Antisemitismus als Kontinuität kulturpessimistischer Weltbilder – Symposium

Antisemitismus als Kontinuität kulturpessimistischer Weltbilder

Tagung mit Tahera Ameer, Fabian Bechtle, Julia Bernstein, Verena Dengler, Sophie Goltz, Anetta Kahane, Leon Kahane, Ismail Küpeli, Marko Martin und Patrice Poutrus

Kulturpessimismus ist eine düstere und destruktive Perspektive auf die Entwicklung der Welt, seine Vertreter*innen deuten insbesondere den Fortschritt in liberalen Gesellschaften zu Untergangsszenarien der Zivilisation um. Antworten auf die sozialen und politischen Veränderungen der Gegenwart findet der Kulturpessimismus in der Beschwörung eines vermeintlich „Eigenen“, „Authentischen“ und sogar „Völkischen“. In kulturpessimistischen Weltbildern finden sich neben rassistischen Vorstellungen kontinuierlich unterschiedliche Ausprägungen von Antisemitismus wieder, der als Antithese zum Universalismus herangezogen wird. Auch in ablehnenden Haltungen zur Moderne sowie in Formen von Antiimperialismus und Antizionismus finden die verschwörungstheoretischen und völkischen Phantasmen des Kulturpessimismus ihren Ausdruck.

Im Rahmen der Tagung des Forums demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) soll die antisemitische Implikation des Kulturpessimismus aufgezeigt werden, ebenso wie dessen grundsätzliches und intersektional diskriminierendes Vorgehen.

Julia Bernstein nimmt in ihrem Beitrag eine historische, politische und kulturelle Einordnung von bildlichen Darstellungen vor, die sich trotz und wegen ihrer antisemitischen Ikonografie über Jahrhunderte etablierten. In ihrer Forschungsarbeit richtet Julia Bernstein einen besonderen Fokus auf die Rezeption solcher Bilder durch Jüdinnen – eine oft vernachlässigte Perspektive. Tahera Ameer spricht über ihre Arbeit bei „Aktion Schutzschild“, einem Projekt, das die Selbstorganisation von Migrantinnen und Geflüchteten gerade in strukturschwachen Räumen stärkt und ihre Perspektive in den Diskurs einspeist. Ameers Vortrag thematisiert den zum Teil ambivalenten und affirmativen Umgang mit Antisemitismus in ihrem Tätigkeitsfeld.

In ihren künstlerischen Arbeiten beschäftigt sich Verena Dengler mit den Akteur*innen der Neuen Rechten und der Identitären Bewegung in Österreich. Deren Ablehnung der modernen Gesellschaft speist sich aus kulturpessimistischen Weltuntergangsfantasien. In Reaktion darauf flüchten Neurechte und Identitäre in eine romantisierte Darstellung von völkischem Heldentum und Pathos. Der antisemitische Topos der deutschen Romantik äußert sich durch ein deutlich ausgeprägtes Feindbild: „Der Jude“ steht einer vermeintlich „gesunden“ und „natürlich gewachsenen“ Gesellschaft entgegen. Ismail Küpeli spricht über den zeitgenössischen türkischen Nationalismus, der sich in seiner Ausformung einer nationalistischen „Hochkultur“ maßgeblich an der deutschen Romantik orientiert.

Patrice Poutrus geht in seinem Vortrag auf die Historie von Schuldabwehr und Täter-Opfer-Umkehr in Deutschland ein. Diese spezifischen Phänomene sieht er nicht in einer von Brüchen geprägten deutschen Geschichte begründet, sondern vielmehr als eine eigene Form der Kontinuität. Die politischen Entwicklungen der Gegenwart lassen sich demnach nicht auf die Probleme der Nachwendezeit reduzieren, sondern sind Ausdruck einer historisch gewachsenen Selbstviktimisierung.

Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich In deutscher Sprache

Tagungsort Neuer Berliner Kunstverein, n.b.k. Chausseestraße 128/129 10115 Berlin

Programm

13 Uhr Begrüßung Marius Babias, Direktor n.b.k. Fabian Bechtle und Leon Kahane, Forum demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst

13:15 – 13:45 Uhr Die unterschiedlichen Facetten des Antisemitismus und ihre Bedeutung für die kollektive Identitätsbildung Prof. Dr. Julia Bernstein, Soziologin und Künstlerin, Frankfurt University of Applied Sciences

14:00 – 15:45 Uhr Antisemitismus als integratives Moment Tahera Ameer, Projektleiterin „Aktion Schutzschild“, Amadeu Antonio Stiftung, Berlin

Neurechte Ikonografien und identitäre Aneigungsstrategien in Österreich Verena Dengler, Künstlerin, Wien

moderiert von Marko Martin, Schriftsteller und Publizist, Berlin

15:45 Uhr Pause

16:15 – 18:00 Uhr Und wieder keine Stunde Null – Überlegungen zu historischen Kontinuitäten in der ost-deutschen Gesellschaft Dr. Patrice Poutrus, Zeithistoriker und Migrationsforscher, Berlin

Deutsche Romantik und Ideologie im türkischen Nationalismus Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler und Historiker, Bochum

moderiert von Sophie Goltz, Kuratorin, Berlin / Singapur

18:00 Uhr Schlusswort Anetta Kahane, Autorin, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Berlin

Die Tagung 'Antisemitismus als Kontinuität kulturpessimistischer Weltbilder' ist organisiert vom Forum Democratic Culture and Contemporary Art in Kooperation mit dem Neuer Berliner Kunstverein, unterstützt von der Amadeu Antonio Stiftung und der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).