Statement – WE ARE SICK OF IT

  • 07.12.2018

EIN STATEMENT.

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ES KOTZT UNS AN!

Wer sind wir: migrantische/Schwarze/indigene/lesbische/queere/trans Künstler*innen of Color.

http://www.wearesickofit.wordpress.com

Kontakt: wearesickofit18@gmail.com

Am 12. November 2018 ist die Künstlerin und Filmemacherin Cana Bilir-Meier zu einem Talk eingeladen worden, der im Rahmen der Münchner Kammerspiele vom Kurator Kasper König organisiert und moderiert wurde. Thema der Veranstaltung war der Rechtsruck in Deutschland. Nach dem Talk schrieb Cana Bilir-Meier einen Facebook-Post, in dem sie den rassistischen Umgang und die Ausdrucksweise von König vor und während der öffentlichen Diskussion thematisierte.

Dazu hat sie ein Video gepostet, das einen kurzen Ausschnitt aus dem Talk zeigt. Die gesamte Veranstaltung ist auf folgendem Link anzusehen: https://vimeo.com/300969522?fbclid=IwAR1YX6CLtSKUv63KfIQ_MkbVyrbA7pTRoDC23U5VAYhNrFeYDURyeqNK9TM

Mit diesem Schreiben möchten wir unsere Solidarität mit Cana Bilir-Meier unterstreichen. Denn: In der Diskussion, die auf die Veranstaltung folgte, müssen wir einmal mehr feststellen, dass der Vorfall auf Cana Bilir-Meier persönlich reduziert wird. Wir möchten jedoch entschieden darauf hinweisen, dass dieser Vorfall kein Einzelfall ist. Es geht hier keinesfalls um einen persönlichen Konflikt, im Gegenteil werden vielmehr Mechanismen sichtbar, die wir als migrantische/schwarze/indigene/lesbische/queere/trans Künstler*innen of Color selbst schon mehrfach erlebt haben.

Wir sind zwar unterschiedlich von Diskriminierung betroffen, jedoch sind wir alle schon mit rassistischen Positionen konfrontiert worden. Hierarchien im Kunstkontext und damit verbundene Abhängigkeiten (Ja, auch wir müssen von etwas leben!) lassen es nicht immer zu, dass wir uns dagegen wehren können. Cana Bilir-Meier hat sich jedoch zur Wehr gesetzt und damit nicht nur die Diskriminierung ihr gegenüber, sondern gegenüber Vielen sichtbar gemacht!

I. Wir stellen fest, dass die strukturelle Ebene von Rassismus und Diskriminierungen ausgeblendet wird, wenn wir unsere Kritik formulieren und wir anschließend beschuldigt werden, aggressiv oder wehleidig zu sein! ES KOTZT UNS AN, DASS

wir immer erklären müssen, dass Kapitalismus, Nationalstaatlichkeit, Hegemonie, Heternormativitäten und Diskriminierungsformen miteinander verschränkt sind. Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus, Homophobie, Klassismus, Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus, Transphobie Werkzeuge sind, um zu bewerten, zu selektieren, ja letztendlich zu töten. Immer werden sie dafür eingesetzt, die Teilhabe und den Zugang zu ökonomischen und politischen Privilegien nur bestimmten Menschen zu ermöglichen. Immer werden sie dafür eingesetzt, Herrschaftsstrukturen aufrechtzuerhalten. strukturelle Diskriminierungen personalisiert werden und die politische und sozioökonomische Bedeutung dadurch verharmlost oder verschwiegen wird. sich Leute solidarisieren, sich gegen Rassismus bekennen und positionieren, dann aber strukturell nichts ändern wollen.

II. Institutionen eignen sich “kritisches” Wissen an, ohne Verantwortung zu übernehmen und reproduzieren somit Formen von Diskriminierungen! ES KOTZT UNS AN, DASS

ein Kunstkontext, der sich auf der einen Seite „kritisch“ mit Migration, Rassismus, Klassismus und Kolonialismus auseinandersetzt, gleichzeitig Diskriminierungen reproduziert. mit uns gesprochen wird, aber unsere Perspektiven und Stimmen unsichtbar gemacht werden. Dass wir eingeladen werden, aber nur interessant sind, solange unsere Kritik nicht die alltägliche Praxis der Institution/Person kritisiert, sondern ihr bei einer Imageverbesserung hilft. sich Institutionen kritische künstlerisch-politische Positionen nur temporär von außen holen und uns Streitlust oder mangelnde Kooperation vorwerfen, sobald wir uns kritisch gegenüber Rassismus äußern. sich die großen Kunst- und Kulturinstitutionen kritisch mit Rassismus, Migration, Kolonialismus auseinander setzen wollen, dann aber nur weiße Personen die gut bezahlten und nicht prekären Jobs bekommen. dieselben Personen und Institutionen allzu oft zu Diskriminierung(en) schweigen und immer noch auf diese hingewiesen werden müssen. sich Personen und Institutionen zwar mit “Offenheit”, kritischem Bewusstsein und Diskursen schmücken, sich gleichzeitig jedoch Entscheidungen und Handlungen nicht verändern.

III. Welche Auswirkungen haben strukturelle Diskriminierungen auf unser Leben und Schaffen? ES KOTZT UNS AN, DASS

wir von Kunst- und Kulturinstitutionen und Universitäten objektiviert werden und diese bestimmen, wie Kunst- und Wissensproduktion aussehen müssen, in welcher Sprache sie artikuliert werden dürfen, wer wie über wen spricht. wir bewertet werden und dass dadurch stereotype Bilder über uns konstruiert werden. die Machtstrukturen und Blickkonstruktionen das Denken, Fühlen, Schreiben, Lernen und Schauen an sich strukturieren. wir beschuldigt werden, „persönliche und konstruktive Gespräche“ zu verunmöglichen, weil wir nicht bereit sind, die Diskussion nur hinter verschlossenen Türen und in individualisierter Weise zu führen. wir dann hören, dass wir nur was falsch verstanden haben und es nicht so gemeint war, dass wir übertreiben und es sich überhaupt nicht um Rassismus handelt. unsere Meinungen diskreditiert werden, weil uns Diskriminierungen auch emotional betreffen und wir nicht rein sachlich beteiligt sind.

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WE’RE SICK OF IT!

Who we are: Migrant/Black/Indigenous/Lesbian/Queer/Trans* Artists of Color

http://www.wearesickofit.wordpress.com

Kontakt: wearesickofit18@gmail.com

On November 12, 2018, artist and filmmaker Cana Bilir-Meier was invited to take part in a public conversation regarding Germany’s political shift to the right at the Münchner Kammerspiele. The talk was organized and moderated by curator Kasper König. After the talk, Bilir-Meier wrote a Facebook post in which she talked about König’s racist behaviour and wordings, both before and during the discussion. She also posted a video clip of a short excerpt from the talk. The entire event (german) can be seen here: https://vimeo.com/300969522?fbclid=IwAR1YX6CLtSKUv63KfIQ_MkbVyrbA7pTRoDC23U5VAYhNrFeYDURyeqNK9TM

With this letter we would like to emphasize our solidarity with Cana Bilir-Meier. We have witnessed how the discussions that followed this incident have been reduced to Cana Bilir-Meier as an individual. We insist that this incident is not an isolated case. It is not at all about an interpersonal conflict between two people. On the contrary – this incident reveals mechanisms that we as migrant/black/indigenous/lesbian/queer/trans artists of Color have experienced numerous times.

While our individual experiences of discrimination might differ, we have all been confronted with racism. Hierarchies in the art world and the dependencies they produce (yes, even we have to live from something!) do not always allow us to speak out and defend ourselves against discrimination. Cana Bilir-Meier however defended herself, giving voice not only to the discrimination she faced, but also to that faced by many people!

I. We observe that the structural levels of racism and discrimination disappear when we express our criticism, and that we are accused of being aggressive or self-pitying when we call it out! WE ARE SICK OF

constantly explaining that capitalism, nation-states, hegemony, heteronormativity and various forms of discrimination are entwined with one another. the fact that forms of discrimination such as racism, sexism, homophobia, classism, anti-semitism, anti-muslim racism/islamophobia, and transphobia are used to judge, to select and yes, ultimately, to kill. They are employed to enable participation in and access to economic and political orders for certain people. They are always employed in order to sustain structures of domination. the personalization of structural discrimination, which trivializes and conceals its political and socio-economic impact. how people express solidarity, profess anti-racism and position themselves against racial discrimination, but then are unwilling to change anything structurally.

II. Institutions acquire „critical“ knowledge without assuming responsibility, and thus reproduce forms of discrimination! WE ARE SICK OF

an art world that, on the one hand, deals “critically” with migration, racism, colonialism, etc., yet reproduces discrimination at the same time. the fact that people talk to us, but then make our perspectives and voices invisible. That we are invited, but are only interesting as long as our criticism does not interfere with the everyday praxis of the institution/person, but instead helps them improve their image. the fact that institutions only temporarily bring in critical artistic, political positions from outside and accuse us of belligerence or of being uncooperative as soon as we express ourselves critically about racism. how big art and cultural institutions want to critically reflect on racism, migration, colonialism, but then only white people get well paid, non-precarious jobs. the same people and institutions all too often remain silent about discrimination(s) and that they still have to be made aware of it. people and institutions embellishing themselves with “openness,” critical consciousness and discourses, while decisions and actions never change.

III. What impact does structural discrimination have on our lives and our creativity? WE ARE SICK OF

being judged and having stereotypical images constructed about us. being objectified by art and cultural institutions and universities, them determining what art and knowledge production must look like, which language they can be articulated in, who talks about whom and how. the ways in which power structures and gazes define what thinking, feeling, writing, learning and seeing are. being accused of making “personal and constructive conversations” impossible because we are not willing to have these conversations behind closed doors and in an individualized manner. hearing that we simply misunderstood and that it wasn’t meant like that, that we are exaggerating and it has nothing at all to do with racism. of our opinions being discredited because discrimination affects us emotionally and we are not involved on a purely factual level.