Kammer 1,2,3 | Münchner Kammerspiele

SPIELZEITSTART 9.10.2015

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LIEBES PUBLIKUM Die Münchner Kammerspiele sind ein Theater, in dem ein ganz besonderer, ein freier künstlerischer Geist herrscht. Um das großartige Ensemble wird das Haus im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus zu Recht beneidet. Die Kammerspiele sind ein Gegenüber, das der Stadt München und den Menschen, die hier leben und arbeiten, auf Augenhöhe begegnet: stets im Austausch, oft genug auch in einem kreativen Reibungsprozess der intellektuellen Auseinandersetzung. Ich hoffe, dass wir der Verantwortung, die wir für diese traditionsreiche Einrichtung haben, gerecht werden können. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung und Ihre wache Aufmerksamkeit.

Noch vor dem „offiziellen“ Beginn der Spielzeit geht das Theater in die Stadt hinaus. Gemeinsam mit jungen Architekten, die einen von raumlaborberlin organisierten Wettbewerb gewonnen haben, errichten wir Wohnungen – „Shabbyshabby Apartments“, die sich auch weniger gut betuchte Menschen leisten können. Mit dieser künstlerischen Intervention möchten wir auf die Verknappung von bezahlbarem Wohnraum in München und die Gefahr der sozialen Spaltung in der Stadt aufmerksam machen. Sie sind eingeladen, in den ungewöhnlichen, schrägen, fantasievoll gestalteten Räumlichkeiten zu übernachten. Am nächsten Morgen gibt’s Frühstück in der Kantine der Kammerspiele – eine gute Gelegenheit, sich mit anderen Besuchern über das Erlebte auszutauschen.

Wir freuen uns sehr, dass Nicolas Stemann in der ersten Spielzeit drei Arbeiten bei uns realisieren und als Hausregisseur auch der Ansprechpartner für das Ensemble sein wird. Ab der Spielzeit 2016/17 kommt ein weiterer bedeutender Protagonist des Gegenwartstheaters, Christopher Rüping, als Hausregisseur dazu. Gemeinsam mit einer Gruppe von rund dreißigjährigen Regisseuren wie Simon Stone, Anna-Sophie Mahler, Felix Rothenhäusler, Alexander Giesche und dann auch Susanne Kennedy, Yael Ronen und Julien Gosselin wird er einen Generationswechsel einleiten. Eine Reihe von Künstlern und Mitarbeitern bringe ich aus meiner Zeit am Hebbel am Ufer in Berlin nach München mit. Ich öffne das Haus für Gruppen aus der freien Szene, für Rimini Protokoll, She She Pop und Gob Squad – alles Künstler, deren Arbeit bereits mit Einladungen zum Berliner Theatertreffen gewürdigt worden ist.

An den Kammerspielen werden sie ihre Produktionen – nicht nur, aber auch – gemeinsam mit dem Ensemble entwickeln. Genauso wichtig wird es für uns sein, mit Kollektiven wie FUX zusammenzuarbeiten, drei Studenten des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, die gerade erst anfangen, Theater zu machen oder dass der ungarische Musiker und Regisseur David Marton behauptet, ein Opernhaus gründen zu wollen. Etablierte und junge Künstler, freies Theater und Stadttheater sollen sich so lange vermischen, bis nicht mehr erkennbar, es einfach nicht mehr relevant ist, welcher Abend unter den Bedingungen welcher Produktionsstruktur entstanden ist.

Johan Simons hat maßgeblich zur Internationalisierung der Münchner Kammerspiele beigetragen. Diese Arbeit setze ich fort, ersetze aber Gent durch Paris (mit dem Regisseur Philippe Quesne) und Antwerpen durch Tokio (mit dem Autor und Regisseur Toshiki Okada). Ich möchte eine künstlerische Brücke in beide Metropolen schlagen und einen breit angelegten Austausch aufbauen. Aus Beirut, wo ich nach meiner Zeit am Hebbel am Ufer ein Jahr lang Studenten unterrichtet habe, hole ich Rabih Mroué zu uns nach München. Auf Arabisch wird der Bildende Künstler, Performer und Regisseur eine Produktion über das Verhältnis von Gewalt und Politik entwickeln. Wir bewegen uns alle in einer globalisierten Welt. Das soll sich in den Kammerspielen abbilden. Wir nehmen Sie mit auf die Reise.

Das Ensemble ist das Herz der Kammerspiele. Großartig ist, dass die Schauspieler Peter Brombacher, Katja Bürkle, Anna Drexler, Walter Hess, Brigitte Hobmeier, Christian Löber, Stefan Merki, Jochen Noch, Annette Paulmann, Wiebke Puls und Thomas Schmauser fest im Ensemble bleiben. Aber auch, dass andere hinzukommen: z.B. Gundars Āboliņš, der Protagonist des Theaters von Alvis Hermanis in Riga. Vom HAU bringe ich Damian Rebgetz mit, der als australischer Performer und Musiker neue Akzente einbringt, auch die serbische Sängerin Jelena Kuljić oder den Schauspieler Niels Bormann kenne ich aus dieser Zeit. Mit einer Gruppe von jungen neuen Schauspielern, wie Hassan Akkouch, Thomas Hauser, Franz Rogowski, Samouil Stoyanov und dem Kölner Jungstar Julia Riedler, wird sich das Ensemble deutlich verjüngen.

München agiert wirtschaftlich ungeheuer erfolgreich. Viele Mitarbeiter der großen Unternehmen sprechen eher Englisch. Viele der Flüchtlinge, die aus den Krisengebieten an den Außengrenzen Europas und von noch weiter her in die Stadt kommen, sprechen überhaupt kein Deutsch. Aus diesem Grund werden wir möglichst viele Vorstellungen auf Englisch übertiteln.

Viele der Schauspieler sprechen von den Kammerspielen als Kammer, so wie alle selbstverständlich wissen, was das Resi ist. Als wir uns mit der Frage zu beschäftigen begannen, in welche Richtung sich unser Theater bewegen, worin seine innere Logik bestehen könnte, hatten wir den Eindruck, dass die historisch gewachsene Namensgebung der verschiedenen Spielstätten – Schauspielhaus, Neues Haus und Spielhalle, Blaues Haus und Werkraum – ein wenig verwirrend geworden ist. Wir möchten das vereinfachen und diese Orte nach Größe durchnummerieren. Das Schauspielhaus heißt von nun an Kammer 1, die Spielhalle ist die Kammer 2 und der Werkraum die Kammer 3. Alle Spielstätten zusammen sind und bleiben die Münchner Kammerspiele.

Überhaupt wird die Kampagne, mit der wir uns in München und im überregionalen Kulturleben vorstellen, mit vielen Assoziationen herumspielen, die das Wort „Kammer“ freisetzt: die Wunderkammern, die Kammern des Verdrängten, das Kammerflimmern, die Gerichtskammern. In meinem Heimatbezirk Berlin-Neukölln gibt es eine Kultur, sehr direkt von seinen Problemen zu erzählen. Das kann einem durchaus auf die Nerven gehen. In München ist es genau umgekehrt. Da gibt es eine Vornehmheit, die Probleme eher verbirgt. Was dem Blick der Öffentlichkeit entzogen ist, was wir tun, wenn wir alleine sind, davon erzählen die Kammern. Wir sind sehr glücklich darüber, dass der Bildende Künstler Wolfgang Tillmans für uns sein Archiv geöffnet und bislang unveröffentlichte Fotos, die er mit der „Kammer“ assoziiert, herausgesucht hat. Das Ergebnis sind die Fotostrecken in dem Spielzeitheft, das Sie in der Hand halten.

Die Aufnahmen der Schauspieler, der neuen und alten Mitglieder unseres Ensembles, sind allerdings nicht vor der Linse des prominenten Fotokünstlers entstanden, sondern wurden bei einer kleinen Aktion im Kreise der Belegschaft gemacht. Es sind Xeroxbilder, für die alle Beteiligten ihr Gesicht auf die Glasscheibe unserer Hauskopierer gelegt haben. Das ist ein von Chris Rehberger, dem Designer unserer Imagekampagne, bewusst gewählter Gegensatz zu der ebenso artifiziellen wie authentischen Autorenfotografie von Wolfgang Tillmans. Denn die „Kammer“ steht auch für „dicht zusammen“ und „nah dran sein“. Die Kammerspiele waren schon immer ein intimer Entfaltungsraum für Schauspieler, und die Direktkopie ist die unmittelbarste, dichtestmögliche Abbildung des Gesichtes. So nah kommt man den Bühnenprotagonisten selten. Bei der Kopiererparty haben sich auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters ablichten lassen – einige davon tauchen stellvertretend für die ganze Belegschaft zwischen den Ensemblebildern auf.

Ich möchte, dass die Kammerspiele ein junges Theater sind. Für einen Preis von 80 Euro können Studierende das Haus ab der kommenden Spielzeit so oft besuchen wie sie wollen. Die einzige Ausnahme sind Konzerte. Die könnten wir sonst nicht finanzieren. Ich würde mich freuen, wenn die Kammerspiele für sie so etwas wie ihr Lieblingswohnzimmer, ihr Lieblingsclub werden könnten.

Apropos nah dran – Sie können mich ab sofort zu Hausbesuchen einladen: Wenn Sie es schaffen, mindestens 10 Freunde in Ihrem Wohnzimmer zu versammeln, dann erzähle ich Ihnen anhand von Videobeispielen, was wir in der kommenden Spielzeit vorhaben, auf welches Programm Sie sich freuen können. Ich bleibe aber auch außerhalb dieser Aktion immer für Sie ansprechbar. Wenn etwas nicht so ist, wie Sie es sich wünschen würden, dann kommen Sie einfach auf mich zu, gerne auch beim Theaterbesuch im Foyer.

Es liegen spannende Aufgaben vor uns. Das neue Ensemble, das neue Team, wir alle müssen uns erst einmal finden. Ich bin neugierig, was wir in dieser Stadt mit Ihnen, dem Publikum, erleben werden. Ich hoffe, es gelingt uns einiges, anderes wird misslingen. Immer aber werden wir versuchen, etwas zu riskieren.

Mit freundlichen Grüßen, Matthias Lilienthal


DEAR AUDIENCE,

A special, free artistic spirit prevails at the Münchner Kammerspiele. The great ensemble of the theater is rightly the envy of all the German-speaking countries and beyond. The Kammerspiele are a counterpart that meets the city of Munich and the people who live and work here eye to eye: always in exchange, and frequently enough in the process of creative friction inherent in intellectual discourse. We hope to be able to do justice to the responsibility that we will assume for this institution so deeply steeped in tradition. In order to reach this goal we need your support and vigilant attention.

Prior to the official beginning of the season, the theater will already go to town. Together with young architects who have won a competition organized by raumlaborberlin we will establish flats – “Shabbyshabby Apartments”, which people who are less well-off can also afford. It is the intention of this artistic intervention to shine a spotlight on the scarcity of affordable housing in Munich and the risk it creates for social disruption in the city. You are invited to spend a night in one of these unusual, unconventional, fancifully designed facilities.

In Nicolas Stemann we have managed to engage an important representative of contemporary theater as in-house director. I am bringing a number of artists and staff from my time at Hebbel am Ufer in Berlin to Munich. The theater will be opened for groups from the free scene such as Rimini Protokoll, She She Pop and Gob Squad – all of them artists whose work has already been honored by invitations to the Berliner Theatertreffen.

Johan Simons has contributed significantly to the internationalization of the Münchner Kammerspiele. I am planning to continue his work, but I will replace the artistic ties with Gent and Antwerp by ones with Paris (represented by the director Philippe Quesne) and Tokyo (with the author and director Toshiki Okada). I would like to build an artistic bridge between these two major cities and initiate a broad flow of exchange. From Beirut, where I taught students for one year after my time at Hebbel am Ufer, I will call Rabih Mroué to Munich. The visual artist, performer and director will develop a production about the relationship of violence and politics. We are all living in a globalized world. This too will be reflected by the Kammerspiele.

Munich enjoys incredible economic success. Many employees of great companies are likely to speak English rather than German. Many refugees who come to the city from the crisis regions on Europe’s external borders and even beyond do not speak any German at all. For this reason we will provide as many performances as possible with English surtitles.

The campaign that we intend to launch in order to introduce ourselves in Munich will play on the numerous associations connected to the term “chamber” (Kammer): the chambers of marvels, the chambers of suppression, the chambers of the heart, the chambers of court. In my home quarter of Berlin-Neukölln people tend to be very outspoken about their problems. In Munich the very opposite is the case. There prevails a sophistication which rather hides problems. The chambers talk about those things that are concealed from the eyes of the public, about what we do when we are alone. We are very happy that the visual artist Wolfgang Tillmans has opened his archive for us and has selected previously unpublished photographs that he associates with the “Kammer”.

The photographs of the new and old members of our ensemble and the exemplary shots of some of our numerous staff members were taken during a small staff party. The Kammerspiele have always been an intimate place where actors can reveal what is in them, and the direct photocopy is the most immediate and densest picture of the human face. You hardly ever get this close to stage actors.

I want the Kammerspiele to be a young theater. Starting with the upcoming season students can visit the theater as often as they like for a flat rate of 80 Euro. The only exception is concerts which we could not finance otherwise.

Apropos close-up – from now on you can invite me for a house call: Gather at least ten friends in your living room and I will show you by means of video examples what we are planning to do in the upcoming season. Beyond this offer you are welcome to contact me any time. If something is not the way you like it, please get in touch with me, also during a theater visit in the foyer.

Thrilling tasks are ahead for us. The new ensemble, the new team, we all must first find one another. I am curious what we will experience in this city together with you, the audience. I hope that lots of things will work out well, others may fail. But that is because we will always take risks.

Yours sincerely, Matthias Lilienthal