Warum braucht es einen Blogbeitrag zum Thema "Frauen in der Kunst"? – Und warum einen Aktionstag für die Sichtbarkeit von Künstlerinnen und Kulturproduzentinnen?

„Wie alle Lebensbereiche, ist auch das Kunstsystem noch immer von den historischen Strukturen geprägt, welche all diejenigen lähmen, unterdrücken und entmutigen, die nicht das Glück hatten, mit weißer Hautfarbe geboren zu sein, vorzugsweise der Mittelschicht angehören und, vor allem, männlichen Geschlechts sind“, schrieb Linda Nochlin 1971. Das zum Anlass des Weltfrauentages 2018 noch immer auf die sogenannte „Frauen-Problematik“ im Kulturbereich aufmerksam gemacht werden muss, liegt daran, dass die Gleichberechtigung aller Geschlechter noch weit davon entfernt ist selbstverständlich zu sein. „Im Hinblick auf die Gleichberechtigung von Frauen und Männern machen Kunst und Kultur ihrem Ruf und ihrem Selbstverständnis als gesellschaftliche Avantgarde leider bis heute keine Ehre“, lautet das Fazit von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zur Studie „Frauen in Kultur und Medien“ von 2016. In der Kunst- und Kulturszene existiert nach wie vor ein Gendergap, das sich nicht nur in der ungleichen Bezahlung niederschlägt. Nach wie vor sind gerade mal ein Viertel der in Galerien ausgestellten Werke von einer Künstlerin; in deutschen Kunstmuseen liegt dieser Anteil sogar nur bei geschätzten 10 bis 15 Prozent.

Nochlin verortet die Ursache des Problems weder in der Böswilligkeit der Männer, noch im fehlenden Selbstvertrauen der Frauen, sondern in den Strukturen unserer Kulturinstitutionen. Die Systeme unseres gesellschaftlichen Lebens, unserer Erziehung und Sozialisation prägen unsere Wahrnehmung. Deshalb neigen wir dazu historisch gewachsene Gegebenheiten als „normal“ hinzunehmen, sie ungefragt zu übernehmen und fortzusetzen. Um ein umfassendes Bild von den historischen und gegenwärtigen Entwicklungen im Kulturbereich zu bekommen, muss diese verzerrte Wahrnehmung korrigiert werden. Dazu brauchen wir andere Perspektiven, beziehungsweise einen Rahmen, in dem verschiedene Perspektiven aufeinander treffen und verhandelt werden können. Kann in diesem Umfeld die besondere Position der Frau als anerkannte Außenseiterin diskutiert werden? Hat sie vielleicht sogar einen entscheidenden Vorteil im Unterschied zur dominierenden weißen, männlichen Position, die unausgesprochen als die neutrale Form gilt?

Seit den siebziger Jahren gibt es zahlreiche Ausstellungen, die auf die Unterrepräsentation von Künstlerinnen, strukturelle Diskriminierung und unausgeglichene gesellschaftliche Verhältnisse aufmerksam machen. Die Gefahr besteht allerdings, dass Museen und Kulturinstitutionen Frauenausstellungen – unbewusst – in erster Linie deshalb zeigen, um ihr Image aufzubessern. Frauenausstellungen senden das Signal aus, progressiv zu handeln und politisch engagiert zu sein. Doris Guth beschreibt die Problematik folgendermaßen: Indem auf Frauen derart spezifisch hingewiesen wird, werden feministische Repräsentationsformen auch dazu missbraucht, konservative Vorstellungen von Identität zu festigen. Die Frau bleibt in einer Sonderrolle, sie wird als das „Andere“, als das, was das Männliche nicht ist, dargestellt. Dadurch wird an stereotypisierenden und vereinfachenden Identitätskonzepten festgehalten. Fälschlicherweise als „natürlich“ hingenommene Gegebenheiten werden unreflektiert fortgesetzt, die Komplizenschaft mit Unterdrückungsmechanismen bleibt verschleiert, der politische Hintergrund der Identitätskonzepte geht verloren. Die Konstruktion dieser problematischen Modelle weiblicher Identität sind eng verknüpft mit einem konservativen Wertesystem von Kunst, welches die traditionellen Kategorien der Kunstgeschichte aufrecht erhält. Diese Konstruktionen lassen außer Acht, dass authentische, souveräne Identität und Autorschaft nicht existiert, genauso wenig wie es so etwas wie ein „richtiges“ Kunstwerk gibt. Damit Ausstellungen zur Entwicklung neuer Identitätskonzepte beitragen können, muss ihnen ein Verständnis von Identität als Spannungsfeld zugrunde liegen, in dem Machtkämpfe eigenständig ausgehandelt und andersartige Ausdrucksweisen entwickelt werden.

Die aktuelle Ausstellung Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die Rezeption der Künstlerin zu erweitern, die sich bisher zu sehr auf die Zeit im Kreise des Blauen Reiter und die Beziehung mit Wassily Kandinsky beschränkte. Gabriele Münter wird in der Ausstellung aber nicht sensationell als Stereotyp einer weiblichen Künstlerin instrumentalisiert. Die Präsentation geht gezielt von den Werken Gabriele Münters aus und verzichtet auf eine chronologisch-biografische Erzählung. Diese kuratorische Entscheidung führt die Aufmerksamkeit direkt zu den Werken Münters. Deren Gegenüberstellung eröffnet die Möglichkeit, bisher nicht Gesehenes und nicht Erzähltes zu entdecken. Welche neuen, bisher unsichtbaren, noch nicht geschriebenen Erzählungen braucht die Ausstellungspraxis? Können Künstlerinnen durch diese Narrative als individuelle Persönlichkeiten wahrgenommen werden?

Die Repräsentation von weiblichen Künstlerinnen steht vor der doppelten Herausforderung, die existierenden Formen des Schreibens und der Wissensproduktion zu hinterfragen, und gleichzeitig neue Formen zu erproben. Der Anspruch, die leere Seite in der Männlichkeitskultur zu besetzen, beinhaltet das Risiko, allen Frauen eine gleiche Identität aufzuerlegen und so die Unterschiede zwischen Frauen zu nivellieren. Eine Strategie, um Repräsentationsformen zu stärken, die sensibel sind gegenüber den verschiedenartigen und manchmal unvergleichbaren Leben von Frauen besteht nach Victoria Horne und Lara Perry darin, die Debatte nicht über Identitätskategorien zu führen, sondern eine ganzheitliche Betrachtung der Individuen vorzunehmen. Die Betonung einzigartiger Ausdrucksweisen, die sowohl individuell als auch gemeinsam sprechen, stellt eine indirekte Kritik an reduzierenden, ungenügenden Identitätskategorien wie „weiblich“, „Frau“, „queer“ oder „of colour“ dar.

An dieser Stelle setzt die internationale Initiative ART+FEMINISM an, die sich für die Stärkung der Sichtbarkeit von Frauen und Künstlerinnen auf Wikipedia einsetzt. Wenn bislang unsichtbare Erzählungen nicht festgehalten und weitergegeben werden, gehen sie verloren. Lücken im Wissen über Frauen, Gender, Feminismus und die Kunst auf einer der weltweit größten und am meisten genutzten Webseite stellt eine relevante strukturelle Leerstelle dar. Am 7. April 2018 schließt sich das Lenbachhaus ART+FEMINISM an. Am Aktionstag findet ein Edit-a-thon statt, also gemeinsame Editierrunden auf Wikipedia. Nach einer Einführung ins Editieren auf Wikipedia finden zudem Workshops mit der bildenden Künstlerin Sophia Süßmilch und der Techno-Feministin Julia Bomsdorf statt. Abends wird in einer öffentlichen Podiumsdiskussion zum Thema diskutiert. Das Programm und weitere Informationen gibt es hier.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf dem Blog des Lenbachhauses.