Felix Ensslin über Ryan Trecartin, Sebastian Jung über sich selbst – Talks: Premise Place (Edit 1) + The Re’Search an den Kammerspielen / 'It’s not about me', Sperling Galerie



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Im dritten Untergeschoss der Kammerspiele fanden die Bühnenbilder von Ryan Trecartin aus der Sammlung Goetz einen labyrinthischen Platz. Dass dieser Beitrag aus einer Institution für Zeitgenössische Kunst an einem ungewöhnlichen Fleck im Theater stattfindet, verdanken wir der Netzwerkagilität von Tarun Kade, Dramaturg am Theater, und Leo Lencsés, Kurator an der Sammlung Goetz. Als Beitrag und als Kooperationsfall ist es eine Rarität.

Die Installation funktioniert so als wäre sie dazu gedacht, vom Whitney Museum direkt in den Keller der Kammerspiele zu kommen. Nun zum ersten Mal in Europa zu sehen, antwortete diese leider nur kurz währende Ausstellung zwischen 4. und 6. November erstaunlicher- und natürlicherweise auf Lilienthals Prinzip der Enthierarchisierung der Kammerspiele. Alle Räume sind seit dem Intendanzwechsel gleich relevant; vom unterirdischen Treppenhaus, wo das TAM TAM Tanzlokal jetzt stattfindet, bis zur Kammer 1, der historischen Hauptbühne.

Nach der international einflussreichen Triennale ‚The Generational: Younger than Jesus‘ (2009) bewohnte die multimediale Installation ‚Premise Place (Edit 1)‘ den tiefen Keller, der so düster und isoliert wirkt wie die domestizierten Räumlichkeiten, derer sich Trecartin bedient. American trash, aus alten Flugzeugssesseln, Taschen wie aus einem 1-Dollar-Shop und andere Gegenständen, unerträglich (so hässlich sind sie) und doch so familiär, dass man sich als Teil des Ganzen fühlt.

Auf der Plasma-Oberfläche laufen die Trecartin-Filme, unter anderem ‚The Re’Search‘, der Film zum Schauspielstück, das von Felix Rothenhäusler inszeniert wurde. Doch es ist schwer etwas von Trecartins Arbeit in dieser Inszenierung zu erkennen. Man braucht Lizzie Fitchs und Ryan Trecartins Namen dann wirklich nicht mehr zu verwenden, und wenn die Süddeutsche Zeitung von Sprachballett spricht, klingt das alles nur nach anspruchsvoller Analytik, die sich ganz weit von der zeitgenössischen Kunst weghält, wo eigentlich Trecartins Arbeit nun an Bedeutung gewonnen hat. 

Das Stück ist lustig, Jonas von Ostrowskis Bühnenbild akkurat und zutiefst verbunden mit dem Strukturalismus, in dem Trecartins Arbeiten schwimmen. Julia Riedler ist eine überzeugend zornige 14-Jährige mit den immer wiederkehrenden Fuck-you-Bitch Refrains. Trotz der unnötig glatten Kostüme sind die Schauspieler zu dritt eine perfekte Karaoke-Band. Nur: von der Materie, von der Mikropolitik, die Fitch und Trecartin sorgfältig diskursiv ausgedehnt und einen Generationswechsel zweifellos geprägt haben, bleibt absolut nichts. Das Zapping, der Scrolling-Modus ist nicht da, die Beschleunigung, die eben hypnotisiert und abschreckt ebensowenig, und der Pastiche, der alles vom Virtuellen ins Reale bringt, ist ein Element, das hier absolut bewusst weggelassen bleibt und gezwungenermaßen vermisst wird.

Die Rothenhäusler-Konstellation für ‚The Re’Search‘ gibt sich bei der Regie domestiziert. In diesem Sinne sind die Umsetzungen von Jirgls ‚Nichts von Euch auf Erden‘ und ‚The Re’Search‘ kaum von einander zu differenzieren. Und das ist nicht unbedingt was man erreichen möchte mit so einem gewagten Projekt. Oder doch? Wofür dann Videocollagen ins Schauspiel zu übersetzen? 

Das Weiterleben von ‚The Re’Search‘ als Schauspiel ist der Hauptgrund, warum der Merve Verlag eine deutsche Publikation vom fast unübersetzbaren Script Trecartins veröffentlicht, und warum auch der Kunstprofessor, Philosoph und Theatermacher Felix Ensslin die Geschichte einer geschichtslosen Subjektivität an einem Sonntagabend erzählte. Ensslin erzählte so viel, dass der anti-traditionelle Trecartin zum Erbe einer langen Sequenz philosophischer Spektakel-Analysen wird, und seine Arbeiten exemplarisch zur Dehnbarkeit der Zeit. Kern des Abends: Guy Debords 'Gesellschaft des Spektakels', Tiqquns 'Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens' und Giorgio Agambens 'Profanierungen'

Ensslins Vorlesung zu diesen drei Positionen in Verbindung zu Trecartin scheint die perfekte Wandelbarkeit des Kapitalismus in den unterschiedlichen Jahrzehnten, in denen die Theorien geschrieben wurden, zu zeichnen. Die Formen der Poesie, die Gestaltung vom Text und Bild neben einander, als Elementen eines ganzen, hybriden Paradigmenwechsels. 

Ensslin macht es sichtbar: Neben den philosophischen Beispielen, die sich  oppositionistisch offen zeigen, kann man dann bei Trecartins Script von einem Genre sprechen, das eine gesellschaftliche Form in einem nicht identifizierbaren Sprecher findet. Der Mensch wird zum Bild seiner selbst reduziert, und dieses Bild wird durch den Betrachter bedingt. Trotz der unerklärlichen Abwesenheit von Schnitt, Montage und Schriftbild bei der Inszenierung von The Re’Search, gibt es etwas, das unantastbar bei dieser Transplantation von Multimedia auf die Bühne ist: die narzisstische Verbindung zum Körper. 

„I’m not creating a world completely divorced from the current human body“ / RT

Das Ego wird bei The Re’Search als Hyperbel geformt, wie Muskeln in einem Fitness-Zentrum durch Geräte und Proteinriegel. Nicht als psychologische Figur; während aber die Kinder im Film eine buchstäbliche Verbindung zum Script behalten, allein aus dem Grund weil Trecartin den Figuren eine Handlungsfreiheit (Agency) gibt, um sich so zu entfalten, dass alles glaubwürdig wirkt, verlieren die Schauspieler an den Kammerspielen die materielle Stärke bei der Reduktion der Sprache. Es gibt keine Verbindung zu der virtuellen Genese des Ganzen, nicht mal zu Algorithmen. 

Trecartins Beziehung zur Gesellschaft, so Ensslin, ist diejenige, welche den Arbeiten einen Kontext geben. Ja, nein, die Frage muss gestellt werden: Was und wer ist hier im Kammer 3 der Adressat? Die Nichtidentifizierbarkeit einer Selbstkonstitution, die Unmöglichkeit der Verortung des Selbst ist hier das Einzige, was greifbar wirkt. Dabei hilft der Spiegel von Ostrowski leider nicht, auch wenn für die Frage des Narzissmus das eigentliche Substitut für den Bildschirm wäre.

Dazu zitiert Ensslin Rosalind Krauss’ ‚Aesthetics of Narcissism’ (October, Vol. 1, 1976) und findet einen weiteren Ausgangspunkt zum Verständnis Trecartins linguistisch konstruierter Hysterie. Im Kontext des Stückes und nicht nur der Uraufführung, sollte diese Ausstellung im Keller um so länger die Spannungen zwischen dem Ego und seiner Entfremdung zeigen, in denen sich sogar Regisseure verlieren können.

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Warum der Spiegel-Effekt Rosalind Krauss‘ nicht für die Videokunst der Gegenwart gelten kann? Weil Trecartin eher wie ein Jasper Johns funktioniert. American Flag ist eine Montage, die statt Reflexion (wie der Spiegel) Reflexivität erlaubt. Diese ist zuletzt eine Strategie, die nicht externalisiert werden kann, sondern innerhalb des Kunstwerkes funktioniert. Krauss attribuiert Johns American Flag ohnehin eine radikale Asymmetrie, an der heute Snapchat oder Instagrams ‚Boomerang’ sich bedienen. Es ist nur für einen bestimmten Augenblick gemacht.

Dass Zeit bei Reproduzierbarkeit-Apps und für die Kunst dazu eine komplett neue Rolle spielt, kann man derweil bei Sebastian Jung auch verstehen. Selbstdarstellung ist bei ihm ein Phänomen und nicht ein Akt, der allegorisch zerstreut werden kann und alles in sich inkorporiert. Denn das Ego löst sich auf in den Bildern die Snapchat und Co. reproduzieren. Das Ego ist für Jung zu einem Meme geworden. Man glaubt es sofort verstanden zu haben, doch bei einem flüchtigen zweiten Blick, verdoppelt sich die Bedeutungsebene. Und je länger es online steht, desto mehr vervielfacht es sich.

It’s not about me. / SJ

Diesen Donnerstag eröffnet Sebastian Jung seine erste Soloausstellung bei Sperling, und die Einladung ist gleich eine Ablehnung: denkt nicht, es handele sich um ihm. Doch gleich auf Youtube erstellt er ein Selfie-Video auf der Wiesn, in dem man ihn dabei sieht, wie er beim Achterbahnfahren durchdreht. In dieser Meldung, die zugleich als Pressemitteilung dienen soll, dreht sich alles um Sebastian Jung. 

Wenn nicht um ihn, um was genau geht es dann? Um die Algorithmen. Das Ich ist im gesellschaftlichen Kontext zu einer Ersatzfigur geworden, so Jung, und man versteht es relativ schnell, bei all seinen Selfies. 

Das schlechte Selfie als Prinzip führt zu dessen Übersteigerung ins Absurde. Es kann nicht erst gemeint sein. Doch. Diese werden sogar als Aquarell-Serien gemacht, komisch und kitschig, während die begleitenden Texte im Bild eine ‚absolute Traurigkeit‘ zuschreiben.

Jungs Ich-Texte und Smartphonebilder zeigen Brüche und Oberflächen, also Symbole der Selbstreflexion. Seine letzte Publikation beim Kerber Verlag, ‚Neue Heimat Paradies‘ ist eine narrative Sammlung unterschiedlicher Aktionen, die sich als Brüche manifestieren. Von der Kunsttheorie zu den medizinischen Hilfswissenschaften, vom Tierschutz zum Anthropozän: Jungs geringfügige Kommentare erlauben dennoch, in die Mechanismen der alltäglichen Posts zu schauen, anstatt sich (nur) auf eine psychologische Ebene des einzelnen Künstler zu beziehen.

„Ich bin so hard am urlauben“ / SJ

So sehr der Missbrauch von Einsilbigkeit und Anglizismen die Umgangsprache von Jung definiert, so zelebriert er die allgegenwärtige Relevanz einer Zeit, die man kollektiv zelebriert. Eine Zeit von Apps und die beeinträchtigende Identifizierung, die dabei akzeleriert. Totaler Kollaps entsteht als Behauptung, dass Demokratie und das Internet Synonym der Verwischung aller Grenzen zwischen Kultur und Vergnügungsindustrie ist. In den Ruinen postmoderner Kriterien (Debord, Krauss) zur Unterscheidung zwischen Malerei und Video, zwischen Manifesto und Slogan, zwischen politischem Aktivismus und Schauspiel, liegt die Quelle einer neuen Ordnung für Absichten und Gefühle für die Kunstproduktion.

Jung zerstreut, wie viele anderen, Information und Intention so wie es ihm passt, je nach dem, wie diese für ihn und seine Gegenüber funktionieren kann. Eigentlich wie alle vernünftigen Nutzer, die sich eben weigern, ihre Daten an Snapchat abzugeben, Whatsapps Nachrichten den Spionen zu überlassen oder Facebook von Bankverbindungen fernzuhalten, zeigt Jung Verantwortung gegenüber seinen Zukunftsprojektionen. Schwierig wird es, Überwachung zu vermeiden, und dabei kann man nur hoffen, dass ein neuer Humanismus im Umfeld von Big Data entsteht. Dass die Instrumentalisierung des Selbst dabei aufhört, ist jedenfalls eine Aufforderung, welche die Kunst nicht erfüllen wird.

Retina: BOYS, if you tw'oo merged...? What aspects of your personality would cancel out? And what would COMPro.mise? (1)

(1) (from the Script by Ryan Trecartin)