Ausstellung und Soundinstallation – Dark Matters. Die dunklen Materien der Stadt

Die Dunkelheit aus der ich stamm

  • 14:00 - 23:59 Uhr
  • 16.09.2017
  • Staatstheater Mainz

ab 14 h Ausstellung und Soundinstallation
Die Dunkelheit aus der ich stamm
Vorträge von Prof. Dr. Hartmut Wittig (Exzellenzcluster für Teilchenphysik Prisma Mainz) und Prof. Dr. Ernst Peter Fischer (Wissenschaftshistoriker und Publizist,Universität Heidelberg)

anschließend Nothing’s really matter (UA) Szenische Lesung von Katharina Cromme und dem Dark Matters­Team

18 h π – System im Chaos ein Film von Darren Aronofsky

21 h Phase IV ein Film von Saul Bass

22.30 h
Abseits alltäglicher Wahrnehmung Die Nachtführung durch Mainz Treffpunkt: Kino Capitol


Mit Dark Matters. Die dunklen Materien der Stadt machen sich die Kuratorinnen Malin Nagel und Annika Wehrle auf die Suche nach den un­ sichtbaren und unterirdischen Strukturen der Stadt Mainz. Sie laden dazu ein, unter die Oberflächen, in die Atmosphären und Schichten der Stadt einzutauchen. Dafür lassen sie sich von den Denkweisen der Teilchenphysik inspirieren: Unter Einsatz gigantischer Teilchenbeschleuniger und einer Vielzahl an ExpertInnen wird dort an etwas geforscht, das sich weder mit den menschlichen Sinnen noch mit den aktuellen Messmethoden genauer bestimmen lässt. Doch macht es bis zu 96 % des Universums und der dort herrschenden Kräfte aus: Die Dunkle Materie und Dunkle Energie. Diese Selbstverständlichkeit im Investieren erheblicher Energien in die Suche nach dem großen Unbekannten, über­ trägt das Projekt Dark Matters. Die dunklen Materien der Stadt auf städtische und gesellschaft­liche Zusammenhänge.

Pilze

Ein Pilz ragt aus einem feuchten Holzstück. Zu sehen ist jedoch nur ein Bruchteil. Unter der Erde ein unüberschaubares Geflecht, bis zu einem Quadratkilometer groß. Pilze ziehen sich durch Pflanzen, fressen sich in Gemäuer, überwuchern Wege und dringen hinein in den menschlichen Organismus. Sie bilden das dritte große Reich der Lebewesen neben den Tieren und Pflanzen. Ihre Bedeutung für die Ökologie und Ökonomie ist noch nicht vollständig erforscht und liegt noch teilweise im Dunkeln. Pilze vermehren sich ungeschlechtlich, ohne Befruchtung, durch Sporen, die jahrhundertelang überleben können. Aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit gegen biologischen Zerfall findet man Sporen oft in fossilen und geschichtlichen Ablagerungen. In der Archäologie und Paläontologie dienen sie als Indizien für Datierungen, Umweltbedingungen und Klimaveränderungen. Pilze sind keinesfalls nur giftig und krankheitserregend, sondern bauen auch toxische und umweltschädigende Stoffe ab. Neben den Bakterien sind Pilze für die Zersetzung und den Abbau aller Organismen verantwortlich und halten so den gesamten ökologischen Stoffkreislauf am Laufen. Doch wie kann man den Sporen auf die Spuren kommen? Was kann man von ihren verzweigten Geflechten lernen? Und was haben Pilze und Menschen gemeinsam?

Daten

Unsere Räume, Körper und Gehirne sind durchzogen von Datenströmen, unsichtbar kreuzen sich um und in uns komplexe Informationen, abstrakt und verfügbar zugleich. Jeder Handyanruf innerhalb einer Stadt nimmt den Umweg über das Weltall, jede Suchanfrage verlässt den Kontinent und kehrt nach der Dauer eines Blinzelns in die Stadt zurück. Neuronale Netze, menschengemacht, dem Gehirn nachempfunden, der menschlichen Wahrnehmung und Kontrolle entzogen. Dennoch nachvollziehbar gebaut und konstruiert: Algorithmen aus 1 und 0. Dennoch überlisten sie menschliche Strategien und entfalten scheinbare Eigenleben. Während Datenschutz und Transparenz aneinander hängen und zugleich ihre Kräfte messen. Wer speichert wo? Wer verbreitet, wer schützt? Wer weiß was?

Müll & Abwasser

Die Infrastruktur der Stadt baut auf dem Verbergen auf. So schnell es geht, sollen sie verschwinden, die unangenehmen, überflüssigen, stinkenden Restprodukte der Körper und menschlichen Zivilisation. In einem Netz des Abtransports werden Abwasser und Müll aus den Städten und den Augen entfernt. Unterirdisch eine parallele Stadt, ein Kreislauf des Abtransports, der Aufbereitung, der Erneuerung. Materien werden abgestoßen, transformiert und aufgewertet. Sie verändern ihren Aggregatzustand und gelangen in neuer Gestalt wieder in den Alltag zurück. Andere Materien bleiben, halten an ihrer Gestalt fest. Sie lassen sich nicht zersetzen, resistent gegen den Verfall, trotzen der Zeit. Werden zu Zeugnissen, überdauern ihre organischen Zeitzeugen und das gezielt Konservierte. Vor der Haustür werden Tonnen geleert und unbemerkt abtransportiert. Überschuss und Absonderungen verschwinden spurlos aus den Häusern. Aber welche Wege nehmen sie? Welche Kräfte sind am Werk, um das Kraftwerk Stadt zu betreiben?

Ablagerungen

Unter dem Asphalt der Straßen, der wie eine Versiegelung über den Schichten der Stadt liegt, lagern die Materien der Vorzeit. Gegenwart häuft sich auf Gegenwart, obenauf die lesbare Oberfläche. Darunter Überreste anderer Generationen, anderer Systeme, anderer Werte. Zersetzte Strukturen, konservierte Momente. Menschen, Steine, Pflanzen, Tiere, Kunststoffe, Mikroben. Eine Ausgrabung, unergründetes Untergründiges wird ans Tageslicht befördert, aus dem Kontext entnommen, mit neuen Kontexten versehen. Aber wer sagt, ob es sich bei diesen lange verborgenen Dingen um Wertgegenstände handelt, ob sie gestern eine Funktion hatten, ob sie heute und morgen von Bedeutung sind?