Vor dem grauen Haupt sollst du dich beugen! – Das Städel Museum zeigt mit der Becher-Klasse die braven Siebziger

Humor als das Aufbegehren des Kleinen gegenüber dem unendlich Großen. Etwa so erscheinen Volker Döhnes Fotografien zwischen den rasterkonformen schwarz-weiß Aufnahmen der anderen Becherklässler in den ersten zwei Ausstellungsräumen im Städel Museum. Seine bonbonfarbenen Volkswagen und schiefen Einfamilienhäuser mit Tulpen im Vorgarten sind die Wiederaufbauknaller aus Remscheid, die dem in Grautönen gehaltenen Düsseldorf entgegenleuchten. Dort fotografieren seine Klassenkolleginnen und Kollegen Axel Hütte, Candida Höfer und Thomas Struth Ende der 1970er Jahre Straßenzüge und Kioske, Thomas Ruff widmet sich muffigen Interieurs, das alles geschieht noch ganz nah am Stil ihres Lehrerpaares Bernd und Hilla Becher. Die großformatigen Abzüge lassen eine Tristesse wiederaufleben, die dazu zwingt, irgendwie doch zu lachen – ansonsten wäre es wohl unaushaltbar. Auch hier bietet Volker Döhne eine Alternative aus den Straßenfluchten. In der fünfteiligen Serie Krefeld, Ostwall Ecke Rheinstraße – Rheinstraße 88 (Wiederaufbau II) dokumentiert seine Kamera ein- bis vierstöckige Nachkriegsbauten in filmischer Manier streng nebeneinander. Ed Ruschas Buildings on the Sunset Strip lassen grüßen. Man nimmt was man kann. It’s always sunny in Düsseldorf.

Die Ausstellung zeigt die Positionen der ersten Becher-Klasse der Kunstakademie Düsseldorf auf zwei Stockwerken, zu Teilen in einzelnen Räumen als konzentrierte Solopräsentationen. Dass verschiedene Fotografien miteinander warm werden dürfen, wird nur zu Beginn in den Räumen erlaubt, die das gestalterische Erbe zu den Bechers versichern sollen. Doch das bleibt ohnehin unübersehbar. Das show-and-tell Kuratieren des Städel-Gegenwartsteams Jana Baumann und Martin Engler könnte mehr Wagnis vertragen. Die Langeweile fängt mit Candida Höfers Innenaufnahmen von menschenleeren Bibliotheken an und geht über zu Thomas Struths Beobachtungen von Museumsbesuchern in den großen Gemäldegalerien des Louvre und des Prado. Andächtig sitzen die Kinder und Erwachsenen in den marmorgepflasterten Hallen des kunsthistorischen Kanons und blicken hinauf. Die überdimensionierten Fotografien, im Format schon den abgelichteten altmeisterlichen Malereien ähnlich, geben einen Vorgeschmack auf die wandfüllenden Arbeiten im Obergeschoss.

Eine weitere Entdeckung ist, nach Döhne, Petra Wunderlich, die in Rom und New York jüdische wie christliche Gotteshäuser ablichtet, die inmitten des Stadtgewühls einen Platz gefunden haben. Ihre Position wird als Abschluss des ersten Teils in einem der kleinsten Räume gezeigt. Die schmale Kabinettausstellung begeistert in ihrer Dichte und schaut mit einer guten Portion Selbstironie zurück: Düsseldorf titelt die letzte Fotografie vor dem Rückweg, die nur noch eine Backsteinwand zeigt, gerahmt von zwei Säulen. Sackgasse.

Hinaufgestiegen, an der Sammlung für Moderne vorbei, begrüßt eine riesige, verschwommene Aufnahme eines Gebäudes, das sich in die Horizontale auszubreiten scheint. Es sieht aus, als hätten die Schüler eine Silo-Fotografie ihrer Lehrer ausgedehnt und mit Pastellfarben koloriert. Was irgendwie an Instagramästhetik erinnert, könnte eine der Arbeiten von Andreas Gursky oder Jörg Sasse sein, die sich schon in den Augenwinkeln aufdrängen. Es ist jedoch wieder ein großformatiger Thomas, ein Thomas Ruff. Man ist nicht umsonst hochgegangen, steht man doch nun im Olymp der Fotografie: sie ist groß, farbig, verschwommen, kurzum – malerisch. Wie das Städel ankündigt, werden Fotografien zu Bildern und man fragte sich vielleicht bis dahin, ob sie das nicht schon in dem Moment geworden sind, als der Franzose mit dem schön-schwierigen Namen Joseph Nicéphore Niépce im Jahr 1826 die erste Heliographie herstellte. Was sich hier aufdrängt ist das hauseigene Dispositiv des Tafelbildes, was sich durch die Sammlungspräsentationen wie die Ankäufe immer wieder bestätigt. Während das MMK Museum für Moderne Kunst auf der anderen Mainseite die videografischen und konzeptuellen Arbeiten des Frankfurter Künstlers Peter Roehr zeigt, kauft und zeigt das Städel in der Abteilung Gegenwart dessen Leinwandarbeiten in Minimal Art Ästhetik. Bloß nicht die Fläche verlassen, lieber ausdehnen auf dem gleichen Standpunkt.

So löst sich die Ausstellung dann doch in keiner Weise von diesem Grundsatz und präsentiert genau das Gegenteil von dem Argument, das die begleitenden Texte von Baumann und Engler so gerne machen möchten. Die Fotografie „empanzipiert“ sich in dieser Inszenierung nicht von der Malerei, sondern wird über formale Kriterien neben die Malerei gehoben. Das überhaupt diese Frage nach dem Verhältnis beider Medien zueinander diese Ausstellung antreibt, ist so duckmäuserisch, dass man am Ende verunsichert ist, ob man nicht nur eine Fortsetzung von Malerei in Fotografie aus dem Jahr 2012 gesehen hat. Diese Ausstellung trug den Untertitel Strategien der Aneignung. Und falls es schon alle vergessen haben, das Städel Museum nennt seit über einem halben Jahr einen neuen Direktor sein eigen: Philipp Demandt. Es wäre erfrischend zu sehen, dass und wie er sich solchen Strategien annehmen würde. Denn in Fotografien werden Bilder scheint es, als müsste das geisterhafte Erbe Max Holleins in einem anderen Gewand weitergetragen werden. Das Städel Museum ist ohne Frage eine Gemäldegalerie, aber mal etwas Anderes zu zeigen als Bilder von Bildern – was dann nicht hinterrücks in den Garten gestellt wird – wäre ein interessanter Schritt, ein bisschen Pathos und Staub loszuwerden.