Totally instagrammable – Die Peter-Lindbergh- Ausstellung an der Kunsthalle Hypo-Kulturstiftung München

Wohl wenige schaffen es langfristig eine gültige Ästhetik zu etablieren, die über Jahrzehnte die Moodboards und Briefings der Creative Industry beherrscht und beeinflusst. Die Münchner Kunsthalle hat sich nun mit der Peter-Lindbergh-Wanderausstellung einen Blockbuster eingekauft – flankiert von Storyboards, Kontaktabzügen und einer fetten Editorial-Kooperation mit einer großen deutschen Modezeitschrift – das ist zugegebenermaßen außerordentlich spannend.

In kuratorischer Hinsicht erscheint das Ausstellungskonzept indes, als wäre es unmittelbar im Zusammenspiel mit ausgefeilten unternehmerischen Überlegungen entstanden, und es ließe sich dafür auch sicherlich zur 1A Case Study in 3D machen – schon allein aufgrund der begleitenden Multichannel-Marketingstrategie. Die Hängungen und Anordnungen könnten einer szenografischen Analyse zum Thema ,Raum-Ökonomie‘ gereichen – Fläche ist bekanntlich Geld.

In ihrer betont dekadenten Raumgebung wartet die Schau mit einer massiven Anzahl an Porträts auf, mit denen Lindbergh nicht nur Heldinnen und Helden machte, sondern ebenso in überlebensgroßen Abzügen zeigt, dass technische Fertigkeit für Kunst nicht ausreicht, sondern ein Mehr braucht, das er jedem Bild mitgibt.

Ist es Kunst oder Realität – oder ein fiktives Moment der Fashion-Fotografie? Allemal eines, oder mehreres zugleich. Durch Lichtführung und Komposition, die Blick und Blicken im Fokus bewahren, eröffnet sich in der Ausstellung den Besuchern in München dennoch ein unerwarteter Aspekt, der, wenn man bedenkt, dass Lindberghs Arbeiten in der Regel eher aus Print auf A4 bekannt sind, unerwartet tief dringt. Die große Stärke dieser Ausstellung liegt in ihren Bildern und deren dialogischen Qualitäten. Durch den Effekt der Großformate, insbesondere der Arbeiten aus den 8oer-Jahren, die beim Publikum beeindruckte Ehrfurcht hervorrufen, formuliert sich eine Erfahrung, die den Betrachtern von Lindberghs Arbeiten formatgebunden, wie beispielsweise in Zeitschriften, mitunter eher verwehrt bleiben muss.

Peter Lindbergh zeichnete sich in seiner Arbeit bereits sehr früh durch die Fähigkeit aus, radikal den Blick der fotografierten Subjekte zu öffnen und insbesondere deren Entwicklung zu zeigen – ohne Zweifel ist es kaum möglich sich der dadurch evozierten Anrührung im Betrachten zu entziehen. Dies wird insbesondere in den nicht wenigen zeitlich versetzten Aufnahmen der Modelle sichtbar. Vergleicht man Aufnahmen von Linda Evangelista über mehrere Jahre, so zeigt sich dabei überraschenderweise ein beinahe pädagogisches Moment – im Verhältnis zu Aufnahmen derselben von anderen Fotografen, die in etwa zeitgleich entstanden, erscheinen Lindberghs Fotografien wie eine Eröffnung der Blicke der Porträtierten, allerdings ohne Möglichkeit der Wiederherstellung und Wiederholung. Die Augenblicke, in denen die Gezeigten einen kurzen Abgleich mit der Realität erhalten, erscheinen wie Erinnerungen.

Während die Zeitgenossen sich mit fotografischen Formeln und Formaten auseinandersetzen, bleibt Lindbergh in seinem Herausschälen des Moments im Blick oder der Pose der Gezeigten so konstant, dass in späteren Aufnahmen derselben Motive und Modelle diese ihr Blicken ändern können, ohne dabei an Intensität und Glaubwürdigkeit zu verlieren, was sich etwa in den Porträts von Kate Moss aus den 90er-Jahren und den unlängst erschienenen offenbart. Dies mag trivial erscheinen, wurde aber im Verhältnis der Masse von Bildern ein und derselben Person über viele Jahre nur von sehr wenigen Fotografen geleistet.

Lindberghs Porträtfotografien schwingen auf einer Welle der ständigen Ankündigung und gleichzeitig geben die Porträtierten sich für sich selbst her. Das Anrührende, gerade an den Frauenporträts, gilt dem erlaubten Blick, denn zu Lindberghs Qualitäten gehört sicherlich nicht nur, dass er nichts auslässt, sondern offenbar eine Situation herstellen kann, in der sichtbar wird, dass die Gezeigten sich zu öffnen beginnen.

Dieser Prozess wird von Peter Lindbergh bildlich in Sequenzen zerlegt. Denn die Modelle sehen nicht den Betrachter an, sondern sich selbst sehen sie an, sie sehen sich durch Peter Lindbergh. An manchen Stellen schimmert dabei etwas durch, was manche ‚sinnlich‘ und ‚ehrlich‘ nennen. Über das Verhältnis der Fotografie zur Wirklichkeit, über den Begriff und die Möglichkeit von Authentizität haben Theoretiker wie Walter Benjamin, Roland Barthes, Susan Sontag oder Jean-Luc Nancy viel zu sagen. Nichts ist fragwürdiger als das Wahre, Natürliche und Ungeschminkte; vielfach lassen sich diese Begriffe dekonstruieren.

Eines aber lässt sich festhalten: In Zeiten, in denen ‚die Industry‘ hauptsächlich darauf fokussiert, entweder etwas Konzeptionelles oder etwas Schamanisches zu zeigen und sich dabei immerzu auf sich selbst bezieht, bezieht sich Peter Lindbergh in seinen interessantesten fotografischen Arbeiten auf etwas, das dieser Tage ungleich riskanter ist: die Beziehung der porträtierten Person zu sich selbst.

Die Ausstellungsbesucher indes übernehmen die Next-Level-Inszenierung und posten Aufnahmen in imitierenden Posen in Instagram: Diese weit bekanntere Form von Selbstbildnissen haben die Bilder Lindberghs unmittelbar nahegelegt.


Lektorat Christine Wölfle / http://www.woelfle-hecht.de/