Vernissage – Alfredo Jaar

Rosa, Karl, Bertolt, Herbert and the others / Kuratorin: Michaela Richter

Jährlich lädt der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) zeitgenössische Künstler*innen ein, ein Außenprojekt an der Fassade seines Gebäudes in der Chausseestraße zu realisieren und so den Blick auf den Stadtraum zu verändern. Das Arbeiten im öffentlichen Raum ist tief verankert in der Praxis von Alfredo Jaar, der seit Beginn seiner Karriere mit politischen Arbeiten Aufmerksamkeit erregt.

Seine für den n.b.k. konzipierte Reihe von grafischen Schaubildern mit dem Titel Rosa, Karl, Bertolt, Herbert and the others (2017) bildet eine Hommage an Harun Farocki und dessen kritischen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse, während sie zugleich die wechselvolle Geschichte der Chausseestraße thematisiert. Als eine der ältesten Straßen Berlins markiert sie seit dem 19. Jahrhundert einen wichtigen Produktions- und Wirtschaftsstandort, der im Laufe der Geschichte verschiedenste Industrien beheimatete. Von 1961 bis 1990 war die Straße durch die Berliner Mauer geteilt und durch einen Checkpoint geprägt. Acht Jahre vor dem Mauerbau bildete der Grenzübergang einen der Brennpunkte des Aufstands vom 17. Juni 1953, als rund 10.000 streikende Stahlarbeiter hier aufmarschierten.

Alfredo Jaar greift historische Momente wie diesen auf und referenziert sie in seiner neuen Arbeit, die zugleich vier Intellektuelle benennt (Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Bertolt Brecht und Herbert Marcuse), deren Denken Harun Farockis Werk nachhaltig beeinflusst hat – und in deren Lebensgeschichte zudem die Chausseestraße eine Rolle spielt. Fasziniert davon, wie viele von Farockis Themen – Arbeitswelten und ihre Veränderung, Herrschaftstechniken, die Kraft des Visuellen und Möglichkeiten der Opposition – in der Geschichte der Chausseestraße zusammenfließen, hat Alfredo Jaar ein Werk entworfen, das die Betrachter*innen zur Entschlüsselung und Reflexion einlädt.

Alfredo Jaar (g. 1956 in Santiago de Chile) lebt und arbeitet in New York. Seine Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen und Großprojekten weltweit präsentiert, zuletzt u. a. Museum of Contemporary Art, Chicago (2016); Deichtorhallen, Hamburg (2015); Times Square, New York (2014); Stedelijk Museum, Amsterdam (2014); Museum of Modern Art, New York (2013). 2012 zeigten drei Berliner Institutionen (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlinische Galerie und Alte Nationalgalerie) eine Retrospektive von Jaars Werk. Seine Arbeiten waren wiederholt auf den Biennalen von Venedig (2013; 2009; 2007; 1986) und São Paulo (2010; 1989; 1987) zu sehen, zudem ist Jaar zweimaliger documenta-Teilnehmer (1987; 2002).