Review: VOLKSFRONTEN, Steirischerherbst '18 – Wer sich hier desorientiert fühlt, hat den idealen Zustand der Erkenntnis erreicht.

Wir sitzen zu dritt im Auto, es läuft Klassik-Radio, draußen raucht René seine Kippe zu Ende. Er steigt ein und erzählt die Geschichte, wie er Taxifahrer geworden ist. Es ist eine schmerzhafte Geschichte der Misserfolge, die er herzerwärmend im steirischen Dialekt vorträgt. Als erfolgreicher Unternehmensberater flog er durch die Welt, doch ein Unfall fesselte ihn ein Jahr lang ans Krankenhausbett, danach ging alles den Bach runter, die Gründung einer Firma lief schief, und das Arbeitsamt brauchte viel zu lang um ihm einen neuen Job zu vermitteln. Die Straßen sind so kurz wie seine Sätze, die jede Episode abbilden, wie sich auch im neu riechenden Auto die Stadt Graz abbildet, die er uns zeigt. Wir stoppen an einer spätbarocken Kapelle etwas außerhalb der Altstadt. Mit Lampen steigen wir den Hügel hinter dem Gebäude hinauf und blicken über die Landschaft, die René uns zeigt.

‚Hier War Ich Noch Nie - eine Taxichoreografie‘ heißt die Inszenierung, mit der vor zwei Wochen der Steirische Herbst eröffnete. Die Dramaturgen vom Theater im Bahnhof verstehen sie als zeitgenössisches Volkstheater. Er ist Teil des diesjährigen Festivals, das die neue Intendantin, die aus Moskau stammende Kunsthistorikerin Ekaterina Degot (die zuletzt die Akademie der Künste der Welt in Köln mit aufbaute) mit dem Titel ‚Volksfronten‘ offensiv in den brisantesten Debatten der Gegenwart platzierte.

Nach Degot ist und bleibt das Wort ‚Volk‘ ein verstörender und ambivalenter Begriff. Sie hat dreißig Künstler eingeladen, mit den Konzepten Volk und Heimat im Kontext österreichischer Politik zu arbeiten. Das Kernprogramm des Festivals richtet sich explizit an staatliche Propagandamaschinen, die zunehmende Fremdenfeindlichkeit sowie die Antiflüchtlingspolitik. Im Anblick dieser großen Problemen verteilt sich Ekaterina Degots Ausstellungskonzept in den Gassen der Stadt. Doch was nach aus Frustration gespeistem politischem Aktivismus und bewusster Distanzierung von einer Festivaltradition aussieht, sieht tatsächlich nach einem guten Anfang für die neu aufgestellte Institution aus, die das langsam und beunruhigend sich verändernde politische Klima in Europa auf Augenhöhe verfolgt.

Statt hart wie eine Faust ins Gesicht zu schlagen, erweisen sich die ersten Gesten des Steirischen als überraschend filigran. Wie die Abendveranstaltungen in der Herbstbar, die schon seit mehreren Wochen die Herzen der Grazer wärmt wie die Lieblingskneipe eines Dorfes. Es wird zu einer Reihe von offiziellen Gesprächen eingeladen, wie auch zu inoffiziellen Tanznächten. Nach dem Konzert von Laibach sind viele verstört und irritiert vom ganzen Kitsch, den sie auf der großen Bühne der Kasematten am Schlossberg ausbreiteten. Hier in der Herbstbar können sie erstmals mit Laibach-Mitglied Ivan Novak darüber sprechen.

Wie kann es möglich sein, dass Laibach mit einer faschistischen Ästhetik auf ganz unironische Weise kokettiert, wenn sich eine rechtsradikale Gesellschaft auch und gerade in Österreich breit macht?

Das fragt jemand im Getümmel. Ivan Novak verteidigt seine Musik und behauptet, es sei genug, dem Betrachter zu überlassen, was und wie er darüber denkt. Kitsch solle man nicht diskreditieren als Werkzeug des Konsums, sondern für eine gesellschaftliche Debatte nutzbar machen. Die slowenische Band spielte jedenfalls nicht irgendein Konzert auf Tour. Laibach inszenierten das ganze Musical ‚The Sound of Music‘ von vorne bis hinten neu, mit projizierten retro-futuristischen Landschaften in 3D und ließen Campbell-Dosen mit weiteren Pop-Art Ikonen auf der Leinwand herumfliegen, während sie ein Lied nach dem anderen spielten, in den Melodien von Robert Wises Filmsoundtrack, aber in absoluter Verzerrung des Musicals, das den Anschluss Österreichs 1938 und die Flucht der Familie von Trapp aus Salzburg darstellt.

Versüßt, vermischt, als Erzählung einer antifaschistischen Familie mit singenden Kindern im Jahr 1938, Jahr des Anschluss Österreichs zum Dritten Reich, wirkt ‚The Sound of Music‘ am Eröffnungsabends des Steirischen Herbsts wie eine Zombiegeschichte. Unerträglich. Das Konzert lässt sich als Entblößung dessen interpretieren, was heute aus ‚The Sound of Music’ geworden ist: ein ambivalentes Beispiel von Wahrnehmungsmanipulation der Geschichte, eine Zäsur im Umgang mit Rechtsradikalismus, und wie sich Selbstreflexion kollektiv aktivieren lässt. 

Denn diese Ambivalenz ist es, die als Begriff von ‚Volksfronten‘ als omnipräsentes, bedrückendes Bindeglied, bei allen Stationen der Kartographie des Steirischenherbsts erscheint: Von Irina Korinas aufgeblasener Installation einer monströs-idyllischen Landschaft an der Helmut List Halle ('Schnee von gestern', 21. - 30. 09) bis zur leisen Audioinstallation ‚Hum‘ von Tony Chakar & Nadim Mischlawi auf der Dachterasse des Hotel Daniel (noch bis 14. 10.), begleitet einen die Frage, ob diese prototypische Art, Politik zu ästhetisieren, noch gültig ist. 

Geschmacklosigkeit mag vielleicht veraltete Widerstandsfantasien bewirken; erwischt einen aber dabei, die eigene Angst mit einer allgemeinen belasteten Vergangenheit noch mal zu konfrontieren, als wäre sie die eigene. Was mal Hype sein konnte, ist heute Zeichen der Entfremdung in der Installation von Henrike Neumann, ‚Anschluss 90‘. Anhand dieses Jahres, in dem über Nacht der Ruf ‚Wir sind ein Volk’ entstanden ist, lässt uns Neumann in einem komplexen Möbelgeschäft-Environment anhand von Readymades die Ursprünge des Aufstiegs des deutschen Rechtsradikalismus im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte erkunden. Passiert man Henrike Naumanns Schaufenster im Haus der Architektur, begrüßen einen die seltsamsten Gegenstände, die ikonisch die Orientierungslosigkeit des Konsums Ost- wie Westdeutscher und Österreicher in den Neunzigern anzeigen: das Bett mit Spiegelgestell, die schmelzende Uhr auf dem Kaffeetisch. Doch je tiefer man in diesen Showroom hineinläuft, desto trüber die Atmosphäre, voller Tapetenproben und Bücher, die eine Welle völkischen Zugehörigkeitsgefühls in Österreich verkörpern.

Das Faszinosum des ‚Römischen Gruß‘ (Saluto romano), ‚Olympischer Gruß‘ oder Hitlergruß, inszenierte Oliver Zahn mit HAUPTAKTION als Essayperformance ('Situation mit ausgestrecktem Arm', 2015), und Lars Cuzner stellt mit seiner ‚Intelligenzpartei‘ abgedroschene Vorstellungen von Politik und Wahrheitsprozeduren zugleich in Frage. Cuzner gestaltete zuletzt das Symposium ‚Unsere kleinen Faschismen‘ mit und verwendet, um die paradoxe Beziehung zwischen linken Forderungen und rechter Rhetorik als Parolen durchsichtig zu machen Worte, die keiner hören will, wie:

‚I understand white people‘.

Yoshinori Niwa interessiert sich für Objekte, die keiner braucht. Das Verhältnis des japanischen Künstlers zum Wandel körperlicher Handlungen im privaten und öffentlichen Raum manifestiert sich durch seine Fixierung auf häusliche Gegenstände und historische Souvenirs. Mit seinem schwarzen Container am Hauptplatz ermöglicht Niwa, Objekte, die mit faschistischer Vergangenheit verbunden sind, auf anonyme Weise loszuwerden. Seine Kampagne zielt auf unerwünschte oder kompromittierende Erinnerungsstücke aus der nationalsozialistischen Zeit, die entsorgt werden sollen. Das passt einigen Menschen im Stadtzentrum nicht wirklich, aber der Container kann ja noch in den kommenden zwei Wochen gefüllt werden.

Jedes Wochenende diskutieren die Grazer mit internationalen Künstlern aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen, wie zum Beispiel in diese Woche mit Ethan Altan und weiteren Gästen im Literaturhaus die Populismus-Debatte in Deutschland und der Türkei. Camera Austria konzentriert sich auf Fotografie des 21. Jahrhunderts, insbesondere auf Bilder der Gewalt, und das ‚Department of Ultimology‘ unterhält sich über Wahrheiten und Fiktionen nationaler Identität im Orpheum. Das Forschungsprojekt ‚Was Wo‘ im Department des Grazer Kunstvereins stellt kaum sichtbar an der Regalwand des Foyers eine Datensammlung über ausgestorbene Traditionen aus und bietet in Form von Fragebögen und visuellen Mikro-Utensilien visuelle und mnemotechnische Bedienhinweise, die erklären wollen, was Gastfreundschaft eigentlich bedeutet.

Der Rest erobert langsam und diskret die Stadt oder bleibt eine einmalige Konstellation, von der man noch wochenlang sprechen wird. Das gilt vor allem für ‚Kafka for Kids‘, die dreiteilige Work-In-Progress Aufführung, die Roee Rosen in Zusammenarbeit mit der beeindruckenden Schauspielerin Hani Furstenberg und dem Spielzeug-Orchester-Komponist Igor Krutogolov erarbeitet hat und die das Eröffnungswochenende abschloss. Zunächst erscheint eine Band, die durch Spielsachen die Geschichte Gregor Samsas und seiner Schwester in mediterranen Melodien erzählt und dabei die Frage skizziert, was Kindheit sein könnte; was heißt es, ein Mädchen zu sein, wenn eine Minderjährige für eine große Kakalake, deren bitteren Tod und eine in Angst verblendete Familie zuständig ist? Oder was heißt es, fragt Rosen am Mikrophon, Kinder ins Gefängnis zu bringen, als wären sie Terroristen, wie es in Israel passiert?

Roee Rosen kommt immer wieder auf die Bühne und erklärt sanft und geduldig Schritt für Schritt, vorsichtig und performativ, dass die Sache komplexer sei als es aussieht. Was ist das, Kind sein? Was ist das, das Böse? Die Frage wiederholt sich, diesmal aber im Film. Wir sehen die rothaarige Hani Furstenberg vor Studenten vortragen, was es bedeutet, das israelische Militärrecht in den besetzten Palästinensergebieten auszuüben. Der Vortrag wird immer wieder von Furstenbergs komischen, tierischen Entgleisungen unterbrochen, die erst unauffällig sind, dann fast schon parodistisch werden. Es ist aber ‚Hilarious‘, der dritte und letzte Akt und absolute Höhepunkt des Abends, der unsere Selbstimplikation stark befördert, und zwar bei der Beantwortung der Fragen, die Rosen für uns hier stellt: ‚Was ist das, Kind sein?, Was ist das, das Böse?‘

Die von Furstenberg am Ende ihrer rasenden Stand-Up-Comedy als ‚Rosy Rosen‘ gebrüllten rassistischen Witze treffen so sehr ins Gesicht, dass das Publikum kaum applaudiert. Roee Rosen zeigt aber auf einer saalgroßen Leinwand vor der auf den Kopf gestellten New Yorker Skyline in riesigen Buchstaben, was das Publikum antworten soll: ‚GEKICHER!‘, ‚FREUDE!‘, ‚APPLAUS!‘:

'Apropos Nachrichten, heute habe ich gelesen - das ist der 16. September 2008, ja? - Dienstag, richtig? [Kichert] - Ich habe heute gelesen, dass die Wall Street kollabiert, Lehman Brothers bankrott ist; Merrill Lynch verkauft; AIG [Pause; kichert; Gelächter] In der Tat - hört euch das an, das ist ZU LUSTIG - sie nennen es die schlimmste Krise seit 1929! [wirft eine Augenbraue auf.Pause; kichert]; aber die Frage ist: Wie lustig ist das Geld? Ist das Geld so lustig wie Analsex? [Schlagzeug. Stockgeste. Viel Gelächter]. Wie dieser Witz über den belgischen Barkeeper, der eine üppige minderjährige Tochter hatte, und eines Tages kommt ein reicher Waffenhändler an die Bar und sagt: "Wenn ich dir etwas Geld geben und versprechen werde, dich nicht zu töten, würdest du mich mit deiner Tochter schlafen lassen?" Der Barkeeper fragt ihn: "Willst du die kurze oder die lange Antwort?" der Nazi sagt: "Die kurze Antwort, bitte," so sagt der Jude, die Hände hoch [Pause] "Ja!" [Musikalische Antwort; Gelächter]'

Die Frage, was das Böse bedeutet, steht in derselben Linie wie Rosens Frage nach der Bedeutung von Kindsein in Israel. Doch es tritt, und das gilt für das gesamte Festival, keine moralische Autorität auf, die die Reproduktion von Hass und Gewalt skandalisiert. Das hier ist keine aktivistische Kunst, die das Böse verwirft und das Gute in die Welt zurückfordert. Vielmehr hat ‚Kafka für Kinder’ das Potenzial, das Böse emotionell und intellektuell zu erfahren, in einer pantheistischen Beziehung zu Mechanismen des Verführens, wie Humor oder Begehren. Wer sich hier desorientiert fühlt, hat den idealen Zustand der Erkenntnis erreicht.