Was macht Deutschland heute für die Kunst eigentlich so anders, so attraktiv? – Ein Fragebogen aus der ‚Produktion. Made in Germany drei‘ Ausstellung im Sprengel Museum, der Kestner Gesellschaft und im Kunstverein Hannover. 

Real Time: 2016 fand ich die Kolumne von Timo Feldhaus bei Spike Art Quarterly eine hysterische Wiederspiegelung medialer Ereignisse. Sie las sich wie seine Selbstdarstellung, die er sehr gut schriftlich darzustellen wusste. Besser als die Stories, von allem die auf Instagram, die ein paar Monate danach zum eigentlichen medialen Konsum von allen wurden. Ich dachte, der Autor schrieb nur über sich selbst, wenn er behauptete, er rede nur über die Anderen. Heute möchte ich mir widersprechen. Den Beitrag vom 16. Februar 2016 erscheint mir nach dem Besuch der Ausstellungen von „Produktion. Made in Germany drei“ eine selbsterfüllende Prognose. Als er von der totalen Akzeleration vorgesehenen Zeit-Rahmungen von Produktion, von Beyoncé, Kanye West und Frank Ocean als die führenden Figuren dieses Wandels schrieb, hoffte ich doch noch, das wäre alles übertrieben.

„Neue Formate ermöglichen allumfassend neue Zugriffe. Wer sie lesen und überraschend nutzen kann, verschafft sich Erfolg.“

Die Behauptung von Feldhaus, dass die 9. Berlin Biennale das offizielle Ende der Post Internet Art und das inoffizielle Ende von Berlin sei, dass die Institutionen der Stadt programmatisch versagen, dass die Galerien weiter schließen werden und dass sich alles unter den Reichen aufgeteilt hat, dass die Zahl an Ferien- und echten Mietwohnungen in Berlin sich so sehr angleiche, dass halb Berlin bald wieder komplett leer stehen wird, kommt mir jetzt allzu real vor.

(Letzte Woche habe ich Freunde in Berlin besucht und wollte wie üblich bei ihnen übernachten. Keine Chance. Drei meiner Lieblingsräume sind gerade von Fremden besetzt. Man braucht ja das Geld für die Urlaubszeit. Bekannte bewerben sich für Vollzeitstellen und bieten bereits beim Vorstellungsgespräch an, die institutionellen Aufgaben für unter 1.500 Euro netto im Monat zu machen. Ich verstehe die Verzweiflung. Es heißt kellnern oder an dem arbeiten, an was man glaubt. Und die Miete kann ja AirBnB bezahlen.)

Post-Internet Art ist tatsächlich kein ernstzunehmender Begriff geworden. Die großen Ausstellungen des Kunstsommers 2017 suchen eine Alternative zum digitalen Absolutismus. Milan Ther gehört zum sechsköpfigen Kuratorenteam von ‚Produktion: Made in Germany drei‘ und hat ‚Real Time’ im Katalog inkludiert. Dieser Move ist bezeichnend für die Gestaltung dieser Ausstellung und ihres Katalogs.

Das CI (Corporate Identity) dieser hannoverarischen Zusammenarbeit zwischen dem Sprengel Museum, dem Kunstverein Hannover und der Kestner Gesellschaft zeigt auf plakative Art und Weise die Clichés gesellschaftlicher anerkannter deutscher, effizienter Produktion. Doch diese täuscht uns. Mit dem CI präsentieren sich die Institutionen nur als Rahmen vom Ganzen, und versuchen damit ein breiteres Publikum anzulocken. In den Ausstellungen selbst geht es aber um ganz andere Dinge. Hier in Hannover geht es vor allem um etwas, was als stärkste Instanz von Produktion, und nicht nur der Kunstwillen, wichtig ist: Beziehungen.

Beziehungen zwischen Künstler, Kuratoren und Autoren, die heute Kollaborationen als wirtschaftlich aktive Formationen neu definieren, sind letztendlich ein Synonym für den Zirkulationsprozess geworden, in dem gerade die Geltung davon, was Kunst ist und was nicht, verhandelt wird. Diese zwischenmenschlichen Verhandlungen werden nicht von Institutionen oder Unternehmen getragen und erzeugt, sondern von den Individuen, die sie erhalten.

Im Endeffekt ist die Zirkulation wichtiger als das Produkt selbst. Und dies zeigt sich täglich mit überraschender Präzision. Die autonome Präsenz der Kunstproduzenten ist heute nur bedingt lebbar, und hängt komplett von der Beschleunigung unserer Wahrnehmung, sowie von der Logik eines transnationalen Konsums ab.

Diese Feststellung möchte ich als Teil einer Kettenreaktion reproduzieren: ein Ausstellungskatalog zitiert Onlinebeiträge eines Kolumnists über die Kunst und die Menschen. Jetzt zitiert Reflektor M als online Magazin die vier Fragen, welche der Katalog exklusiv an ein paar ausgewählten Figuren stellte, um Informationen konsequenterweise weiter zirkulieren zu lassen. Denn ‚Produktion. Made in Germany drei‘ ist ja nicht nur ‚Made in Berlin‘, sondern auch ‚Made in Nürnberg, Düsseldorf, Hamburg, Karlsruhe, München, usw.‘. Dieser Fragebogen kommt mir passend in diesem Monat, in dem Jubiläums- und Jahresausstellungen der deutschen Kunstakademien gefeiert werden. Es sind nun auch die DozentenInnen, Studierenden, AbsolventenInnen sowie die jüngste KuratorenInnen, welche diese Fragen während dieser Zeit um den Schlaf bringen. Oder auch nicht. Trotzdem habe ich sie ihnen gestellt.

1 Standort Deutschland für die Kunst. Was fällt Ihnen / Dir spontan hierzu ein? Wo sind Stärken, wo Schwächen? Gibt es etwas Spezifisches?

2 Welche Faktoren sind für Sie/Dich bei der Entwicklung des Werks oder der Arbeit – auf mentaler und diskursiver Ebene – als auch in Hinblick auf die realen Produktionsbedingungen wichtig? Beispiele?

3 Wie wichtig sind Ausbildungsorte, diskursive Plattformen, Räume und/oder Institutionen für den eigenen Werdegang? Beispiele?

4 Inwiefern haben sich die Produktionsbedingungen und -mechanismen in den letzten Jahren verändert und inwieweit hat dies Deine/Ihre Arbeit beeinflusst?


1 What comes to mind when reading „Germany as a site and a space for art?“ How do you experience working here? Are there any benefits or drawbacks, or other peculiarities?

2 Which factors are important when developing works, from both the intellectual and the operational point of view? Examples?

3 How important are educational systems, discursive platforms or spaces and/or institutions in your own professional career?

4 To which extent have the conditions and mechanisms of production changed over the last years and how have any recent changes influenced or changed your practice?