Sacred Serpent Sessions – Lauryn Youdens Kunstsommer Detox Retreat

  • 05.09.2017

1 September, Freitagmittag. Frankfurt zeigt sich kurz vor dem Wochenende noch einmal in geschäftig-gestresster Pracht. Mein Weg führt an einer dröhnenden Baustelle vorbei, wo das höchste Wohnhochhaus der Republik entsteht. Durch den Seiteneingang des Einkaufszentrums Skyline Plaza gelange ich ins „Meridian Spa“, ein Fitness- und Wellnessstudio unter dem Dach der Mall. Ich bin zum „Kunstsommer Detox Retreat“ der kanadischen, in Berlin lebenden Künstlerin Lauryn Youden verabredet. Notorische Zeitnot führt dazu, dass ich über den Ablauf des Tages nicht recht informiert bin.

So lockt mich wahrscheinlich das Unvorhergesehene, das Fehlen von vergleichbaren Erfahrungen ins Meridian Spa. Ich betrete Neuland. Check-In. Etwa ein Dutzend Mitstreiter aus der Kunstwelt, einige Gesichter sind mir vertraut, haben sich zu Reflektor M's Frankfurter Debütevent eingefunden. Wir treffen uns kurz darauf im Saunabereich, schütteln einander die Hände, jeweils nur ein Badetuch um die Lenden.

Auftakt in der Salzsauna. Lauryn Youden liest englischsprachige lyrische Miniaturen. Zum Event ist eine Broschüre erschienen, die uns durch den Tag geleitet. Lyrik wechselt sich darin ab mit Übungsanleitungen für Meditation und Muskelentspannung, aber auch Fragebögen, wie sie etwa in der Verhaltenstherapie zum Einsatz kommen. Die Künstlerin schöpft aus eigener Erfahrung. In der Salzsauna fließt indes Schweiß. Wie verändert sich die Kunstwahrnehmung, wenn man gemeinsam, gänzlich unbekleidet heiße Saunaluft atmet? Ohne Zweifel kann man von einer Erfahrung sprechen, die alle Sinne einbezieht. Die den Körper einbezieht in all seiner Unzulänglichkeit. So sehen die Kollegen also unbekleidet aus. Denke ich mir. Denken sich die Kollegen. Das verbindet.

Der Tagesablauf ist dicht getaktet, es folgen Atem-, Schulter- und Nackenübungen im Dampfbad. Da ich stark kurzsichtig bin, gerät das Dampfbad zu einer besonderen Erfahrung der Unschärfe. Lauryn Youden bietet eine Art Salz zum Einreiben an. Jetzt eine kalte Dusche. Anschließend geht es zur Meditation in den provisorisch wirkenden, engen Innenhof. Der Lärm der benachbarten Hochhausbaustelle ist präsenter denn je. Draußen macht Frankfurt keine Pause. Die Künstlerin verteilt selbstgemachtes Wasser-Kefir.

Der vielleicht stringenteste Raum des „Meridian Spa“ ist ein rundes Schwimmbecken unter der Dachkuppel des Einkaufszentrums. Lauryn Youden hat dafür eine Soundinstallation entwickelt, die sich mittels spezieller Kopfhörer unter Wasser erfahren lässt. So ziehe ich meine schüchternen Bahnen durch das Rundbecken, begleitet von sphärisch-dichten Klanglandschaften. Es sind Klänge, die einen nicht loslassen. Am Becken warten Kollegen auf die limitierten Kopfhörer, und im Becken nervt ein genervter Stammkunde, doch ich möchte möglichst lange im Wasser bleiben.

Dass Kunsterfahrung auch körperliche Grenzen hat, muss ich in der Eukalyptus-Sauna einsehen, die mit ihrer besonders hohen Luftfeuchtigkeit nicht nur mich herausfordert. Lauryn Youdens Vortrag und Anleitung überblendet sich mit meiner zunehmenden Besorgnis, und ich verlasse den Raum vorzeitig. Weiter geht es kurz danach in einem kleinen Whirlpool auf dem Dach. Dort liest Lauryn Youden einen Auszug aus Russell Hobans Roman „Kleinzeit“, der sich um Krankheit und Kreativität dreht. Noch einmal die Erfahrung öffentlicher körperlicher Unzulänglichkeit, bevor ich in der Pause an der Pool-Bar Platz nehme. Der Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich schon aufbrechen muss. Vorenthalten bleiben mir noch etwa drei Stunden Programm. Der Schritt zurück in den Frankfurter Alltag fällt schwer. Später am Abend sehe ich einige Mitstreiter auf einer Ausstellungseröffnung. Wir sind um eine gemeinsame Erfahrung reicher.

nicht lektoriert.