What you see is what you get? – “Primary Structures. Meisterwerke der Minimal Art“ im MMK2 Museum für Moderne Kunst

Die 1960er Jahre sind Mario Kramer wichtig. So bildet dieses Jahrzehnt immerhin den Grundstock der Sammlung des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, die Kramer als Kurator und Sammlungsleiter seit nunmehr 27 Jahren betreut. Mit der Rekonstruktion der Münchener Galerie Heiner Friedrich in seiner Ausstellung „Primary Structures. Meisterwerke der Minimal Art“, die ihren Namen einer Ausstellung des Jewish Museum im Jahr 1966 entlehnt und aktuell in der Museums-Dependance MMK2 zu sehen ist, versucht der Kurator den Minimalismus der 1960er Jahre in die Gegenwart zu holen.

Wie eine Kulisse wird der Galerieraum an den Anfang der Ausstellung gestellt. Im Originalmaßstab wurde der Raum, in dem 1968 Carl Andres 22 Steel Row (1968) und Dan Flavins Two primary series and one secondary (1968) gezeigt wurden, nachgebaut und die beiden Werke während der Laufzeit der Ausstellung originalgetreu installiert und nacheinander gezeigt. Eine Zeitkapsel aus 1968, platziert im Herzen eines futuristischen Büroturms, welcher das MMK2 im Frankfurter Bahnhofsviertel beherbergt. Carl Andre und Dan Flavin sind zwei große Pioniere des US-amerikanischen Minimalismus der 1960er Jahre.

An der Außenwand der „Rekonstruktion Heiner Friedrich“ ist zu lesen, dass gerade Dan Flavins Lichtinstallationen zu sehen sind. Die Fenster sind abgedunkelt, um in den drei zusammenhängenden Werken ihre innere farbige Strahlkraft zum Leuchten zu bringen. Bei Carl Andre ließ Kramer noch eine künstliche Sonne durch die Fenster scheinen, damit man bei der Begehung der Stahlplatten sehen konnte, wie einmalig sich diese in die Raumarchitektur integrieren. Beide Arbeiten, Flavins Two primary series and one secondary (1968), drei Lichtinstallationen, die sich auf drei Galeriekabinette verteilen und Andres 22 Stahlplatten, die sich an Breite und Größe der Türrahmen orientieren, machen den Galerie- Raum auf ihre Weise erfahrbar. Der Bezug dieser beiden Kunstwerke zu ihrem Umraum – ihre Ortsspezifität – ist nachvollziehbar.

Fraglich ist jedoch, ob man mit der Rekonstruktion dieses Umraums auch die Atmosphäre von 1968 wiederbeleben kann. Wie aber steht es mit 1966, als die „Primary Structures“ im Jewish Museum in New York gezeigt wurden? Diese erste, wegweisende Ausstellung der US-amerikanischen Vertreter der Minimal Art schrieb die Künstler und ihre Werke gleichsam in den Kanon der Kunstgeschichte ein. Ein großes Erbe, an das Kramer anknüpfen will – mit einer reinen Sammlungspräsentation. Während der Kurator aber einen deutschen Galerieraum aufwendig nachbauen ließ und zwei Ausstellungen der Galerie Heiner Friedrich von 1968 re- inszenierte, hat „Primary Structures“-Reloaded relativ wenig mit der Originalversion von 1966 zu tun.

Zwar zeigt Kramer mit der Präsentation von Carl Andre, Dan Flavin, Donald Judd und insbesondere mit Werken wie Cage (1965) von Walter de Maria, das bereits in der 1966-er Ausstellung zu sehen war, wie mächtig die Sammlung des MMK ist. Darüber hinaus ist es aber schwierig, sich im Gewirr der schieren Masse an Kunstwerken, die zudem aus ganz verschiedenen Zeiten stammen, einen Eindruck davon zu bekommen, wie die Ästhetik von primary structures (dt.: primäre/einfache Strukturen) mit der Kunstströmung des Minimalismus der 1960er Jahre überhaupt zusammengeht. Es ist nicht nur ein räumliches Labyrinth, durch das man sich im Taunus-Turm hindurchschlängeln muss: Überall steht, liegt oder lehnt etwas, teilweise sind Werke durch die industrielle Ästhetik nicht vom White Cube des MMK2 zu unterscheiden, sodass man sich (ist erlaubt) auf eine Beton-Bank (Banco, 2004) von Teresa Margolles setzt oder (ist nicht erlaubt) an die Rohre von Charlotte Posenenske lehnt (Vierkantrohre, Serie D, 1967).

Es ist auch ein inhaltliches Labyrinth, wenn plötzlich stark emotional aufgeladene Werke, wie die Bancos von Teresa Margolles, die sich in ihren Kunstwerken intensiv mit dem Tod auseinandersetzt und ihre Beton-Bänke mit Leichenwasser benetzt, neben den kalten geometrischen Strukturen einer Konstruktion von Donald Judd (Untitled, 1967) aufgestellt werden. Rein äußerlich, in ihrer puren Ästhetik, passen diese vielleicht zusammen. Inhaltlich liegen Welten dazwischen. Ganz abgesehen davon, dass ihr Entstehungszeitpunkt über 30 Jahre auseinanderliegt.

Keine Frage: Alle Werke, die in „Primary Structures“ gezeigt werden, sind Meisterwerke der Modernen Kunst, die für sich stehen und Zeugnis von der erfolgreichen Sammlungstätigkeit des MMK und insbesondere Mario Kramers als Sammlunsleiter ablegen. Die Frage, die offen bleibt ist aber, wie heute ein Münchener Galerie-Raum von 1968 mit den Leichen-Bänken einer mexikanischen Künstlerin von 2004 unter dem Titel einer Ausstellung, die 1966 in New York stattfand, zusammenpasst? Die Leidenschaft Mario Kramers für die 1960er Jahre manifestiert sich im Titel und in der aufwendigen Kulisse der Galerie Heiner Friedrich. Ein wenig mehr Minimalismus in der freizügigen Präsentation der zeitgenössischen Werke, die sich diesem Kanon inhaltlich entziehen, hätte der Ausstellung jedoch sicherlich gut getan. Es ist nämlich doch nicht alles Minimalismus, was man sieht.