Monumental & Unspektakulär: Die ersten von 100 Tagen documenta 14 in Athen – Kommentar zu 'Von Athen Lernen / Learning from Athens'

Die Orangen an den Bäumen des Syntagma Platzes werden nur selten gegessen und doch sind sie repräsentativ für diesen süßen Wind, der sich mit dem Smog von Athen vermischt und der die Intensität des Mittelmeerraumes auf unvergleichliche Weise verdichtet. So schön diese Stadt der Antike und Moderne sein kann, so kitschig ist sie auch in der Gegenwart. Hier herrschen sie immer noch vor, die südländischen Mythologien: das perfekte Wetter, das unabsichtliche Chaos, das dramatische Temperament, sowie die ‚weichen Ruinen des Alltags‘, wie es zur Eröffnung der documenta 14 auf der Bühne des Megaron Konzertsaales gesungen wird. Die Kombination dieser Worte hinterlässt einen starken Eindruck. Weiche Ruinen, was mag damit gemeint sein?

Verfaulte Früchte am Straßenrand? Ein Wörterbuch der griechischen Militärjunta? Die Plastiksteine von Andreas Angelidakis (‚Demos’, 2016) für das Parlament der Körper im Eleftherias Park? Europa? Alexandra Pirici’s Beitrag für Future Climates - Parthenon Marbles - wo Performer die Gesten Antiker Skulpturen nachmachen, während sie über das Prekariat des heutigen internationalen Kunstsystems deklamieren? Die neoliberalistische Ökonomie und ihre Paradoxien? Leere?

Leere ist durchaus ein wichtiges Element, zu dem man hier immer wieder zurück geführt wird. Nicht einfach, sich innerhalb des Parcours zwischen Ausstellungen und Rezeptionen zu behaupten, nicht einfach, etwas zum Festhalten zu finden. Denn einen roten Faden durch die ausgewählten Räume sucht man vergeblich. Thematische Gruppierungen für die Kunstwerke gibt es auch nicht. Beschreibungen zu den Arbeiten fehlen ebenfalls. Desinformation wird gelebt, Selbstorganisation erzwungen.

Bis wenige Tage vor der Pressekonferenz wusste man gar nichts vom Programm. Selbstorganisation ist alles. Professionelle und Kulturjournalisten müssen sich untereinander arrangieren, um bei dreizehn Performances am Tag und 150 teilnehmenden Künstlern das Programm auch nur halbwegs zu absolvieren. Che Zara Blomfield, Kuratorin und Autorin in Berlin, schickt ihren Freunden, die in Athen sind oder zuhause täglich einen Newsletter. Andere fotografieren ihre gedruckten Programme und leiten sie per WhatsApp weiter. Frieze Online hat den Critic’s Guide, Spike Art Quarterly auch, Reflektor M publiziert einen Überblick aller Spielorte der documenta sowie unabhängiger Kunsträume mit Karte und Kalender.

An der orchestrierten Pressekonferenz „Von Athen Lernen / Learning from Athens“ steht schnell fest: Die documenta 14 hat bereits Geschichte geschrieben. Wortwörtlich. Die Kuratoren und Macher der documenta 14 laborierten jahrelang an einem Amalgam aus Freuden und Sorgen, Künstlerkalender und einem wilden Angebot an Publikationen. Marina Fokidis’ bisherigen Ausgaben des Magazins ‚South as a State of Mind‘ lassen die Kulturen der Erde in einen unerwarteten Dialog treten. Die documenta 14 ist ein Mammut von Thesen und theoretischen Ausarbeitungen zu den Begriffen Körper, Raum, Andersheit, Iterabilität, Farbe, Dekolonialisierung, Ökonomie und Agency.

Immer wieder ging es in 'South as a State of Mind' und dessen öffentlichem Programm in unterschiedlichen Städten um Vergessenes, Abstraktes, Poetisches. All dies als Äquivalent für eine persönliche Idiosynkrasie, die Adam Szymczyk als kuratorische Prämisse von Anfang an verteidigte: Athen als zweite Stadt der documenta soll ab 2017 eine Repositionierung, Umverteilung und Neuformulierung der Werte in der Kunst einleiten. Der Leiter der diesjährigen documenta entscheidet sich beim Lernprozess am Ende folgerichtig für das Verlernen.

Versuch eines ersten Fazits zu Beginn der hundert Tage der Documenta 14? Vielleicht der Süden als mentaler Zustand! Die Kommentare von Quinn Latimer, Paul B. Preciado oder Monika Szewczyk auf dieser etwas theatralisch anmutenden Pressekonferenz waren - zumindest für diejenigen, welche die documenta zwischen 2014 und 2016 verfolgt haben - eine Rekapitulation dessen, was bisher angestrebt wurde. Das einengende Format aufzubrechen, es flexibler zu machen, eine stadtlose Party, das hat was, auch wenn dies Kasseler und Athener nicht gerne hören werden. Alle Anderen werden vom Eintauchen mehr mitnehmen wollen.

Das ist zwar nicht wirklich gelungen bei den absurden Konzerten von Nevin Aladag (obwohl die Instrumente/ das Mobiliar wirklich schön sind), wohl aber bei Joan Nangos mobiler Bühne im Patio des Konservatoriums. Die Gestaltung arbeitet mit Materialien und Techniken indigener Völker, kombiniert mit Neon-Röhren, durchsichtige Wände erlauben jede Art von Improvisation. Die Arbeit spielt mit Camouflage, im Rückzugsort für documenta-Besucher erkennt man spät erst, dass man quasi selbst Teil eines Kunstwerkes geworden ist. Totale Immersion, würde ich das nennen.

Zwischen Rausch und Nüchternheit pendeln die unterschiedlichen Kapitel dieser documenta der Halluzinationen. Alles Wahrnehmbare in der Kunst erfordert heute eine körperliche und sinnliche Auseinandersetzung. Ob das gut ist oder nicht, es ist hier nicht nachweisbar. Eine gute Voraussetzung, um sich Kunst zu nähern wäre sicher, sich hunderttagelang damit zu beschäftigen, die Freiheit der Künstlerinnen wahr- und anzunehmen, ein weiteres Element der gesellschaftlichen Neuordnung.

Dieser Gedanke reflektiert auch die Natur des ‚Daybook‘, wie sich das Künstlerinnenbuch der documenta nennt. Zwischen dem 14. April und dem 17. September haben alle Künstler einen Tag für sich. Dies ist die einzige Ordnung, nach der die Namen angeordnet sind. An diesen Tagen gibt es unterschiedliche Texte zu den Arbeiten.

Die Texte folgen keinen Standards, berufliche Lebensläufe tauchen erst gar nicht hier auf. Jeder Künstler sucht sich zusätzlich ein wichtiges Datum aus vergangenen Jahren. Ein Beispiel: Maria Eichhorn. Am 26. April 2017 des Dayboooks erzählt Alexander Alberro von einer Begegnung in ihrem Atelier, kurz bevor die Künstlerin ihren Beitrag für die documenta anfängt und zitiert sie:

„Ich versuche immer, ein allgemeines Resümee meiner Praxis zu vermeiden“

Voilá. Dazu zitiert Eichhorn wiederum zum 8. März und zur ausgewählten Illustration - ein Plakat der Sozialdemokratischen Arbeitspartei Österreichs zum internationalen Frauentag von 1928 - einen kleinen Kommentar aus der offiziellen Webseite des International Woman’s day:

„Der internationale Frauentag feiert die sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Errungenschaften von Frauen. Doch der Fortschritt hat sich verlangsamt, sodass globales Handeln notwendig ist, um Geschlechterparität zu beschleunigen. (…) Macht Gender zu Agenda, heute und darüber hinaus.“

Der Realitätscharakter dieser documenta folgt einer Tradition der visionären Fortschreibung von (Kunst)Geschichte. Die ausgewählten Künstlerinnen stellen dem standarisierten Kulturerlebnis alternative Erscheinungen jenseits der physischen und virtuellen Beschleunigung unserer Welt zur Seite.

Die Wirkung ist extrem. Die Geste heldenhaft. Der Akt unspektakulär. Gestern spazierten sechs Pferde von der Akropolis los und sollen Anfang Juni Kassel erreichen. Das ist Ross Birrells Beitrag zur documenta 14, der einiges in sich trägt: Ein Symbol für den steinigen Weg der Flüchtlinge ins Zentrum Europas, eine bestätigende Reaktion zu Szymzycks Behauptung, die Aufteilung der Ausstellung zwischen Kassel und Athen sei ein ‚Akt der Solidarität‘.

Wohl auch eine historische Verbindung zum Weg, den Arnold Bode als Soldat damals zu Fuß zu bewältigen hatte. Vom Internierungslager zurück in die Heimatstadt Kassel. Aus den Ruinen des zweiten Weltkrieges zimmerte der Künstler und Architekt einen Standort für die Reinszenierung und Wiedergeburt von Kultur als Veränderungsmotor der Gesellschaft, zelebriert und zugleich in Frage gestellt.

Die documenta aus Kassel ist seit 1955 ein wichtiger Kompass des Kunstdiskurses im Westen, gegründet von einer Gruppe von Enthusiasten unter der Leitung von Arnold Bode (1900 - 1977) zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Eröffnung des zweiten Teiles dieses großen Ereignis findet am 10. Juni in Kassel statt.