Schade, München, Chance verpasst! – Matthias Lilienthal verlässt die Münchner Kammerspiele

  • 29.03.2018

Die Stadt München und ihrer Regenten werten den Erfolg der Kammerspiele an den momentanen Auslastungszahlen. Und die sind nach unten gegangen. Nun werden die Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal nach der erbrachten ‚Leistung’, den Auslastungszahlen bewertet. Kunst gewertet an erbrachter Leistung? Das sollte uns alle aufrüttelten, denn Kunst an Leistung zu ermessen ist eindeutig das falsche Signal der Politik.

Der Begriff des Theaters in Kontext von Leistung und Verstehen provoziert die Kontroverse zwischen Kunst und ihrer Vermarktung, von massentauglichen Theater, Finanzierung und bürgerlichen Bildungsanspruch, und wirft die Frage nach Inkommensurabilität auf. Also der Unvergleichbarkeit von Werten. Unterliegt Theater grundsätzlich den bloßen Gesetzen von Verständlichkeit? Ist Publikumswirksamkeit ein Algorithmus für Verständlichkeit und Leistung? Ist Matthias Lilienthal Errungenschaft nicht etwas ganz anderes?

Nehmen wir an 'leisten' definiert sich durch die Rahmenbedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft und der damit einhergehenden Vermarktbarkeit von Theater. Theater als staatlich geförderte Institution. Dann gelten die ökonomischen, leistungsorientierten Effizienzkriterien unserer kapitalistischen Gesellschaft mit denen auch die Leistung von Theatern als bloße Rendite beurteilt werden muss. Leistung bestimmt Effizienz. Unter diesen Voraussetzungen kann sich Theater weniger denn je leisten, nicht verstanden zu werden. Theater wird zu einer Ware. Eine Tauschware, die sich durch Kosten-Nutzen-Funktionen, Produktionsverhältnissen, Reproduktionsverfahren und Konsumentenfreundlichkeit auszeichnet. Diese Tatsachen machen es Theatern schwierig, in einem auf den ökonomischen Mehrwert geeichten System, Kunst und Theater als freien Raum zu denken und zu 'produzieren'.

In einer Leistungsgesellschaft wie diese können der Mensch, das Theater und die Kunst nur noch auf seine Vermarktbarkeit reduziert werden. Lässt es sich nicht effektiv vermarkten oder bietet keine zufriedenstellenden 'Belieferung' des Publikums, kontern die Geldgeber mit Budgetkürzungen und in Lilienthals Fall mit nicht weiter Unterstützung und Verlängerung seines Vertrages. Diese Art von Kulturpolitik neigt dazu, die Akzeptanz, das Verständnis und die Tendenzen im Theater ausschließlich nach dem Maßstab und Kriterien der Auslastungszahlen zu bewerten. Der Teufelskreis der Ökonomisierung der Theater nimmt somit seinen Lauf. Es kann dadurch zu einer Monopolisierung der Kunst kommen, zu einer Dialektik von Exklusion und Inklusion. Geldgeber bestimmen die Tendenzen der Theater, denn 'wer zahlt schafft an'?

Die Münchner Politiker, an allererster Front die CSU, tragen ihre Machtkämpfe mit der SPD in die Münchner Kammerspiele. Einen Ort, wo keine Politik von Parteien gemacht werden darf. Diese Machtpositionierung der Geldgeber ist eine Gefahr für unsere kulturellen Stätten. Dadurch können im Sinne Adornos Theater und Kunstinstitutionen zu reinen Tempeln der Unterhaltungs- und Kulturindustrie verkommen, die in unsere heutigen Zeit dazu noch einen heimatlichen ‚Touch’ bekommen.

Geht es aber nur darum, dass Theater den diskreten Charme des bürgerlichen Abo-Publikums zu bedienen und sich nichts mehr traut, darzustellen, was möglicherweise auf Abneigung des Publikums stößt? Gäben wir diese Orte auf, indem wir sie ausschließlich einer kalten Kosten- Nutzen-Rechnung unterziehen, gäben wir den Anspruch von Kunst auf, den Menschen Wege der Emanzipation aufzuzeigen. Überlassen wir Sprache, Bewegung, Musik, überlassen wir die Erzählungen von der Welt jenen, die ausschließlich das ökonomische Prinzip des Mehrwertes, die Absatzzahlen im Kopf haben, und den Heimatbezug einfordern, so werden wir uns nicht wundern müssen, wenn menschliche Gestaltungsmöglichkeiten in diesem eisigen Interesse ertrinken.

Die Theater Institution entwickelt sich zu einer konsumentenfreundlichen Selbstverständlichkeit und beruft sich auf seine Bewahrung von Traditionen, anstatt auf seine gesellschaftliche Relevanz zu pochen. Adorno versteht Kunst als „gesellschaftliche Antithese zur Gesellschaft“, da Kunst das sprechen lasse „was sich hinter der Ideologie verbirgt“. Das wirft die Frage nach der Verständlichkeit des Theaters wieder auf. Muss Theater immer dem Credo des Verstehens nachkommen? Soll Theater nicht viel eher die Benjaminsche 'Aura' und das 'Unfassbare' transportieren? Walter Benjamin hat in seinem Text „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ diesen Verlust jener 'Aura' durch die Reproduzierbarkeit und Vermarktung der Kunst analysiert. Diese Entwicklung zu einer technischen Reproduzierbarkeit hat sich in den letzten Jahrzehnten exponentiell gesteigert.

Wir leben im Moment in einer besonders spannenden Zeit der gesellschaftlichen und politischen Veränderung, des exponentiellen Wissenszuwachses und der weltweiten Bewegung von Menschen, Bildern, Gütern und Vorstellungswelten. Verborgen ist in unserer Moderne, dem Jahrhundert der Smartphones und Tablets, der transzendentalen Obdachlosigkeit, nichts mehr.

Alles will und muss erzählt werden – auch das eigene Ich. Unsere Welt wird von einer unheimliche Schnelligkeit, Schnelllebigkeit und Virtualität heimgesucht. Bilder, Nachrichten und die dahinterstehenden Ereignisse poppen wie Facebook Events vor uns auf, verpuffen und verschwinden genauso schnell wieder im Äther des Zeitgeistes. Eine mediale Bilder- und Informationsflut droht uns täglich zu überrollen. Wir leben und wachsen in einem gewissen Terror der informativen absoluten Verfügbarkeit auf: Alles und jeder ist abbildbar, alles und jeder ist sagbar und überall abrufbar. Hinzukommt, dass dieser Terror noch von permanenter Transparenz überlagert wird. Intime Räume des Privaten werden omnipräsent öffentlich ausgestellt. Offenbarungen, Enthüllungen, Geständnisse sind die Spektakel einer bunten medialen Netzhaut, die unsere Gesellschaft überspannt. Über alles kann und muss gesprochen werden, jeder findet seinen Absatzmarkt. Youtube, Fernsehen und das Internet prägt unseren Sinn für Ästhetik- ist überall und immer abrufbar und verführt mit seiner virtuellen Einfachheit.

Diese virtuelle, bunte Welt strahlt eine wachsende Faszination hinter den Bildschirmen unserer Gesellschaft aus. Displays dominieren unsere erfahrbare Welt. In dieser virtuellen Gesellschaft kann Theater sich auch nicht leisten nicht verstanden zu werden. Bloß wo ist in solch einer Gesellschaft noch Platz für das Theater? Gerade in einer so durchgetakteten Welt sollte Theater eine Auseinandersetzung und Konfrontation mit unangenehmen gesellschaftspolitischen Themen darstellen und auch als solches verstanden werden. Es sollte die Widersprüche unsere Gesellschaft zelebrieren, statt im Zynismus zu enden. Theater sollte die Realitäten und Wirklichkeiten unserer Gesellschaft beleuchten- eine Widerspiegelung dessen sein, was wir versuchen zu verdrängen: Die Abgründe und Risses des materiellen Selbstverständnisses unserer Wohlfahrts- und Konsumgesellschaft. Ist Theater noch ein zeitgenössisches Medium, dass wir individuell verstehen können und zu einer Sinnfindung und Verortung beiträgt? Oder geht es in seinem Elfenbeinturm der künstlerischen Unverständlichkeit unter? Kann sich Theater überhaupt noch gegen Internet, Kino, Film und Medien behaupten? Bleibt Theater ein noch zu förderndes Medium und wie sollte es sich entwickeln, dass es zukunftsweisend und verständlich bleibt?

Viele Zuschauer haben Angst Theater nicht mehr zu verstehen und genießen zu können, da es oftmals zu kunstvoll und intellektuell erschlagend wirkt. Junge Menschen denken es sei altmodisch, eingerostet und langweilig, da ihnen kein Zugang zum Theater vermittelt wird. Auch werden viele gesellschaftliche Schichten durch die Programme der Theater nicht angesprochen und erfasst. Theater spricht nicht mehr ihre Sprache. Der Verlust eines vielschichtigen Publikums kann es sich nicht leisten, wenn es überleben möchte. Es geht nicht darum eine intellektuelle Distanz zwischen Vertretern der 'Effizienzideologie' und den Zuschauern zu schaffen, sondern im Gegenteil: Nähe schaffen. Denn falls Theater so weitermachen, wie es lange Jahre den öffentlichen Anschein erweckt hat, dann werden die folgenden Generationen lediglich von den virtuellen Medien abgeholt und das Theater wird zu einem Museum. Die Institution des Theaters muss auf den Wagen der Zeit springen will sie nicht auf der Stecke bleiben.

Lilienthals Intendanz hat es auf jeden Fall geschafft, dass sich ein jüngeres Publikum wieder für Theater in allen seinen Formen und Formaten interessiert. Natürlich muss man als Stadttheater alle möglichen Besucherschichten versuchen abzudecken, aber keine ist wichtiger als die anderen. Auch das liebe Abopublikum nicht. Das ist ein eindeutiges Risiko sich nicht einem Zielpublikum anzubiedern. Auch das ist ein Risiko neue Publikumschichten zu generieren zu wollen. Das geht nicht von heute auf morgen.

Matthias Lilienthal und das gesamte Haus (Künstlerisches Team, Ensemble, Technikerinnen, Mitarbeiterinnen) wagen es in München mehrere Risiken einzugehen. Sie wollen den Versuch ernst nehmen in München ein Theater zu etablieren, das mehr will, als bloßer Ort zu sein. Sie wollen die Grenzen des traditionellen Sprechtheaters erweitern. Ein Hybrid zwischen Stadttheater und freier Szene werden. Und das haben sie auch bisher geschafft. Es gab selten so viele interessante freien Gruppen, die ihre Arbeiten in München gezeigt haben. Die Kammerspiele haben mit dem Versuch auch ein Produktionsstätte für die freie Szene zu werden. Es sollte eine Wegbereitung sein für das geplante Prdouktionshaus im Kreativquartiert. Dieser Wunsch rückt nun leider auch in weite Ferne. Aber nicht nur das, sondern auch die vielen interessanten Künstlerinnen, die die Kammerspiele unter ihrem Haus versammeln, ist klares Bekenntnis für Lilienthals Vision des Theaters.

Dieser Versuch die Grenzen des Stadttheaters zu erweitern hat vor allem jungen Theaterschaffende neue Hoffnung gegeben. Lilienthals Visionen und Hoffnungen prägen viele junge Theaterschaffende, die sich ein anderes Theater wünschen, das jenseits des Sprechtheaters liegt. Und Lilienthal hat es mit seiner Art geschafft, dass über Theater wieder hitzige Debatten geführt werden. Jemand, der Veränderung will, muss sich auf Gegenwind gefasst machen. Der Gegenwind kam in München recht schnell auf und hat sich nun in einen Gegensturm entwickelt. Durch diese Debatten kann man jedoch auch sehen, dass ein System im Umbruch, im Aufbruch ist. Das Stadttheater Münchens bewegt sich und das ist natürlich nicht allen Recht.

Es geht nicht mehr, sich ‚nur’ hinzusetzen, sich ein ‚klassisches‘ Sprechttheaterstück anzuschauen und dann nach Hause zu gehen. Lilienthal und das Haus sind auf der Suche nach etwas neuem im Theater und das sieht man jenseits der Bühne. Sie verwehren sich der Vollendung und präsentieren oftmals noch unfertige Produkte, die sich im Laufe der Spielzeit noch weiterentwickeln können. Sie geben den Projekten noch Raum und Zeit zu atmen. Diese Suche nach relevanten und zukunftsweisenden gesellschaftlichen Inhalten, Arbeitsstrukturen und ästhetischen Formen und Gegenständen proklamiert auch das Ensemble in ihrem offenen Brief, als einer ihrer wichtigsten Stärken. Lilienthal hat ein Ensemble, das hinter ihm steht und enttäuscht ist, dass die Stadtpolitik und die Abonnenten des Theaters ihre Bemühungen nicht wertschätzen.

Die Kammerspiele haben versucht, ein Kulturort zu werden, der vielseitige Diskurse und Formate unter einem Dach zusammenbringt. Ein Stadttheater hat im 21. Jahrhundert nicht mehr nur die Aufgabe deutsches Sprechtheater auf die Bühne zu bringen. Es sollte ein Ort sein, an dem verschiedene Ansichten, ästhetische Praktiken und kulturelle Hintergründe zusammenkommen und in einem Austausch stehen. Die Kammerspiele haben versucht die verschlafene europäische Theaterszene aufzurütteln und nehmen sich zum Ziel ein neues, junges, europäisches Sprechtheater zu etablieren und mitzugestalten. Es ist nicht mehr genug, Experten der Theatertradition zu sein und sich in diese eingliedern zu wollen.

Es gilt: neue Formate zu erfinden, die die Möglichkeit des Theaters in einer durchinszenierten Gesellschaft selbst aufzuzeigen und künstlerisch erlebbar zu machen. Kurzum: altvertraute Denkmuster aufbrechen und theater- übergreifende Perspektiven aufzeigen. Es bleibt dabei den utopischen Rest des Theaters zu reanimieren, denn „das einzige was ein Kunstwerk kann, ist die Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand. Und das ist revolutionär“, wie Heiner Müller treffend ausdrückte.

Trotz aller Forderung nach Verständlichkeit, sollte das Theater nie ganz seine mysteriöse Unverständlichkeit einbüßen. Neugierde und Faszination sind es die uns auf den Weg des Theaters bringen, sei es auf den Weg des Theatergängers oder Theatermacher. Gerade das Unverständliche entfaltet im Betrachter auf bewusster und unbewusster Ebene seine nachhaltige Wirkung. Den manchmal eröffnet die Unverständlichkeit, die Entdeckung einer Ahnung, einer Antizipation, eine Möglichkeit. Die Kunst der Theater ermöglicht einen neuen Raum des Ausprobierens, des Experimentierens für die Erfahrung des Neuen, noch nicht gewussten, sowohl für Theatermacher als auch Theatergänger.

Der Gestaltungsraum des Theaters weiß um den bunten Schein, weiß um diese selbsterzeugte, faszinierende Welt und das gibt gerade ihr die Möglichkeit, die Dialektik von Notwenigkeit und Freiheit, von gesellschaftlichen Zwängen und individuellen Begehren, von Gefangen sein in Wiederholung und der Sehnsucht nach dem Einmaligen offen und radikal zu behandeln. Nur eine Konstante bestimmt das Theater: Risiko. Und dieses Risiko ist Matthias Lilienthal mit seinem gesamten Team eingegangen. Chapeau!