Review: Koki Tanaka im Migros Museum – Vulnerable Histories (A Road Movie)

  • 14.09.2018

Der Deckel von Koki Tanakas Buch, betitelt ‚Vulnerable Histories‘ (‚An Archive‘), biegt sich hier in der Hitze auf. Die Farben an den Rändern blättern auf unnatürliche schnelle Weise ab, die Seiten sind ungewohnt gewellt, hier in einem wunderbar bepflanzten Hof mitten in Teheran bei annähernd 40 Grad, als wäre das Buch für die moderaten, mitteleuropäischen Temperaturen produziert. Das Buch ist mitgereist, erst von Zürich nach Basel zur Balthus Ausstellung und diesen Bildern, in denen die westliche Malerei in ihrer eigenen Lethargie zu erliegen scheint und die Malerei der politische Korrektheit eine ungewollte Öffentlichkeit bereiten, dann München, jetzt Teheran, wo es eine hilfreiche Erinnerungsstütze ist, zum Verfassen eines Textes über eine Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst. Mit ‚Vulnerable Histories (A Roand Movie)‘ zeigt Koki Tanaka momentan eines der wichtigsten und aktuellsten Projekte, die es zu sehen gibt - an vielen Orten auf dieser Welt.

Gestern auf einer Kunstbuchmesse, außerhalb der iranischen Metropole, kein ganz neues Buch. Es wurde im Frühling 2017 in einer Teheraner Galerie vorgestellt - ‚Photo Riyahi‘ von Bahman Kiarostami, dem Sohn des bekannten iranische Filmemacher. Darin geht es um ein Fotostudio in Lavasan, einem Ort in der Provinz Teheran, in dem verhältnismäßig viele Afghanen wohnen, die das vornehmliche Klientel des Studios ausmachen. Sie lassen dort Fotografien von sich und ihrer Familie produzieren. Nur nebenbei wird fotografiert, Hauptinstrument des Studios ist Photoshop. Für eine Hochzeit, die Party der Frauen in Afghanistan, die der Männer in Lavasan, werden die erwünschten Bilder erzeugt, vor einem ebenso erwünschten Hintergrund, meist Naturbilder, gelegentlich eine europäische Bergszene. Enkel, die nie ihre Großväter gesehen haben, sitzen auf deren Knie und überhaupt werden Verwandte, auch längst verstorbene in ein neues Licht gesetzt. Die Vorstellung der eigenen Person oder die naher Verwandter verselbstständigt sich, das Abbild drängt sich aus dem gewohnten Raum-Zeit-Kontinuum, die Fotografie ist nurmehr der Rohstoffgeber für bildliche, komplett neue Selbstdefinitionen, die zwischen Wunsch und dem realen Dasein oszillieren.

Ein Selbstbild wird verfestigt, das dem eigenen und familiären Mitteilungsbedürfnis entspricht und dient. Das Buch ist ein sehr buntes Buch und es zieht Unterscheidungen ein, die die regional und kulturell bedingten Wunschvorstellungen sortiert und auseinanderzuhalten versucht. Die Vorstellungen selbst sind abgeleitet, verbunden mit den eingeschlagenen Lebenswegen, beibehaltene Erinnerungsmuster an fernen Orten, an denen man zu einer Minderheit zählt. Die digital gebauten Bilder weisen nur noch wenige Verbindungen auf, stellen sich als Rudimente vergangener Vorstellungswelten dar - hier sind es Landschaften, in die die Selbstbilder eingespeist werden, mal offene, mal abgeschlossen durch Bäume, Büsche, Berge oder in einem Park, da sind es Tiere, Vögel, die den Hintergrund abgeben, wo anders ist es Architektur, die den Ort des Auftretens ausmachen soll, gelegentlich ein deutsches Fertigbauhaus für Familien, auf einem Bild am Horizont einer Wiese, das auf einem Fels über der Donau thronende, wuchtige Kloster Melk. Es ist wenig richtig, zu sagen, dass durch diese Selbstrepräsentation eine Verschiebung der dargestellten Personen in Träume und Sehnsüchte satt finden würde, im Gegenteil, sind sie Teil einer vorherigen Kommunikation mit den Familien, mit sich selbst und der Welt. Koki Tanaka schreibt:

‚I think each instance of racism has a local context and historical reference. But at the same time, I think there is a similar form that connects multiple problems across multiple places. And if you know the similarities that connect these problems, you can see the local problems differently. Therefor you can get a fresh perspective by comparing several problems (...), and also to find out how we can understand each other.‘

Das Entrée in die Ausstellung sind eine Unzahl von Stehlen zwischen denen wir hindurchmüssen, aus Holz konstruierte Stützen, an denen eine Wand angebracht ist, die wiederum zusammengesetzt ist aus verschiednen Holzmaterialien. Nicht die Wand erschließt sich als erstes, eher die Stützkonstruktion, wir müssen diese Objekte erst umkreisen, entschlüsseln als das, was sie sind - heterogen zusammengesetzte Ausstellungswände. An ihnen sind Bilder angebracht, Fotografien, die wiederum Fotografien von Fotografien sind, teils von mehreren Fotografien, die, nebeneinander, übereinander angebracht sind an einer Wand und eben fotografiert worden sind. Es sind Erinnerungsbilder aus Familienalben und durch diese Art, sie zu zeigen, werden sie Schicht um Schicht an die Oberfläche gebracht. Es steckt eine Vorsicht in diesem Umgang mit dem Privaten, vielleicht Unbeholfenheit oder eher Scheu. Aber es geht um dieses Private, vielleicht weil wir es alle haben - das Private.

‚Vulnerable Histories‘ setzt auf dieser vorsichtig ins Private gehenden Ebene an, die von Außen als eine zusammengesetzte, immer auch verletzlich erscheint, und führt uns Schritt für Schritt in die Welt seiner Protagonisten hinein, deren weiteren Horizont wir allmählich kennenlernen, wie auch die Relevanz dieser Annäherung. Tanaka inszeniert die Begegnung der beiden Protagonisten - in einem sehr weiten Sinn verbindet er sein Projekt mit dem Kinofilm ‚Before Sunrise‘ (1995), in dem sich zwei fremde Menschen begegnen, sich unterhalten und kennenlernen. Der Begegnung bei Tanaka geht voran, dass sich beide Briefe schreiben. Zuerst Woohi Chung, sie lebt in Japan. In ihrem Brief schreibt sie über sich, ihre Familie und die Geschichte ihrer Familie. Sie ist Teil einer koreanischen Familie, die schon mehrere Generationen in Japan lebt - eine sogenannte Zainichi Koreanerin. Christian Hofer schreibt in seinem Antwortbrief, sein Großvater sei in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, als Nisei, wie die in Amerika lebenden japanischen Immigranten bezeichnet wurde. Er selbst besitzt einen Schweizer Pass, lebt in Basel. Durch die arbeitsbedingten Reisen der Großeltern ist seine Mutter nach Basel gekommen, wo er selbst aufgewachsen ist und lebt. Die Verbindung von Woohi und Christian scheint sich in erster Linie über Japan herzuleiten, als einem Bezugs- bzw. Definitionspunkt einer mehr oder minder weit gefaßten Selbstbeschreibung. Unter dieser liegt eine andere Dimension:

‚Woohi’s ambivalence about indentity, and Christian‘s nonchalance toward identity. (...) In that sense nationalism probably has no meaning to him. (...) Woohi is torn between different communities that shaped her.‘

Und hier beginnt das eigentliche Zentrum von Tanakas Untersuchung aufzutauchen. Woohi Chung ist Angehörige einer ethnischen Minderheit in der japanischen Gesellschaft, gegen die in den letzten Jahren verstärkt Ressentiments auftauchten, Feindseligkeiten, die bis hin zur Gründung nationalistischer Vereine geht, die sich die Zainichi Koreaner zum Feindbild erklären, deren Auftreten durch ‚hate speech‘ geprägt ist und vor Morddrohungen nicht Halt machen. Die Vorgeschichte besteht in der Kolonisation Koreas durch die Japaner (1910 - 1945), in welcher Zeit viele Koreaner nach Japan gekommen sind. Das gespannte Verhältnis gegen die Koreaner hat einen grausamen Höhepunkt gefunden nach dem großen Erdbeben von 1923.

In demagogischen Attacken wurde den Koreanern die Schuld für die Katastrophe zugeschoben, was zu einem gewaltsamen Programm geführt hat. Die Aufarbeitung dieses Vorkommnisses erscheint als ein schwieriges Thema, wie es auch als schwierig anzusehen ist, welchen offiziellen Status den Zainichi Koreanern in Japan zugestanden wird. Die ressentimentgeladenen Ausbrüche gegen sie, dauern fort, trotz eines von der Regierung erlassenen ‚Hate-speech‘-Erlasses. Ebenso abstrakt und fern wirkt das Verlesen dieses Erlasses, wie auch die Karta der Menschenrechte der beiden Protagonisten in einigen den gezeigten Filmsequenzen, im Gegensatz zu der zentral stehenden Begegnung der beiden.

Tanakas ‚Vulnerable Histories‘ ist ein über fünf Kapitel und einen Epilog angelegtes Screening auf ebenso vielen Projektionswänden. Wir begleiten die Begegnung der Protagonisten über diese Kapitel, in denen sie sich an unterschiedlichen Orten unterhalten, die in einer mehr oder weniger engen Beziehung zur Geschichte der Zainichi Koreaner stehen. Die Gespräch sind in der Weise inszeniert und vorgegeben, als Tanaka thematische Vorgaben macht, den Darstellern das Gespräch aber selbst überläßt. Die Entwicklung, die sich daraus ergibt, nimmt einen sensiblen Verlauf, wird intensiver, komplexer. Wir merken mehr und mehr, dass Woohi die zentrale Gestalt ist. Als ein einer Minderheit angehörendes Individuum, innerhalb einer komplexen Geschichte ist sie es, auf die sich Ressentiments und Vorurteile bündeln. Die gesellschaftlichen Aus- beziehungsweise Einschluss Momente weisen ihr eine spezifische Rolle zu. Tanaka schreibt:

‚Woohi is torn between different communities that shaped her. What impressed me the most was when Woohi said that, amid all these multiple communities, she does not want to ‚deny‘ her family or the friends she made at the different schools she attended.‘

Hierin läßt sich das Spannungsfeld ansiedeln, um Tanakas Projekt kreist. Es geht ihm darum, wie eine offene Gesellschaft funktionieren könnte, in der unterschiedliche individuelle Zugehörigkeiten zusammenleben und sich aufgehoben fühlen können. Er untersucht das Inklusionsmodell für sich und insofern ist sein Projekt, das auf der komplexen Ebene menschlicher Begegnung beruht, zweierlei: Das Aufweisen der Problemstellung von Ausschlussverfahren und dem damit verbundenen Ausgeschlossen sein, wie auch der Problemlösung, dem Aufweisen eines kommunikativen Verfahrens, das aus der Isolation führt.

In allem behält Tanaka den Standpunkt bei, der sich aus der utopischen Perspektive einer offenen Gesellschaft ergibt. Er läßt sich nicht ein auf Standpunkte, aus denen heraus sich der Hass auf die Zainichi Koreaner artikuliert. Er inszeniert nicht die Begegnung von Woohi mit jemandem, der sie nicht akzeptiert, weil sie Zainichi Koreanerin ist. Dort, wo Kommunikation verweigert wird, erscheint kein Weg in die Kommunikation. Man konnte das für ein preaching for the saved halten. Aber Tanka zeigt die Rahmenbedingungen auf, durch die eine abstrakte Gesellschaft zu einer offenen wird, und die bestehen in der Anerkennung, sei es in der Klärung, wie mit ‚hate speech‘ umgegangen wird und auch in der Klärung, welchen Status Minderheiten in Gesellschaften zugesprochen bekommen und in Aufklärung, im Sichtbar machen dessen, was die Geschichte ist und wie sie verlaufen ist und darüber im Erkennen der einzelnen Personen.

Der Epilog findet in einer Bar statt und wir sehen diese am Schluß von außen. Draußen wird es dunkel, in der Bar brennt Licht und die Beteiligten des Projekts finden in ihr zusammen, trinken und essen, jeder unterhält sich mit jedem, es liegt eine freie Selbstverständlichkeit in der Luft. Als würden wir von Ferne auf einen Ort sehen, der schön ist und den wir uns überallhin wünschen.