Talks – Griselda Pollock und Angela Dimitrakaki

Feminism and Art theory now

1971 veröffentlichte Linda Nochlin ihren bahnbrechenden Aufsatz ‘Why Have There Been No Great Women Artists?’. Sie analysierte, wie das Geschlecht die Produktion und Rezeption von Kunst beeinflusst hat; dabei ging sie der Dominanz weißer männlicher Künstler in der westlichen Kunstwelt nach sowie dem Status von Künstlerinnen, die in der Geschichte immer wieder daran gehindert worden waren, gleiche Bildung zu erhalten und ihr Talent zu entwickeln. Sowohl Nochlin als auch Griselda Pollock stellten dabei den ‘Genie’-Begriff in Frage, der immer nur mit weißen männlichen Künstlern assoziiert war, und zeigten die Privilegien auf, die mit dieser Terminologie verbunden sind.

Mitte der 1980er-Jahre brachten Wissenschaftlerinnen wie Audre Lorde und Bell Hooks die Abwesenheit nichtweißer Frauen in feministischen Kunstdiskursen zur Sprache und wiesen auf die Wichtigkeit der Intersektionalität bei solchen Diskussionen hin. Auch Chandra Talpade Mohanty, Gayatri Spivak, Gloria E. Anzaldúa und andere plädierten für eine umfassendere feministische Analyse, die in der Lage wäre, auch Frauen aus postkolonialen Ländern einzubeziehen, die gleich doppelt 'kolonialisiert' wurden: durch imperiale und patriarchale Ideologien.

In der heutigen feministischen Kritik scheinen sich unterschiedliche Narrative derart zu durchkreuzen, dass Pollock die Beziehung zwischen 'Third Wave'- und 'Second Wave'-Feminismus mit der Beziehung zwischen einer Mutter und ihrer neidischen Tochter vergleicht – in einem ödipalen Sinne. Sie stellt dazu fest: 'Um einen transregionalen demokratischen Raum für die fortgesetzte Virtualität des Feminismus zu schaffen, brauchen wir ein historisches Verständnis des Feminismus selbst, das sich von der heutigen fragmentierten Karikatur von kriegsführenden Generationen und Erneuerungswellen unterscheidet'. Neue Literatur zu dem Thema (Dimitrakaki, Lloyd), die Ansätze gesellschaftlicher Reproduktion in der Kunstgeschichte erforscht, hat in diesem Zusammenhang die Existenz 'verschiedener Feminismen' in Frage gestellt, 'um eine Art Kompromiss, eine Art Ausgleich zwischen den vielfältigen Positionen anzustreben, um Inklusivität zu erreichen.' Die Vorträge und die Panel Diskussion fallen mit der Ausstellung ‘Kiki Smith: Procession’ zusammen. Im Mittelpunkt von Smiths Kunst steht oft eine sehr physische und beinahe gequälte Abbildung biblischer oder mythologischer Heldinnen; in diesem Zusammenhang zielt die Veranstaltung darauf ab, verschiedene Generationen feministischer Kunsthistorikerinnen miteinander ins Gespräch zu bringen und eine Diskussion über zeitgenössische Ansätze feministischer Kunstkritik und ihre Beziehung zur Geschichte des Feminismus und feministischer Kunst per se anzustoßen.

Griselda Pollock

ist Professor of Social and Critical Histories of Art sowie Direktorin des Centre for Cultural Analysis, Theory and History (CentreCATH) an der Universität Leeds. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Entwicklung und Erweiterung einer internationalen, postkolonialen, queer-feministischen Analyse der visuellen Künste. Dabei konzentriert sie sich vor allem auf die Themen Trauma und ästhetische Transformation und entwickelt Aby Warburgs Konzept der Pathosformel weiter, so dass es auf Kunst nach 1945 (siehe After-affects /After-images: Trauma and Aesthetic Transformation (Manchester University Press, 2013)) sowie auf kuratorische Arbeit und Schreiben über Kunst (siehe Art in the Time-Space of Memory and Migration - Sigmund Freud, Anna Freud and Bracha Ettinger (Freud Museum und Wild Pansy Press, 2013)) angewendet werden kann. Seit 2011 hat sie zahlreiche Beiträge über die politische Ästhetik eines 'concentrationary memory' veröffentlicht, die in Bezug zu Hannah Arendts Nachkriegs-Analyse des Totalitären als politischem Angriff auf die Demokratie und die Natur des Menschen entwickelt wurde, der ein wachsames politisches Gedächtnis notwendig macht (siehe die Bücher Concentrationary Cinema (Berghahn, 2011), Concentrationary Memories: Totalitarian Terror and Cultural Resistance (I. B. Tauris, 2013), Concentrationary Imaginaries: Tracing Totalitarian Violence in Popular Culture (I. B. Tauris, 2015) sowie Concentrationary Art: Jean Cayrol, the Lazarean and the Everyday in Post-war Film, Literature, Music and the Visual Arts (Berghahn, 2018 (im Druck)), die Pollock gemeinsam mit Max Silverman herausgegeben hat.) Derzeit analysiert sie das ‘schlechte’ (politisch destruktive) kulturelle Gedächtnis des Feminismus mit besonderem Augenmerk auf feministische Interventionen in Kunst und Kunstgeschichte in Is Feminism a Bad Memory? (Verso, 2018) und arbeitet an einer feministischen 'warburgischen' Lesart der Handlungsmacht und Bilderzeugung von Marilyn Monroe an der Schnittstelle von Kino, Fotografie, visueller Kunst und kulturellem Gedächtnis (Monroe’s Mov(i)e: Class, Gender and Nation in the work, image-making and agency of Marilyn Monroe, Erscheinungsdatum 2019). Einige Artikel hierfür sind bereits in den Zeitschriften Journal of Visual Culture und Journal of Visual Art Practice erschienen sowie eine Sammlung in Gesture in Film (Chare & Watkins, 2017). Soeben erschienen ist Pollocks große Monographie über den monumentalen Werkzyklus Leben? Oder Theater? (1941-42) der Malerin Charlotte Salomon (1917-43): Charlotte Salomon in the Theatre of Memory (Yale University Press, 2018) und sie steht kurz vor der Fertigstellung ihres Langzeitprojekts The Case against “Van Gogh”: Place, Memory and the Retreat from the Modern (Thames & Hudson, erscheint 2019).

Angela Dimitrakaki

ist Autorin und Dozentin für zeitgenössische Kunstgeschichte und -theorie an der Universität Edinburgh, wo sie mit KollegInnen das Master¬programm Modern and Contemporary Art sowie die Global Contemporary Research Group leitet. Zu ihren Büchern zählen Economy: Art, Production and the Subject in the 21st Century (2015, Hg. mit Kirsten Lloyd), Gender, ArtWork and the Global Imperative (2013), Politics in a Glass Case: Feminism, Exhibition Cultures, and Curatorial Transgressions (2013, Hg. mit Lara Perry) sowie Art and Globalisation: From the Postmodern Sign to the Biopolitical Arena (2013, in griechischer Sprache). 2016 war sie eine der Herausgeberinnen eines Sonderbandes über soziale Reproduktion für Historical Materialism: Research in Critical Marxist Theory und 2017 eine der Herausgeberinnen einer Sonderausgabe, ebenfalls über gesellschaft¬liche Reproduktion, für Third Text. 2019 erscheint dort eine Sonderausgabe über antifaschistische Kunsttheorie, bei der Dimitrakaki wiederum Mitherausgeberin ist. 2017 wurde sie für ihre belletristische Arbeit mit einem Preis der Akademie von Athen ausgezeichnet.