Review: „Utopie ist auch keine Lösung“ – Some Shapes of Things to Come Kunstverein Harburger Bahnhof

  • 14.07.2018

Langsam kreisen sie im warmen Schwimmbecken, ruhig atmend, nackt oder in weißen Badeanzügen, sich gegenseitig stützend, langsam und in ruhigem Ton erzählen sie, was sie an sich selbst attraktiv finden, und wie sie anderen Menschen Liebe, Sex, Intimität geben können. Ein Video wie ein Aufenthalt im Wellness resort. Die "Army of Love", gegründet von Ingo Niermann, ist da am Werk, und propagiert in ihrem weichgespülten Werbefilm im Post-Internet Look (gedreht von Filmemacherin Alexa Karolinski) Liebe, Zuneigung und Sex für alle. Ist Intimität in der Welt nicht schließlich alles andere als fair verteilt? Während es menschliche Grundbedürfnisse sind, deren Deckung allen zustehen müsste, so leben vor allem diejenigen in Einsamkeit und Vernachlässigung, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen: Alte, Kranke, Menschen mit Behinderungen etwa, für die die Army of Love in ihren Aktionen und Workshops nicht nur free hugs, sondern auch free petting anbietet. Denn die Armee der Liebe ist nicht nur eine Idee, ein Proposal, ein Kunstwerk, sondern ein konkretes utopisches Projekt, das Niermann mit aller Ernsthaftigkeit vorantreibt.

Ganz programmatisch für die ganze Ausstellung „Some Shapes of Things to Come“, die Lisa Britzger im Kunstverein Harburger Bahnhof kuratierte. Ja, unser Zusammenleben ist vergiftet, aber wir können das Ruder noch herumreißen, wenn die Kunstwelt endlich aus ihrer Blase tritt und auf die Straße geht, sich wieder sinnvoll und ernsthaft für die Gesellschaft einsetzt: Konkrete Utopien sind hier deshalb versammelt, die auf ihren Einsatz in der Welt warten.

Da sind etwa die Wohnkojen des kroatischen Design- und Architekturkollektivs Fokus Grupa, die sich auf Nikolai Tschernyschewski 1863 geschriebenen, legendärem Revolutionsroman „Was tun?“ (dessen Titel später Lenin übernehmen sollte,) berufen. In vier geräumigen, um eine mittleren Gemeinschaftsraum gruppierten Holzkuben behaupten sie die Ideale Wohnform, welche nicht nur als „Existenzoptimum“ dienen kann, in welchen Menschen in perfekter Balance zwischen Privatsphäre und Kollektiv, abseits von diskriminierenden Familien- und Machtstrukturen leben sollen, sondern sich auch und bestens für die Präsentation von mehreren Videoarbeiten eignen, die in den Kojen gezeigt werden. Clara Winter und Miguel Ferráez' Tourismus-Narration etwa, die von einer sinnvollen, nachhaltigen, reflexiven Art zu Reisen und Menschen zu begegnen erzählen – und auch dem Scheitern dieses Vorhabens. Oder Alex Martinis Roes „Our Future Network“, eine Dokumentation ihrer ganz realen feministischen Vernetzungsarbeit der letzten Jahre. Die zweite große Installation im Raum stellt die Bibliothek für Gesellschaftsdesign von Friedrich von Borries dar, eine Ansammlung von vierzig (statt normalerweise sechzig) Schreibtischen mit ebensovielen Büchern darauf – für jedes Monat eines Designstudiums ein Buch. Aber dezidiert keine Designtexte, sondern gesellschaftspolitische Werke – von Foucault bis zu Ta-Nehisi Coates – liegen bei diesem Handapparat aus, welcher die zukünftigen Entwerfer mit ihrer Verantwortung gegenüber der Welt konfrontieren sollen. Design, sollte das schließlich nicht mal unser aller Leben besser machen?

Das gute Leben, freie Liebe, gleiche Rechte, harmonisches Zusammenleben – all das wirkt hier im White Cube fast zum greifen nah. Aber draußen dann, in Harburg, zwischen nichtssagenden Wohnblöcken und ramschigen Läden, in der klebrigen Hitze ist die perfekte Welt, die Utopie weit weg. Und dann versteht man endlich, warum die Ausstellung während des Besuchs dennoch ein diffuses Gefühl des Unbehagens hervorruft. Denn hier, in der vom restlichen Hamburg abgeschnittenen und von sozialem Wohnbau dominierten Gegend von Harburg, drängen sich dann doch einige Fragen auf: Ob die übersimplen Einheitskartons der Fokus Grupa tatsächlich das Leben der Menschen verändern, verbessern würde, oder ob nicht sowieso andere Fragen und Investitionen und andere Raumangebote nötig wären als die hundertste Variation der Megastruktur, deren historische < letztlich so gut wie immer gescheitert sind? Ob die aufgekochte historische Zukunftsvision vielleicht zeigen kann, dass die Probleme des Zusammenlebens noch immer die gleichen sind wie in den 1880ern, die postulierte Utopie aber nicht letztlich doch nur im luftleeren Raum des Kunstvereins Sinn macht, als irgendwie diffus Bedeutung tragende Videowand?

Und dann in der S-Bahn, wenn jedes Stück Haut in der Bahn angestarrt wird, wenn zu viele Männer sowieso schon der Meinung sind, Sex stehe ihnen zu und der weibliche Körper hat stets sexuell verfügbar zu sein, fragt man sich ob die Army of Love nicht eigentlich herrschende Machtverhältnisse sträflich ignoriert oder ihnen in die Hände spielt, und ob "Freie Sexualität", "freie Liebe" und "mehr Intimität" nicht vielleicht doch nur hohle Schlagwörter sind, die oft genug auch zur Legitimation von Übergriffen und Missbrauch herhalten müssen und mussten, ob das schöne Gerede davon nicht letztlich auch nur in der durchgestylten Spa-Bubble, in Hipster-Marken-Outfits plausibel klingt?

Und dann zu Hause, im Bett liegend, fragt man sich ob das, was man in der Ausstellung gesehen hat vielleicht am Ende interessant, aber (vielleicht bis auf die Ausnahme Roe) doch nur die abgeschmackte White-Cube-Idee von Utopie ist, die zwar Tatendrang, aber auch Ratlosigkeit der Design-, Architektur- und Kunstwelt ausdrückt (welche sich womöglich selbst nach dem Genuss der Werke des Borriesschen Büchercastings nicht auflösen würde)?

Vielleicht ist das alles so. Aber dennoch muss man nicht in Fatalismus verfallen. Denn letzlich zeigt die Ausstellung auch, dass die Kunstwelt, genauso wie die Politik und die Zivilgesellschaft, zwar keine deus-ex-machina hervorzaubern kann, dass aber auch im Betrieb nicht nur Resignation vorherrscht sondern auch immer noch am Umbruch gearbeitet wird. Dass hier also, im Gegensatz zu vielen und zu viel besprochenen Großausstellungen der letzten Jahre, tatsächlich Lösungen gezeigt werden, ist ein wohltuender Ausbruch aus dem gängigen "Probleme benennen und aufzeigen"-Kunstverständnis. "Solutions" heißt etwa ja auch die fantastische Bücherreihe, die Ingo Niermann seit einigen Jahren bei Sternberg herausbringt. Die ganz endgültigen Lösungen allerdings, sie scheinen noch längst nicht gefunden. Aber es sind ja auch nur einige Dinge – "some shapes of things" – die da gezeigt werden. Da geht noch mehr.


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14er Juli, 14 - 19 Uhr
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Momente des Übergangs: Liebe

Mit Beiträgen von ARMY OF LOVE (Simon Asencio & Adriano Wilfert Jensen), VERENA BUTTMANN, NELE MÖLLER, ATEFA OMAR und ELVIA WILK. Mehr, hier.