REVIEW: TEER ART WEEK – ‚The heroic oil workers also went to work‘ at Baradaran Garage, kuratiert von Homayoun Sirizi

  • 24.01.2019

Baradaran Garage ist einer der wenigen Ausstellungsorte, die abseits von den meisten anderen der Teer Art Week, nicht in Downtown Teheran angesiedlt ist, also etwas abgelegen, an einer Straße, wo rechts und links etwas abgesetzt, hauptsächlich Mauern entlanglaufen mit Türen und Toren drin, und man weiß nicht, was hinter ihnen ist. An einer Stelle ist eine Autowerkstatt, eine schwarzgeruste Höhle mit all den Sachen drin, die man eben braucht, um Autos zu reparieren. Davor stehen einige Autos, die wohl unbeding in diese Höhle müssen, einige Männer, die sachkundig in einen geöffneten Motorraum schauen, um zu entscheiden, was dann in der dunklen Höhle passieren soll, Katzen streunen herum und es ist nicht klar, was es mit dem Kuratorenprojekt auf sich hat, das einen hier her geführt hat. Die Männer können auch nicht helfen, nur bestätigen, dass die Adresse die richtige ist.

‚The heroic oil workers also went to work‘ ist der Titel der Ausstellung, der Kurator Homayoun Sirizi, der Künstler Michel Setboun. Setboun ist ein Französischer Fotograf, der vor allem wärend der Zeit der Revolution, 1979, viele Aufnahmen in Teheran gemacht hat. Zum Teil sind das bekannte Fotografien, die damals von den Zeitungen aufgegriffen wurden und um die ganze Welt gingen.

Ein ganz offenbar defektes Auto wird in die Höhle geschoben, über eine Grube, die sich in der Mitte befindet und die Möglichkeit bietet, von Unten an den rostigen Eingeweiden zu arbeiten - vielleicht ist ja der Auspuff kaputt, es stimmt etwas mit der Benzinzufuhr nicht oder die Ölwanne ist undicht. Die Wände der Grube sind tiefschwarz und es ist gerade noch zu sehen, bevor das Auto vollständig das dunkle Loch abdeckt, dass Bilder in den Abgrund hineingekleistert sind. Etwas unwillig, aber freundlich wird das Auto wieder zurückgeschoben und tatsächlich befinden sich einige Fotografien, auf Papier kopiert, an den Längswänden der Vertiefung. Man muss nahe an den Rand gehen und sich nach vorn beugen, um sie genauer zu sehen, steht aber im Licht.

An der hinteren Wand der Höhle befindet sich ein Abgang, der nach Unten in die Grube führt. Am Boden der Grube sind Bohlen ausgelegt, nicht sehr trittsicher, man muss schon jahrelang hier gearbeitet haben, um zu wissen, wohin treten und wohin nicht. Man versucht also das Gleichgewicht zu halten, erst ohne sich an den Wänden abzustützen, dann doch. Es sind sechs Papiere an den Wänden, zwei davon bereits abgerissen - der Ausstellungsort ist in erster Linie ein Arbeitsplatz, das Werk ist dessen Eigenlogik unterworfen, deren Sensibilität sich auf einer Skala eher im goben Bereich befindet. Ein Panzer auf einem Platz, Soldaten, vereinzelt Menschen - eine schwarzweiß Aufnahme, wie die anderen auch - die Atmosphäre wirkt gespannt, aufgeladen. Auf einer anderen Aufnahme eine große urbane Fläche, Menschen flüchten in alle Richtungen.

Setboun hat die Revolution fotografiert, in den Straßen Schlachten, gewaltätige Auseinandersetzungen, die Balancen haben ihr Gleichgewicht verloren und stoßen aufeinander. Es ist das Ereignis selbst, die Konfrontation, die Entladung. In Bruchteilen von Sekunden werden diese Momente festgehalten, die die Geschichte dann der ganzen Welt erzählen. Vierzig Jahre ist das her, die Bilder haben sich in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Sirisi nennt die Ausstellung ‚The heroic oil workers also went to work‘ und führt einen, will man sie sehen, in Abgründe, bringt einen aus dem Gleichgewicht, erlaubt keinen distanzierten, keinen interessenlosen Blick auf Bilder, die schwer mit dem Titel zu verbinden sind.

Verläßt man die Grube, bemerkt man zwei weitere Papiere an der hinteren, schmalen Seite der Grube, die dann zur Treppe führt. Zwei kopierte Zeitungsseiten (eine Ausgabe der Tageszeitung Ettelaat von 1357/1979), die eine, das Titelblatt, fette Überschriften, wieder Bilder, Menschen, die hinter einer Reihe parkender Autos Schutz suchen, in Deckung gehen, Schüsse fallen, ein weiteres Bild, ein telefonierender Geistlicher mit weißer Kopfbedeckung. Auf dem anderen Blatt sind Männer abgebildet, eine ganze Reihe, sie halten sich Zettel vor die Brust. Sind sie das, die ‚heroic oil worker‘? Nein, die hat man zur Arbeit geschickt. Das sind die Opfer der Revolution.

Es entwickelt sich hier eine andere Art des Sehens, auch ein anderes Verhältnis zum Sehen. Auch die Geschichte des Gesehenen verschiebt sich. Das Foto nimmt eine andere Rolle ein, es ist nur noch eine entfernte Stelle in einem komplexen Gebilde, dem man mit vielen Sinnen ausgesetzt ist. Ein Gebilde zusammengesetzt aus allen Teilen, ein Gebilde, in dem aus einer Monarchie eine Islamische Republik geworden ist, der fossilen Grundlagen, aus dem ein imenser Reichtum geschöpft wird, auch bestehend aus dem Auto, das jetzt über die Grube geschoben wird und überhaupt: die vielen Autos in der Welt und die ‚oil workers‘.