier auf das wirklich wunderbare Buch von Sarah Ortmeyer, Grandmasters World Champions, zu verweisen, ist nicht falsch, in dem dieser Männersport zu dem von Frauenikonen wird). Die Spiegelung dieser Schachbretter vom Großen ins Kleine als eine nicht auslotbare Vor- und Nachbildspiegelung. Die Hieroglyphen, Herz und Spinne (im Video wird ausführlich der Bezug zu Louis Bourgoise hergestellt), auf silbernem Papier als eine Linie hin zur Fotografie, Silberchlorid, worin jenes Auseinanderfallen von Lexikalischem und Ikonografischem enthalten ist - das eine als Illusion und Täuschungsform, das andere als die vermeintliche Verortung im Subjektiven.

Das Straussenei hat in der christlichen Ikonografie als Symbol für die unbefleckte Empfängnis Marias gedient - wie so einiges andere auch. Mit seiner harten Schale wurde das Straussenei als unbefruchtete Hervorbringung angesehen - das, wofür der Strauss sonst steht, das Kopf in den Sand stecken, ist nicht weit von Joseph entfernt. In der weiteren Lesart steht das Ei für die ‚creatio ex nihilo‘, einem voraussetzungslosen Erscheinen in der Welt, einer im Ganzen recht inkonsistenten Idee, deren Substanz dem Schöpfergott vorbehalten ist, der sich in mancher Hinsicht wohl nicht gänzlich aus dem Geschehen zurückziehen kann. Wie dem auch sei, könnte eine Welt, in der es das Internet gibt, als eine erscheinen, in der sich die menschlichen Hervorbringungen kaum mehr in kosmische Abbildungen zurückbringen lassen und in denen das Bild, in Hinsicht zu seinem Wovon, auf die Selbstbestimmung seines Hervorbringers deuten kann.