Trilogie der Zeitverschwendung # 2 – Through it all, von Melanie Bliss

  • 19.03.2017

An einem Sonntag in März, ohne Schnitt, entstehen drei Porträts einer besonderen Öffentlichkeit. Einzelne Sequenzen und viele Zufälle drehen sich um das Fahrrad von Melanie Bliss, und um das unerträglich erhabene des leeren Tages am Ende der Woche. Was man mit sich macht, an einem Sonntag, ist meistens eine offene Frage, eine Qual für die Workaholics, die Rechtfertigung für die Procrastinators, die Agonie der Herzgebrochenen. Ok, das ist vielleicht too much. Aber: es ist so.

Die Bildqualität der drei Videos ist schlecht. Die Kameraführung ist von der Bewegung des Handgelenks abhängig. Eine gewisse Verlegenheit versteckt sich dahinten, trotz der klaren Neugier. Die ausgewählten Tracks machen es alles wieder gut. Es sind Tracks, die irgendwie auf Soundcloud auftauchen und überraschen, wie viel gute Musik es da draußen gibt, die man nicht kennt.

Die Videos gehören auf unterschiedlichen Ebenen zusammen. Sie sorgen zwar nicht für Spannung, denn Bliss dreht sich in Kreisen, doch das Interesse steigt bei der Manipulation der aufgenommenen Situationen, und die Überraschungen aus dem Nichts. Die Vergangenheit. Die Gegenwart. Ach, die Zukunft! Bliss’ Gedanken ertrinken in der alpinen Luft und den Dingen, die sie mit sich bringt, gefiltert durch die unvermeidlichen Emotionen, die das alles einfärben.

Erster Take: Ein Pärchen radelt durch den Hofgarten; zwei Freunde wie Zwillinge verlieren eine Kippenschachtel am Max-Joseph-Platz; ein Skater schleicht sich durch die Menschenmasse Richtung Odeonsplatz. Zweiter Take: Eine Gang von Jungs läuft zum Dianatempel in der Mitte des Hofgartens, ein Mädchen mit einem Buch flaniert vor der Münchner Residenz. Dritter Take: Das laufende Mädchen mit dem Buch raubt die ganze Szenerie mit ihrer Unverbindlichkeit zu ihrer Umgebung.

Ich möchte es eine Trilogie der Zeitverschwendung nennen. Zeitverschwendung wäre auch ein Synonym für das gezwungene Warten (Die Hamburger Kunsthalle widmet eine ganze Ausstellung dazu), für mühsame sich wiederholende Rätsel und für die Willkür der Gedanken.

Multitasking und Drive-By Shooting: Die Frau kennt sich gut aus mit Kameraführung und besitzt eine breite Erfahrungspalette der Postproduktion für große TV-Konzerne. Sie fokussiert sich daran, den unverstellten Moment zu zeigen, die wiederum ihrem Liebeskummer entsprechen. Sie personifiziert die Teenager, die sie gerade verfolgt. Ihr Augenmerk, warum auch immer, richtet sich an diese Art Ablenkung.


2 Through it All | Hofgarten

I’ve been through it all

yeh?!

Die zweite Stimme macht es wieder lustig.

Wie bei dem Spiel, Monopoly, man wird nach einer Trennung zum Start zurückgeworfen.

If you fall, i’ll be there (floor)

Was singt der denn da?

Was auch immer, das bringt mich zu einem Brief von Chris Kraus in ‚I Love Dick‘, ihre feminine Unzufriedenheit und Langeweile, so intensiv wie man es nur bei den Realisten bei Tinder-BenutzerInnen kennt. (Siehe auch Flauberts Madame Bovary)

„Dear Dick,“ she wrote, „I guess in a sense I’ve killed you. You’ve become Dear Diary…“ She’d begun to realize something, though she didn’t think much about it at the time.

Dear Dick, All day and into this evening I’ve been feeling lonely, panicky, afraid. Tonight I didn’t see the moon at all until about 8.30 but suddenly, driving north on 81, THERE IT WAS, deep and huge like it’d just risen, nearly full and red orange like a blood tangerine. It felt ominous, and I’m wondering if you feel as I do - this incredible urge TO BE HEARD. Who do you talk to? (…) To initiate something is to play the fool. I really came off the fool with you, sending the fax, etcetera. Oh well. I feel so sorry we were never able to communicate, Dick. Signals through the flames. Not waving but drowning - Chris

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