WEM GEHÖRT DIE KUNST? – Allen und keinem. Das ist ja das Geile. Geht ins Museum. Schreibt die Gesetze neu. Stürmt die Bank.

  • 04.06.2018

Es gibt zwei Notenbanken: Die eine verwaltet das Geld, die andere die Kunst. Die eine zählt das Zählbare, die andere das Unzählbare. Die eine kümmert sich um die Stabilität der finanziellen Werte, die andere um die der ästhetischen Werte. Die eine sichert das Privateigentum, die andere, was allen gehört. Die eine steht in Frankfurt und niemand kann rein, die andere ist das Museum und jeder kann rein und braucht dafür nicht mal unbedingt Geld. Hier, in der Zentralbank der ästhetischen Werte, steht und hängt der ganze Reichtum der Gesellschaft, all das Erbe, das über die Jahrhunderte bestellt, gekauft und erobert wurde, die Kriegsbeuten, die Sammlungen fremder Fürsten, die Fetische kolonisierter Völker, die Meisterwerke der Antike und ihre Kopien.

In Deutschland verlangen öffentliche Museen meist noch Eintritt, aber wer zum Beispiel in Großbritannien oder in New York lebt, kann einfach von der Straße ins Museum hineinspazieren und Kunst aus 5000 Jahren sehen, Statuen, Einbäume, Rüstungen, Teppiche, Barockgemälde, einfach alles, alles, was über 5000 Jahre Leuten einen Sinn gegeben hat, ist da drin. Die ganze Unmöglichkeit von Gerechtigkeit und die Schönheit, die daraus entsteht, ist im Museum. Kunst wird ja oft so behandelt, als sei sie ein Luxus, den man eigentlich nicht braucht, aber das ist ja wohl das Dümmste und Traurigste, was man sagen kann. Das ist, als würde man sagen, dass man keine Träume braucht und keinen Fußball, kein Schach, kein Fernsehen, keinen Sex und keine guten Gefühle, und dass auch niemand eine Kindheit braucht, und dass man keine Blumen in der Wohnung braucht und keine schönen Klamotten und keine guten Menschen und keine Spaziergänge und keinen Fahrtwind, und dass man auch keine schönen Überraschungen beim Essen braucht und dass alle immer nur stumpf ihre Arbeit machen sollen und sonst gar nichts. Aber wofür sollte man denn dann seine Arbeit machen. Es ist ja andersherum, mit der Kunst fängt alles an, und das Ziel sollte doch sein, dass man möglichst wenig arbeiten muss und möglichst viel Kunst um sich haben kann.

In einer Zeit, in der es eben genau umgekehrt war, in der wenige Leute Kunst sehen oder Bücher lesen konnten und den meisten gar nichts übrig blieb als kurz zu schlafen und lang zu arbeiten, in der Frühzeit der Industrialisierung, waren es gerade Bilder und Romane und Gedichte, die Leute überhaupt auf die Idee brachten, mehr zu wollen. In „Die Nacht der Arbeiter“ beschreibt der Philosoph Jacques Ranciere, wie um 1830 Schreiner, Schneider und Parkettverleger die Abende in die Länge zogen und den Schlaf zurückdrängten, um Gedichte zu diskutieren und Pamphlete zu schreiben, um Zeitschriften zu gründen mit Titeln wie „L’Atelier“, die erste Arbeiterzeitschrift, und damit das Feld zu erobern, von dem sie per Reichtumsverteilung ausgeschlossen waren, das der Kunst, der Muße, der Vorstellungskraft und der intellektuellen Abenteuer. Bevor also überhaupt die Arbeiterkämpfe des langen 19. Jahrhunderts den Sozialstaat brachten, an den wir heute so gewöhnt sind, und der die Freiheit brachte, sich für oder gegen Kunst zu entscheiden, stand die Eroberung der Freiheit im Ästhetischen, der Verfügung über die eigene Zeit und die eigene Fantasie.

Im Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss studiert eine Gruppe junger kommunistischer Widerstandskämpfer in der Zeit des Dritten Reiches den Fries im Pergamonaltar, der die Schlacht der griechischen Götter gegen die Giganten darstellt. Statt konspirativ in Kellern zu sitzen, stehen die Jugendlichen im Museum, statt möglicher Strategien zum Umsturz diskutieren sie die Details der Ausführung durch die antiken Bildhauer und lernen aus ihnen für den Widerstand, statt der Feier des Sieges der Götter sehen sie den Kampf der Unterdrückten gegen die Herrschenden. Über das Studium des Pergamonaltars gewinnen die Jugendlichen das Gefühl, Teil eines Kampfes zu sein, der die Jahrtausende überbrückt und sie mit den Sklaven des Geschlechts der Attaliden im 2. Jahrhundert vor Christus verbindet. Sie lesen Dante und Kafka, betrachten Goyas „Die Erschießung der Aufständischen“ (1808 – 1814) und Eugène Delacroix’ „Die Freiheit führt das Volk“ (1830), und diskutieren immer den Nutzen für die Revolution. Laufend werden in diesem Megaroman Kunst, Politik, Ökonomie und das Leben Einzelner aufeinander bezogen, womit die Tatsache vorgeführt wird, dass all dies nur aus je allem anderen überhaupt irgendeinen Sinn erhält.

Indem die von Rancière beschriebenen Arbeiter und die Arbeiterkinder bei Peter Weiss sich vor Kunstwerken fortbilden, verändern sie auch die Kunstwerke, holen sie aus der Repräsentation von Macht heraus, welche die Geschichte festschreiben will, holen sie von den Säulen, widmen sie um, machen sie zum Kampfmittel; und so werden die Werke wieder zu einem existenziellen Einsatz innerhalb einer konkreten gesellschaftlichen Situation, wie sie es auch bei ihrer Entstehung waren. Es ist eine Art der Aneignung der gesellschaftlichen Reichtümer, die das Bildungsversprechen des Museums ernster nimmt als dieses sich selbst.

Kunst ist schwer zu verstehen. Aber das liegt auch daran, dass sie sich von selbst versteht. Es wird doch niemand daran zweifeln, dass Höhlenmalereien und Gesänge den Menschen der Steinzeit und Statuen und Theater den Menschen der Antike überhaupt erst einen Sinn dafür vermittelt haben, wofür es sich zu leben lohnt und dafür, was man sich alles wünschen und was man erreichen kann. Auch Konzeptkunst, die oft Vorwissen verlangt, weil sie sich auf eine Geschichte vorangegangener Werke oder auf Theorien bezieht, versteht sich im besten Fall von selbst in dem Sinne, dass sie ihr eigenes Gesetz aufstellt. Und dass sie mir einen Weg abverlangt, den ich gehen muss, um mich auf ihre Logik einzulassen, einen Weg der meist weit schwieriger ist als eine Fernsehserie zu schauen oder Musik zu hören.

Warum sollte ich mich auf diesen Weg einlassen?

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