Schwarz auf Weiß – 'Mittelreich' – Eine Inszenierung von Anta Helena Recke, nach einer Inszenierung von Anna Sophie Mahler, nach dem Roman von Josef Bierbichler

  • 21.10.2017

‚Mittelreich’ von Josef Bierbichler beschreibt acht Jahrzehnte deutscher Geschichte anhand des Lebens einer bayrischen Bauernfamilie, wurde letztes Jahr von Anna-Sophie Mahler inszeniert und letzte Woche feierte es eine zweite Premiere, diesmal als Inszenierung von Anta Helena Recke. In Reckes Inszenierung sind alle beteiligten Schauspieler, Statisten und Musiker „schwarz“. Recke bezeichnet ihre Inszenierung als „Schwarzkopie“, ein Begriff der eigentlich für illegale Kopien von Ton- oder Bildträgern verwendet wird. Dass der Begriff „schwarz“ hier vereinfachend wirkt, versteht man spätestens wenn einmal alle Beteiligten auf der Bühne stehen. Denn jeder sieht hier anders aus: Hautfarben, Frisuren und Gesichtsformen variieren doch durchweg. Für die „weißen“ Theaterbesucher, als Teil der Dominanzkultur, wird dadurch gleich zu Beginn klar, dass man als „Schwarzer“ aufgrund von Imperialismus, Kolonialismus, Missionierung und Versklavung von überall her stammen könnte, und aber auch einfach „born and raised“ in München sein kann. So ist es nämlich bei Anta Helena Recke, wer 1989 in München geboren ist, eine Mutter aus Deutschland und ein Vater aus Senegal hat. Recke hat in Hildesheim Darstellende Kunst studiert, und 'Mittelreich' ist, nebst einigen Auftritten als Performerin und zahlreichen experimentellen Arbeiten, ihre zweite Inszenierung.

Egal ob man Bierbichlers Roman gelesen hat oder nicht: man schaut dem Geschehen auf der Bühne erstmal gebannt zu. Bühne, Kostüme, die erzählte Geschichte und die Lieder kreieren dann schnell Brüche im Bildersalat des weißen Blickes, der im Ordner „schwarz“ abgespeichert ist und sich aus Versatzstücken wie z.B. African American Popular Culture, Entwicklungshilfe, Nollywood, Flüchtlingskrise, Görlitzer Park oder Black Lives Matter nährt. Schnell wird mir die Unzulänglichkeit dieser Assoziationen klar und ich fühle mich ertappt dabei, ab und zu gerührt zu sein von dem Bild, was sich auf der Bühne abzeichnet.

Diese Rührung erscheint berechtigt, da sich mein „weißes“ Gehirn der Diskriminierung bewusst ist, die „schwarze“ Menschen in Deutschland erfahren und es diese als ungerecht empfindet. Eine ähnliche Gerührtheit erzeugten auch Bilder vom amerikanischen Präsidentenpaar, den Obamas. Diese Gerührtheit, die dann aber auch oftmals den Blick auf die Politik Barack Obamas untergraben hat, ist eigentlich ein komplett verkehrtes Gefühl, denn sie speist sich eben aus dem oben erwähnten z.T. prekären Bildersalat und Stereotypen, die man von „schwarzen“ Menschen scheinbar verzeichnet hat. Am wichtigsten erscheint es mir daher zu verstehen, dass dieses Stück ein Experiment ist, ein sowohl theatrales als auch soziales Experiment.

Recke bezeichnet ihren Umgang mit Theater als konzeptuell. Ein Begriff, der häufig in der bildenden Kunst benutzt wird, bei dem der nicht sichtbare Gedankenraum dem formalen ästhetischen Teil eines Kunstwerkes vorangestellt ist. Erfreulicherweise können bildende Künstler sowieso meist losgelöster von institutionsbedingten Zwängen und Normen arbeiten als Theaterschaffende. Experimente sind hier oft selbst erwünscht.

Stellen wir uns Recke also vielleicht einfach als konzeptuelle Künstlerin vor, die ein Jahr lang an einem großen neuen Bild gearbeitet hat. Für solch ein Werk bedarf es auch hier viel Vorarbeit und Recherche: Konzeptformulierung, Stückfindung, Konzeptvorstellung, Gelder akquirieren, passende „schwarze“ Schauspieler, Musiker und Statisten finden, Probenräume organisieren, Vorproben und Hauptproben. Sicherlich wurden dabei einige Hindernisse überwunden: Findet man überhaupt so viele „schwarze“ Darsteller, die auch singen können, findet man tatsächlich alle benötigten Musiker und Statisten. All diese Teile der Arbeit gehören, da es sich um ein konzeptuelles Werk handelt, mit dazu zum „großen neuen Bild“ von Recke.

Nun ist es fertig „das Bild“ und es spricht auf verschiedenen Ebenen zu uns. Es spricht von Unterrepräsentation „schwarzer“ Darsteller auf deutschen Bühnen, von Sichtbar machen und von Blickwechsel, vom Zerbrechen von (Seh)gewohnheiten, von Besetzungscouchen deutscher Theaterintendanten und von der Starre des Theaterbetriebes, vom afrodeutsch sein, vom schamlosen Bestellen einer „Negermass“ auf dem Oktoberfest, von der Mohrenstraße in Berlin, vom deutschen Völkermord in Namibia und vor allem von einigermaßen großer Ignoranz. Dieses Bild hält uns allen, aber vor allem einem „weißen“ Theater- Deutschland, einen Spiegel vor, einen Spiegel, der uns an diesem Abend stark blendet.

Man kann an dieses Experiment nicht herangehen wie an ein traditionelles Theaterstück. Das ist es nämlich nicht. Wenn die Sueddeutsche Zeitung dann schreibt „schwarz sein allein reicht nicht“ oder andere behaupten, die größte Diskriminierung sei es, dass Recke Laiendarsteller engagiert habe, weil ihnen die Inszenierung nicht gefallen hat, dann wird deutlich, dass sie den maßgeblichen Part des Bildes in ihrer Theaterblase übersehen haben. Reckes Stück ist nämlich Teil eines viel größeren Bildes.

Ein Bild auf dem in Zukunft niemand mehr eine „Negermass“ bestellt oder ein „Negerkussbrötchen“ isst und danach links in die Mohrenstraße abbiegt. Wo der afrikanische Koch aus dem Restaurant in Berlin Mitte nach Feierabend keine Umfahrung der No-Go Zonen in Berliner Außenbezirken einplanen muss, wo niemand mehr fragt „Wo kommst du her?“ und wo tatsächlich mehr „schwarze“ SchauspielerInnen auf Bühnen und in Filmen zu sehen sein werden. Mauern müssen fallen und wir müssen verstehen lernen, was es bedeutet „schwarz“ zu sein in Deutschland. Recke hat es hiermit in ihrem Medium verbildlicht, und sie hat es einfach getan, und dass ist tatsächlich gut so.

Man beachte übrigens dass, fast sämtliche Oscars für „schwarze“ Darsteller an Schauspielerinnen gingen, die Dienstmädchen, asoziale Mütter oder Sklavinnen gespielt haben. Wer diese Besprechung doof fand oder sie nicht verstanden hat, der sollte zumindest anhand dieses Beispiels die Motivation und Dringlichkeit von dieser Inszenierung begreifen. Recke hat am Donnerstag einen sehr prägnanten Pinselstrich gesetzt auf dem großen neuen Bild.