Das Spiel der Bedeutungen – Kunst und Propaganda – Das Lenbachhaus zeigt die 'After the Fact – Propaganda im 21. Jahrhundert' die politischen Ereignisse des letzten Jahres treffen auf Gegenwartskunst. Ob das gut geht?

Alles ist weiß. Im grellen Licht taucht ein dunkler Fleck auf. Er wird größer und größer. Gefangen wie im Traum näheren wir uns dem schwarzen Ende des Tunnels und hören die klar gesprochenen Worte: „The first thing that struck me when I arrived in Warsaw, was the refreshing lack of the oppressive advertisement holdings, that seemed to take over the most available space in my own country. I didn’t understand a word of Polish and the few advertisements that I did come across rarely contained any images or products, so I remained blissfully unaware of the intended messages,“ sagt John Smith. Er berichtet von seinen Eindrücken in Polen als er 1980 das kommunistische Land zum ersten Mal besuchte, kurz nachdem Margaret Thatcher und die Konservative Partei ihren Wahlsieg in Großbritannien einfuhren. Die Tonspur läuft plötzlich rückwärts und die Worte verzerren sich; das Bild wird in sein Negativ übersetzt: Am Ende des dunklen Tunnels leuchtet ein helles Licht, das schließlich die ganze Leinwand erfüllt und alles ist wieder rauschend weiß.

Smiths Videoarbeit White Hole (2014) ist Teil der aktuellen Ausstellung After the Fact – Propaganda im 21. Jahrhundert im Kunstbau des Lenbachhaus. Das Video reflektiert die Vorstellungen, die an ein Leben in einem anderen politischen System geknüpft sind, an ein Leben in einer anderen Stadt, in einer anderen Zeit – vielleicht einer besseren Welt. Den Hoffnungen steht das Bild des Tunnels in seiner ganzen Symbolhaftigkeit gegenüber und die Reise scheint direkt ins Unbekannte zu gehen. Auf ganz eindrückliche Weise zeigt Smith unsere Gebundenheit an Sprache und die Lücken oder Geister, die sich in Prozessen der Übersetzung auftun. Verständnis ist mehr als nur verstehen, es umfasst ein Kontinuum an Zeit, das auch die Geschichten, die davor waren und die, die vielleicht noch kommen werden, miteinschließt. Und noch eines macht Smith deutlich: zum Lesen und Deuten von Informationen braucht es Ruhe, Zeit und Freiraum.

Sich mit Kunst und Propaganda auseinanderzusetzen, war bisher ein Themenfeld, das primär von historischen Museen bearbeitet wurde, um nachzuvollziehen, wie eng Kunst und Politik im totalitären Regime des Nationalsozialismus verwoben waren. Hitler ließ der „Deutschen Kunst“ sogar ein eigenes Haus errichten, ganz unweit dem Lenbachhaus, entstand 1937 das heutige Haus der Kunst, das die Form einer regelrechten Propagandamaschine annahm, deren Auftrag es war, die Moderne einmal komplett umzuschreiben. Kunst bedeutete Bildung, und Bildung wurde manipuliert. Die Ausstellung After the Fact reagiert auf einen Propagandabegriff, der ausschließlich als Hausmarke des Totalitarismus gedeutet wird und sieht sich nach Ausschweifungen in der Gegenwart um. Sie versteht Propaganda als ein Mittel, das aktiv in demokratischen Strukturen von Ökonomie, Politik und Lobbys benutzt wird, um meinungsbildend und beeinflussend zu wirken. Wie sich Gegenwartskunst dazu verhält, beschreibt die Kuratorin Stephanie Weber im Reader:

„Kunst und der Umgang mit ihr mögen stellvertretend für eine Haltung und einen Wahrheitsanspruch stehen, die weder dem reinen Glauben in Vernunft und Fakten noch der puren Emotion anheimfallen.“

Informationen und Fakten vermischen sich mit Emotionen. Fiktion und Realität schließen sich zusammen und werden zu einer neuen Wahrheit, die sich weiterentwickelt und verändert.

After the Fact blickt nicht primär auf Gegenwartskunst als Propaganda oder Gegenpropaganda, sondern auch auf ihre analytischen Qualitäten, welche die Funktionen und Wirkweisen der Verführung sichtbar machen und aufzeigen. So passiert es, dass uns in der Ausstellung Werke von Coco Fusco, John Miller und Hannah Black begegnen und dass Populismus, Feminismus, Popkultur und Burka-Debatten neben Werbevideos der EZB zu finden sind. Kunst und Dokumentation liegen in dieser Ausstellung vielschichtig über- und nebeneinander und es bedarf eines freien Blicks, um hier den Werkbegriff zu verstehen, mit dem argumentiert wird, und um Informationen, Fake News und Emotionen voneinander zu trennen. Aber wann ist etwas überhaupt richtig und wann falsch formuliert? Macht diese Unterscheidung überhaupt Sinn? Wer entscheidet das?

Vielleicht kann die Kunst Antwort geben? Hannah Black, die zuletzt die Zerstörung der Malerei Open Casket von Dana Schutz, die auf der Whitney Biennale ausgestellt wird, per Online-Petition forderte und damit weltweit auf Widerhall in allen wichtigen Kunstmagazinen und Feuilletons stieß, ist mit ihrer Installation Soc or Barb von 2017 vertreten. Der Titel spielt auf die Frage „Sozialismus oder Barbarei?“ an, die Rosa Luxemburg in ihrem Text Die Krise der Sozialdemokratie (1915) stellte und damit die ultimative Frage äußerte; entweder gibt es einen Wandel in der allgemeinen Stimmungslage oder die Gesellschaft nährt sich weiter dem Untergang der Welt. Black überträgt die Idee ins Heute und zeigt eine lose Gruppe an Figuren aus ungebranntem Ton, die Aliens oder kleinen Lemmingen ähneln, und hippe T-Shirts mit Symbolen der Unendlichkeit als All-Over-Prints tragen. Sie alle sitzen da auf dem Boden, mit dem Rücken zu uns gewandt und schauen auf drei Flachbildschirme, während wir uns zu ihnen gesellen, um es ihnen gleich zu tun. Über die Fernseher flimmert eine Morgendämmerung, dann ein Sonnenuntergang, es wird Tag und Nacht, die Zeit vergeht, dann wandert ein Feuerball von einem Bildschirm auf den nächsten. Wir sind schon wieder in einer Endlosschleife gefangen. Erweitert wird das Werk mit einer Soundcollage, in der unter anderem Céline Dions „A New Day Has Come“, Kofi Agawus Vortrag „Tonality as a Colonizing Force in African Music“ und Fred Motens „Blackness and Nonperformance“ läuft. Eine Antwort auf unsere Frage scheinen wir hier jedenfalls zu finden, die Konfrontation der Gegensätze hat noch nie zu einer besseren Welt geführt. Außerdem bringt dieses Werk auch den Propagandabegriff, wie ihn die Ausstellung vertritt, auf den Punkt: Menschen kommen zusammen, Bewegung trifft Stillstand und es scheint an allem zu fehlen, was Menschlichkeit eigentlich ausmacht, vor allem an echter Aufmerksamkeit und Reflexionsfähigkeit.

Bis wir vor Hannah Blacks Arbeit stehen, ist es allerdings ein weiter Weg. Das Tunnelgeschoss (das Video von John Smith am Ende des langen Kunstbaus ist übrigens ein fantastisches Spiel mit der Architektur) wird zum Gastgeber für Kunstwerke. Aber eben nicht nur, denn die Ausstellung präsentiert auch zahlreiche dokumentarische Kommentare, wie Werbeclips zur Euro-Einführung, Zeitungsartikel zur Burkini-Debatte oder Memes zum Wahlsieg Donald Trumps, die ausgewählt von der Kuratorin als Setzungen einfügt wurden. Die Architektin Marina Correia bringt die beiden Felder – Kunst und Nicht-Kunst – in einem Ausstellungsdesign zusammen. Sie arbeitet mit der Idee der Schichten, die durchdrungen und erforscht werden müssen. Schwarze und weiße Stoffbahnen hängen als leere Banner vom Boden bis zur Decke und gliedern den Raum in acht thematische Etappen. Die Stichworte sind Freiheitsregime, Kreativindustrie, Traditionalismus, Staatsgewalt, Öffentlichkeitsarbeit, Weltordnung, Spektakel/Identität und Aggression/Status Quo. Wir flanieren durch einen mystisch inszenierten Ausstellungsraum, der Kunstwerke, Wandtexte und Dokumentationen mit Spots ausleuchtet und sich erst nach und nach erschließen lässt. Schmale (weiße) Zwischenräume präsentieren sich im Gewand des Archivs, in denen vor allem Ereignisse der letzten Jahre gesammelt und dabei irgendwie historisiert daherkommen, in den dazugehörigen größeren (schwarz markierten) Raumsequenzen versammeln sich Kunstwerke, die meist dialogisch arrangiert sind. Entgegen der Idee der Kuratorin, die sich mit der Ausstellung gegen ein „binäres Prinzip von Gut und Böse“ ausspricht, gliedert sich der Raum durch die aufgeladenen Farben Schwarz und Weiß eher nach dem Prinzip des Gegensatzes – bis sich das System in der Ausstellungsmitte in Vielschichtigkeit verliert und Dokumentation und künstlerische Fiktion aufeinanderprallen. Wie lassen sich Kunst und Nicht-Kunst, Dokument von Meinung und Wirklichkeit von Fiktion hier noch unterscheiden? Komplexität breitet sich aus, der sich nur mit Feinfühligkeit und genauem Betrachten begegnen lässt.

Wie schon am Anfang steht man am Ende wieder vor der so einfachen und unglaublich starken Arbeit von Hans-Peter Feldmann. 9/12 Frontpage von 2002 zeigt 151 gerahmte Bilder, die ordentlich und akkurat auf der weißen Wand hängen. Es sind die Titelblätter ganz unterschiedlicher Tageszeitungen, wie der Figaro aus Frankreich, die Rheinische Post oder Las Provincias aus Spanien, die alle am Tag nach dem 11. September 2001 erschienen sind. Oft wiederholen sich Bilder und Texte und vermitteln dieselbe Botschaft, an anderer Stelle treten ganz markante Unterschiede auf. Je nach Deutungsabsicht, so hat man den Eindruck, sprechen die Überschriften von einem „Angriff gegen die USA“, einem „Krieg gegen die Zivilisation“ oder dem „neuen Krieg“ und es zeigt sich, wie hier subtil mit unserer Meinung jongliert wurde. Es sind diese kleinen feinen Unterschiede, und Werke wie das von Feldmann, Smith oder Black, an denen sich die Brisanz und Relevanz der Ausstellung für die Gegenwart entfaltet.

Irgendwie erschöpft verlässt man After the Fact, eine Ausstellung, die sich der Vielschichtigkeit und Komplexität der ästhetischen Manipulation widmet und Fakten neben verzerrter Wirklichkeit ausstellt.

„Prinzipiell bietet jedes erdenkliche Thema Raum für unterschiedliche kuratorische Ansätze, jedoch schien uns, dass der Reiz und zugleich die Problematik der Auseinandersetzung mit heutiger Propaganda in Form einer Kunstausstellung in der wesentlichen Bedeutungsverschiebung liegt, die das Kunstwerk je nach Kontext erfährt,“

sagt die Kuratorin. So lauert dann tatsächlich manchen Wandtexten etwas Unheimliches inne, schlechtere Kunstwerke verlieren sich und werden scheinbar ungewollt zu Artefakten der Propaganda. Das ästhetische Potenzial, das Schöne und Sinnliche, das gute Kunst ebenso ausmacht wie eine herausfordernde innere Logik, geht dann gewissenmaßen verloren und lässt der Geste der Radikalität den Vortritt. Der Werkbegriff des Hauses beginnt zu bröckeln.

Draußen am Königsplatz, da scheint die Sonne. Die Propyläen stehen immer noch stolz an Ort und Stelle, alles wirkt vertraut und friedlich. Man holt tief Luft und fühlt sich erleichtert. Wie bei John Smith braucht es wohl noch ein wenig Zeit, um die totale Überforderung zu verarbeiten. Aber ob wir heute – im Jahr 2017 – über die Propaganda des 21. Jahrhunderts schon urteilen können, wird sich obwohl erst im nächsten Jahrhundert zeigen.