Menschen als Ready-Mades – 'Symphonie 80' von Ari Benjamin Meyers im Lenbachhaus

Hand aufs Herz: Können Sie ehrlich behaupten, dass Musik nur durch Hören erfahren werden kann? Ja, sehen Sie, natürlich nicht, denn da klopft ja etwas in einem. Nun geht es nicht um Emotionen oder Gefühle, sondern um dieses Klopfen. Das, was Rhythmus, Bewegung, Dauer und Konzentration für jeden anders definiert. Ja, hier geht es nicht um Musik. Das, was man hört, das ist etwas anderes. Es ist das, was man Interaktion nennen darf.

Bei ‚Symphonie 80‘ von Ari Benjamin Meyers im Lenbachhaus wird diese Behauptung - dass Musik eben primär körperlich ist, als alles andere - nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar. So nah wie die Geigerin an den Treppen spielt, werde ich sie im Herkules-Saal der Münchner Residenz nie erleben. Und hier sehe ich, wie unterschiedlich sie auf diese Situation reagiert, etwa im Vergleich zum Trompeter, der neben der Büste von Franz von Lenbach steht, total uninteressiert. Diese Situation, in der Meyers das Orchester dazu bringt, außerhalb seiner Komfort-Zone zu spielen, ist eine soziale Herausforderung. So wie der Kontrabassist im Süskinds Monolog: was dieser einaktige Theaterstück zeigte, und was uns Meyers zeigen kann, ist der Grad von Menschlichkeit, der sonst bei der Idealisierung von Ereignissen vergessen wird. Auf der Bühne, zum Beispiel. Die Geigerin bleibt in einer sanften Introspektion versunken, während beispielsweise die Flötistin lächelnd in ihrem Sommerkleid sich von Verwandten fotografieren lässt.

Wir Museumsbesucher waren am letzten Tag des Kunstareal-Fests Teil dieses Klangkörpers am Lenbachhaus, der sich durch die Etagen bewegt hat und zwischen den Ausstellungen Moderner, Postmoderner und zeitgenössischer Kunst sich zur Spitze hochgearbeitet hat. Am Sonntagnachmittag bekam das Programm Kunstareal mit ‚Symphonie 80‘ endlich Ligamente, wie bei der Partitur: Die ganze halbnackte Eisbach-Bevölkerung, die Kinder samt Malsachen in den Workshops, die Ess- und Trinkwagons auf den Straßen auf der einen Seite und das Filmfestival auf der anderen Seite - alles versammelte sich (metaphorisch) harmonisch als Klang im Museum. In Frack spielt der Mann seine Tuba neben Paul Klees ‚Engel der Geschichte‘, und neben einer Rauminstallation aus schwebenden pastellfarbenen Papier von Karla Black hört sich der Geiger ähnlich filigran an wie die Materie, die ihn umhüllt.

‚Symphonie 80‘ ist aber kein Konzert, sondern eine einstimmige Choreographie von Bewegung und Musik, zwischen konkretem Tempo und abstrakten Musikvorstellungen. Ari Benjamin Meyers stellte damit ein Orchester aus, nämlich das Orchester des Bayerischen Rundfunks. Sein Ziel war jedoch nicht eine bloße Ausstellung gestalten, sondern eine Exposition der dazugehörigen Individuen.

Im ‚Franz von Lenbach‘ betitelten Durchgang präsentierte sich jeder Musiker. Zwei Stunden lang spielten sie das von Meyers komponierte Motiv, manche mit Partitur, manche ohne, manche sehr sehr langsam, manche sehr kurz, und manchen so nah wie möglich an den Anweisungen auf dem Papier. Wer an Patrick Süskinds ‚Der Kontrabass‘ denkt, ist wohl nicht alleine.

Die Begegnung der einzelnen Teilnehmer des Ensembles mit den Besuchern bildete den Hauptteil dieser vierstündigen Gemeinschaftserfahrung, man war also nie allein. Man konnte sich auf nichts konzentrieren, weder auf die ausgestellten Gemälde noch auf die Stücke, die in den verschiedenen Räumen gespielt wurden. Die Aufmerksamkeit war dazu gezwungen, zwischen Bildern, Menschen und Klängen zu pendeln. Warf man einen Blick auf die Partituren auf dem alleinstehenden Podest zwischen Arbeiten von Isa Genzken und Wolfgang Tillmans, sah man, dass das Ganze eigentlich schon vollkommen traditionell aufgeschrieben wurde. Es ist die Handlungsweisung, die am Ende überrascht: Ari Benjamin Meyers steht am Balkon des Atriums vor dem versammelten Orchester und dirigiert das Ensemble nicht mit einem Stab, sondern verfolgt es mit auf DIN-A4 geschriebenen Zahlen.

Ari Benjamin Meyers ist bekannt für eine Duzend Kollaborationen an hochkarätigen, für große Ausstellungen gedachten Kunstwerken, wie etwa ‚Ravel‘ von Anri Sala, dem Beitrag Tino Sehgals bei der Documenta 13 im Hugenottenhaus oder mehreren Arbeiten von Dominique Gonzalez-Foerster. Meyers war dieses Jahr mit einem größeren Projekt für das Rotterdamer Ausstellungshaus Witte de With beauftragt, in Zusammenarbeit mit der ‚Spring’ Hochschule für Musik in Hong Kong, und hat eine ‚Kunsthalle für Musik‘ gegründet. Diese soll wie eine Meta-Institution der gegenwärtigen Museologie angenommen werden, denn es ist für die Kontemplation der Figuren gedacht, welche der Musikkultur heute Konturen geben. Die Kunsthalle funktioniert, ähnlich wie ‚Symphonie 80‘, aber auf einer anderen räumlichen Skala, wie eine Sammlung, ein Repertoire von Stücken, komponiert von Musikern und Nicht-Musikern. Wie eine Schule, die ihren pädagogischen Ansatz des Erlernens von Kunst und Musik an technische Erneuerungen und soziale Bedingungen anpasst.

Das klingt vielleicht für den konservativen Konzertbesucher etwas leichtsinnig und für die Raver sowieso zu steif. Die prozessuale Form der Musik bewegt aber alle, soweit es geht, und deren soziales Verständnis davon, wie sich die Erfahrung von Musik definieren lässt. Musizieren ist im 21. Jahrhundert selbstverständlicher als je zuvor, gerade weil Musik medial zugänglicher ist als früher, und das eigene Musizieren zu einer sekundären Quelle dieser Erfahrung geworden ist.

Er komponiert Musik mit dem Wissen, dass ihre Definition außerhalb jedes Mediums und jenseits jeder Bühne liegen kann. Nämlich in der Interaktion. Musik, die, wenn man will, als Post-Konzert bezeichnet werden kann: Ein Echo des Ereignisses, oder das Ereignis an sich, ohne Frontalität, ohne Trennung zwischen Publikum und Orchester. Während der vierstündigen Performance besuchten wir kurz die Ausstellung von Kerstin Brätsch im Brandhorst Museum, die zu der Rolle der Gemeinschaft und des Korporativen in der Malerei eine schamanistische (wahnsinnige, meine ich) Ausstellung hingelegt hat; wir haben Tonka und Schokolade-Ingwer-Eis gegessen und kamen zurück, für weitere Motive in anderen Etagen. Es ist eben eine offene Gruppenkonstellation und kein geschlossener Konzertsaal, wo man die Spannungen im Schweigen verbirgt. Vielmehr wird hier das Bild von Musik in der Institution aufgebrochen, und es fühlt sich vollkommen neu an.

„Musik ist nicht Perfektion oder Reproduzierbarkeit. Musik ist der Akt eines Orchesters beim Proben. Musik ist ‚John Baldessari singt Sol LeWitt‘. Musik ist eine Gruppe von Menschen, die zu einem Chor werden, oder zu einer Band, egal ob sie in der Öffentlichkeit spielt oder nicht. Musik sind zwei Fremde, die ein Duett singen.“

Mit ‚Symphonie 80‘ zeigt Ari Benjamin Meyers, dass zeitgenössische Musik, Komposition und Musik-Performance heutzutage als bildende Kunst bezeichnet werden können. Das aber nur, wenn kompositorische Strategien, formelle Strukturen, Harmonie und Dissonanz, Vertonung und Orchestrierung, Arrangement, Rhythmus und Tempo als Basis von allem - ja, nicht nur der Musik - anerkannt werden. Zumindest mit Ari Benjamin Meyers muss Musik (und alle ihre Genres) nicht zu einer traditionellen Definition reduziert werden. Diese Symphonie ist dann nicht nur für den Raum des Museums komponiert, sondern durch die Natur des Museums spezifisch für jeden gedacht.


Der Künstler und Komponist Ari Benjamin Meyers (geb. 1972 in New York) untersucht Strukturen, die der performativen, prozessualen Form jeder Musik zugrunde liegen. Seine konzeptuellen Kompositionen und Projekte handeln von den praktischen Voraussetzungen für das Musikmachen, die der Hörer als selbstverständlich wahrnimmt, die jedoch alles Komponieren, Dirigieren oder Musizieren vorausbestimmen. Diese Grundlagen der Musik macht er erfahrbar, indem er fragt, wie Musikproduktion, (wie) Erlernen und Spielen eines Instruments zustande kommen. Seine schöpferische Arbeit fließt ein in Kompositionen, Arrangements, Notenschrift als Basismaterial, Charakteristika von Musikinstrumenten, Gesten von Sängern, Instrumentalisten und Dirigenten und Aufführungssituationen. (Pressetext)

Mit Dank an Eugen El, Benjamin Lachs & Andrea Pohl für ihre Kommentare